Einige Tage später hatte ich das Mißgeschick, in Rom einer Aufführung des Tristan beizuwohnen. Der Dirigent, der das Hornsolo am Schlusse der Introduktion zum III. Akt als weinerliche Berceuse auffaßte, konnte sich an seinen falschen Betonungen nimmer satt hören und zog und dehnte sie mit wahrer Wonne immer mehr hinaus. Und als dies überstanden war, erlebte man einen, jenem Hornsolo entsprechenden, als männliche Cameliendame dahingestreckten Tristan.

Ganze Scharen hochfahrender Betrachtungen und Vergleiche drangen da unwillkürlich auf mich ein; und meine Blicke schweiften im Hause umher, wie um ein deutsches Wesen ausfindig zu machen und einen verständnisvollen Salut mit ihm zu wechseln. Denn was hatten wir für Orchester, was hatten wir für eine Auffassung, und überhaupt, was waren wir für Leute!

Allein errötend erkannte ich da gleich in meiner nächsten Nähe — in einem Aufzug, der meine nationale Eitelkeit auf das Empfindlichste verletzte, — eine deutsche Familie. Und dabei mußte ich mir zugestehen, daß diese Leute sich ebenso unverkennbar als Deutsche, wie die Spinsters der Florenzer Pension auf den ersten Blick als Britinnen sich verrieten. —

Es ist ja stets eine ungeheure Mannigfaltigkeit von Dingen, aus welchen sich in der Physiognomie einer Nation das Charakteristische gewisser einheitlicher Züge zusammenstellt. Der Schwerpunkt solcher Probleme liegt denn auch in ihren Beziehungen, so daß wir einer Lösung näher schreiten, je synthetischer wir hier verfahren; doch sind es Beziehungen, an welchen nur zu oft, durch die geringe Sichtung, welche sie bisher erfuhren, der Schein des Unzusammenhängenden haftet.

Unvermittelt erregten in mir jene deutschen Touristen lebhafte Betrachtungen über die Reformation. Und weil die Größe der Gesinnung zwar die persönliche Verantwortung, doch keine Konsequenzen deckt, erschien mir Luther als eine tragische, doch höchst unpolitische Gestalt; der Kahlheit wegen, die sich im Lauf der Zeiten in den Lutherischen Protestantismus schlich; denn es liegt seiner unkatholischen Färbung ein unkünstlerisches Element zu Grunde, vor dem sich zwar der deutsche Geist schadlos halten konnte, das deutsche Naturell aber nicht ohne bedenkliche Einbuße blieb. Im katholischen wie im protestantischen Deutschen ist heute der katholische Zug zur Temperamentssache geworden: der Lutherische Protestantismus ist einmal nichts fürs Auge!

Zeitler Almanach 1907.

CAMBRIDGE

Bevor ich England verließ, wollte ich noch Cambridge „mitnehmen“; der Ausdruck ist nicht mehr trivial, wenn man ihn bedenkt. Denn tatsächlich „besitzen“ wir die Städte, die wir sahen, und merken nachträglich — an der Bereicherung — welche Lücke es gewesen ist, das Kennenswerte nicht zu kennen.

So ist man über das konservativste aller Länder noch im Unklaren, bevor man in Oxford und in Cambridge einen Blick in die große Werkstatt warf, in der seit Jahrhunderten der Gentleman in seinem scharfen Gegensatz zum Nicht-Gentleman sozusagen fabriziert wird. Man sieht die ungeheure Wichtigkeit, welche dem englischen „student“ zuerkannt wird, wobei man freilich seine Stellung als künftigen Herrn mehr denn als gegenwärtiger Studiosus im Auge hat.

Sonst ein gutmütiges Geschöpf, lernte ich erst in Oxford und vielleicht noch stärker in Cambridge die peinvollen Empfindungen erfahren, welche der Neid auszulösen imstande ist. Und auch ein Wunsch, den ich noch nirgends hegte, stieg hier in mir auf: noch einmal zur Welt zu kommen, um an diesem beschaulichen Ort das dem Alltag so entrückte, so vollkommen unreale Dasein der englischen Jünglinge zu führen.