Ihr Verehrer sah mich kalt an. „Sie können Lady Beatrix doch nicht zumuten, etwa Gouvernante zu werden,“ sagte er. Ich besann mich; und mit einem Male fand ich es entschieden geistreich, daß Londons beste Gesellschaft dies Mädchen mit so großer Auszeichnung empfing. Der Boden eines Salons hatte sich — wenn man will — gesenkt, jedenfalls verschoben, und seine Anforderungen waren andere geworden. So rückständig war man nur noch bei uns zu Lande, daß man einen Salon im Sinn des 18. Jahrhunderts sich erträumte; ein solcher bringt es höchstens auf einen Jahrgang, und einen Succès de ridicule.

Denn wir betreten ihn heute, wie wir ein Eisenbahncoupé besteigen: mit Zurücklassung alles Gepäcks, höchstens mit einer kleinen Handtasche ausgerüstet. So lassen wir auch unser bagage intellectuel im Vorraum bei unseren Mänteln hängen: nur leichter Stücke, wie Schlagfertigkeit oder Witz, bedürfen wir hier. Was wir denken, wollen wir jetzt vergessen, und ausschalten, was wir wissen. Ein Salon will keine Steigerung mehr, nur eine Ablenkung vom Leben sein. Uns ist wohl, wenn nur die Lüge glücklich vertreten bleibt, wenn nur unsere Augen, unsere Sinne einen Moment der Täuschung sich hingeben können, daß unser Leben etwas Heiteres sei.

Man trifft in London und Paris und auch in Rom sehr geistreiche Leute in Gesellschaft: der Schein ist eben für die ganz Ernsten wie für die Gedankenlosen; den einen ist er Element, den anderen ein Verweilen. Der heutige Salon zerfällt in Bühne und Zuschauerraum — ungleich dem Leben, in dem Kluge wie Toren — und zwar zusammen — mitspielen müssen. Dort hingegen kann die schönste Teilung vor sich gehen: je großartiger aber der Schein, je stärker die Illusion, umso gewählter natürlich das Publikum.

Ich eile zur Pointe. — In unseren Salons stehen noch allzuhäufig — statt der Kulissen — alle Türen nach der Wirklichkeit offen, — oder doch angelehnt. Unsere Frauen sind allzu wahrhaft: der einen spricht die Sorge um ihre Kinder, oder die Mißvergnügtheit, oder die Literatur, oder gar die Schlichtheit ihrer Verhältnisse allzu deutlich aus Ton und Blick.

Wenn ich da an Lady Beatrix denke, erscheint sie mir wie ein ideales Standbild — ich sage nicht des Lebens —, wohl aber des heutigen Salons. Statt Banalitäten über hohe Themen sagte sie geistreiche Dinge über dumme Sachen. Und wie verriet sie doch mit keiner Miene die innere Zerworfenheit mit ihrem Schicksal.

Obwohl ich es noch nicht verlauten hörte, kann ich mir nicht denken, daß es nicht schon oft gesagt wurde, so sehr sticht es ins Auge: das Erbe der Griechen haben Deutsche und Engländer unter sich geteilt. Wir setzten es in unsere Gedankenwelt, und sie ins äußere Leben um. So ist Halbheit überall. Il ne nous manque que la grâce. Es ist das ganze Geheimnis unserer Unpopularität.

Neue Rundschau 1908.

BEI TAINE

Statt über das Werk den Meister zu vergessen, geht es mir oft umgekehrt. Jeder hat seine Manier, und es fruchtet nichts, es anderen nachzutun. Als ich aber das erstemal einem bedeutenden Manne gegenüberstand, spielte sie mir einen recht schlechten Streich.

Kaum erwachsen, war ich in Paris bei Taine eingeführt worden. Er wohnte in der Rue Cassette Nr. 23, einer stillen Straße am linken Seineufer. Dorthin wanderten an Dienstagen — dem Tage, an dem Taines empfingen — Gelehrte, Künstler, einheimische und durchreisende Sommitäten. Die Wohnung selbst war ohne Prunk; nichts wehte hier von wortfroher, pariserischer Eleganz, zumal die Boulevards schienen meilenweit von diesen ernsten, hohen Räumen entfernt, in welchen Taine, der Feind der Phrase, mit mehr Güte und Gelassenheit als Neugier seine Besucher empfing. Ich beobachtete ihn von ferne, wie er zwischen Arvéde Barine und Ferdinand Fabre aufmerksam, aber mehr rege als lebhaft, bald dem einen, bald dem anderen zugewandt saß. Trotz seiner weißen Haare und seines wenig robusten Aussehens machte der 70jährige nicht den Eindruck eines alten Mannes.