Als pilgernde Törin stand ich indessen gottverlassen und grenzenlos verschüchtert inmitten des Salons, als Taine plötzlich auf mich zukam. Mit einem großen Ruck hielt da mein Herz alsbald zu schlagen inne. Mein Gott! dachte ich erschrocken, da ist er ja! Taine begann nun ein Gespräch oder, besser gesagt, einen Monolog, denn ich entgegnete kein Wort. Den Blick unverwandt auf ihn gerichtet, gedachte ich, alles, was er sagte, mir getreu zu merken, wohl bewußt, daß eine solche Gelegenheit sich mir nie wieder bieten würde. Taines stilles, blasses, duldendes Gesicht, das in der Jugend, am Mittag seines Lebens, häßlich gewesen sein mochte, war im Alter schön. Wir sehen im Scheine einer verglühenden Sonne rauhe Bergesfurchen zart und träumerisch ermatten. So kann das sinkende Licht eines bedeutsamen und wertvollen Lebens Schatten von zauberhafter Anmut in ein Antlitz graben. Zwar spiegelte sich nur Mühsal, nichts in diesen erschöpften Zügen gemahnte an die Freude. Dennoch schwebte mir dies Leben wie ein voller begehrenswerter Becher vor, nach dem ich dürstend die Hand ausstreckte. Und zerbrochen, leer, glitt da mein eigenes zu Boden.

Taine sprach lange, wie gewohnheitsgemäß nachdenklich und konzentriert, während ich ihn schweigend und unbeweglich ansah. Doch als er innehielt, erfaßte mich größte Reue und Bestürzung. Denn ich gewahrte — jetzt erst —, daß seine Worte, die meinem Gedächtnis zeitlebens nicht entfallen sollten, — gänzlich an mir vorbeigeklungen waren, und daß ich keine Silbe davon vernommen, geschweige denn behalten würde. Der Eindruck seiner Persönlichkeit war zu überraschend gewesen; er hatte die Fähigkeit, auf seine Worte aufzumerken, in mir wie ausgeschaltet und betäubt. Taine selbst, seinen Gedanken nachhängend, mochte meine innere Fassungslosigkeit so wenig bemerkt haben, wie die Betretenheit, mit der ich ihn verließ. — Ihn wieder zu sehen, sollte mir nicht vergönnt sein, und schon das Jahr darauf drang die Kunde seines Todes nach Deutschland. Da war es einer seiner Schüler, der mir von der Schwermut, den inneren Kämpfen erzählte, durch welche Taines Lebensabend so schwere Trübungen erfuhr, weil der Glaube an das System, auf welches er einst mit so fester Überzeugung seine Weltanschauung gründete, in ihm erschüttert war. Daß er selbst am Ende sein Tagewerk so kritisch überschaute, von seinen eigenen Zweifeln zu vernehmen, berührte mich seltsam, fast wie eine Kunde. Ich sah ihn wieder vor mir — gesenkten, duldenden Angesichts, wie am Tage jenes verlorenen und doch so unvergeßlichen Gespräches; und mein damaliges Verhalten, der Überschwang meines Eindruckes wollte mir nicht mehr in demselben Maße töricht und unverantwortlich erscheinen. Ich weiß: ein so gesteigerter Heroenkult gilt nicht für abgeklärt. Es wird uns bei sehr vortrefflichen Menschen begegnen — (ja gerade von solchen, welche ihr Leben der Erhaltung, dem Gedeihen oder dem Fortschritt der Menschheit widmen: von Ärzten, Gelehrten, Forschern) —, daß sie der Meinung sind, der Mensch nehme sich selber allzuwichtig. Aber so berechtigt sie auch klingt, daß ein Philosoph sich rückhaltlos zu dieser Anschauung bekennt, werden wir nicht erfahren; nicht etwa, weil er hier gravitätischer zu Werke geht, sondern lediglich deshalb, weil sie keine philosophische ist.

Je typischer freilich oder je vollendeter ein Mensch, desto unvollkommener vermag sein Dasein die Fülle seines Wesens auszulösen. In dem Maß ist er ja verehrungswürdig, als er die eigenen Unzulänglichkeiten, die Unzulänglichkeit des Lebens überbietet.

„Ich sehne mich recht von hier weg,“ schrieb Goethe am 2. Juli 1781 an Frau v. Stein, „die Geister der alten Zeiten lassen mir hier keine frohe Stunde; ich habe keinen Berg besteigen mögen, die unangenehmen Erinnerungen haben alles befleckt. Wie gut ist’s, daß der Mensch sterbe, um nur die Eindrücke auszulöschen und gebadet wieder zu kommen!“

Übrigens fand mein Besuch bei Taine noch am selben Abend ein komisches Nachspiel. Von der Rue Cassette aus eilte ich nämlich nach der Rue de Verneuil. Damals setzte gerade meine Geselligkeitsphase ein, und neue Menschen interessierten mich noch namenlos. So betrat ich denn sehr verspätet und als ahnungsloser Neuling einen, trotz provinzialen Einschlags sehr typischen Salon des Faubourg. „Ich komme von Taine,“ verkündete ich gleich beim Eintritt, teils um mein spätes Erscheinen zu begründen, teils um mir bei dem Anblick einer sehr zahlreichen und fast gänzlich fremden Gesellschaft eine Contenance zu geben. Die Mitteilung schien jedoch keinerlei Echo hervorzurufen. Daraus schloß ich, sie sei überhört worden, und fing also noch einmal an, ich sei bei Taine gewesen und käme geradewegs von ihm. Jetzt unterbrach mich aber eine alte, wundervoll frisierte Dame. „Vous en êtes fière?“ sagte sie und fixierte mich mit großen, wie absichtlich ausdruckslosen Augen: „Eh bien, ma bonne petite, pour nous c’est le diable“.

Münchner Neueste Nachrichten
1905.

RANDGLOSSE ZUR PSYCHOLOGIE DER NATIONEN.

Es ist nicht anders: eine Nation fällt meist unter dieselben Gesichtspunkte wie der einzelne Mensch, der, je nachdem seine Licht- oder Schattenseiten hervortreten oder ins Auge gefaßt werden, uns höchst liebenswert erscheinen kann, oder höchst wert, daß er zu Grunde geht.

Und wo wäre heute die Nation, an der nicht hassenswerte Züge hafteten?

Ich gedenke eines dreitägigen Aufenthaltes in einer englischen Pension in Florenz, mit 45 englischen Spinsters. — In ihrer Haltung, ihren Ellenbogen, ihren fantasielosen Fingerknöcheln, dem Behagen und der Gravität, mit der sie ihren Afternoon-Tea ins Auge faßten, ihre Bröter bestrichen und über Italian Art verhandelten, feierte die englische Borniertheit wahre Orgien. Man glaubte eine weit vorgeschrittene Tumeur Nationale vor sich zu haben; und es war erdrückend, ja, es war fast spukhaft, so wenig existenzberechtigt und zugleich so lady-like zu sein!