Wir haben ja alle Stunden, sagen wir an trüben November- oder Februarnachmittagen, wenn das Tageslicht am schalsten ist, wo uns der ganze Aufwand unseres Lebens, und die Vergünstigung, ein Weilchen in dieser fragwürdigen Welt einherzuwandeln, ein bißchen überfordert scheinen will, — Stunden, in welchen wir uns versucht fühlen, jenem früh blasierten Engländer zuzustimmen, der sich eines Tages dem ganzen Turnus unseres Tageslaufes empfahl, indem er sich eine Kugel durch den Kopf schoß, einen lakonischen Zettel zurücklassend, auf welchem als Motivierung seiner Tat die Worte standen: „Tired of buttoning and unbuttoning.“

In Cambridge aber hat keine Jahres- noch Tageszeit etwas von jenem bedrohlichen Licht. Nirgends stellt sich das menschliche Leben so von Grund auf bejahenswert und würdig dar, wie in dieser Adolescentenstadt. Jahreszahlen stimmen hier nicht mehr, und in der Verwirrung, in die hier die Zeit geraten ist, liegt aller Zauber. Es ist als hielte sie hier inne, als fluteten ihre Wellen hier nicht in die Vergessenheit hinüber. Die grasigen Höfe der Colleges haben etwas Verhaltenes; in dem Zwielicht, das hier die Gegenwart tönt, fließen seltsame Schatten ineinander. Das Vergängliche wird fraglich, Vergangenes ist zugegen, und das Leben ephemärer als der Tod.

Der Professor, der uns auf der Bahn in einer weiten Toga und einer mittelalterlichen, mit Quasten und Troddeln behangenen Kappe entgegenwallte, schien geradeswegs von der Augsburger Confession zu kommen, und die „Kutsche“, in welcher er uns nun über das schlechte, ungeebnete Pflaster poltern ließ, war aus Thackerays Jugendjahren. Aber die Schar junger Leute, die in Fläusen und Tuniken über die Straße ziehen, verwunderten mich nicht. Ein Falke an der Hand jenes halbwüchsigen Knaben mit dem nach Pagenart übergeworfenen Mäntelchen hätte mich kaum befremdet.

Den Verdacht, daß sich hier die Jugend beim Studium nicht übermäßig anstrengt, schöpft man in Cambridge sehr bald. Wer da am schönsten lernt, das sind die Lehrer. Vielleicht ist dies auch wichtiger. Daß die Jungen weiter lernen sofern sie lernbegierig sind, versteht sich von selbst, und sie werden nicht Mangel finden sich zu bilden. Die Gefahr hienieden ist ausgelernt zu haben. In dem regen Kontakt jedoch, in den hier die Meister mit den Schülern treten, ist die Lücke für den Gelehrtendünkel überbrückt. Und liegt nicht die meiste Bereicherung in dem, was der schon Erfahrene hinzulernt? Nichts ist charakteristischer für ihn selbst wie seine Beobachtungen über eine Generation, die nicht mehr die seine ist; nichts ist für die Nachwelt interessanter wie die Schlüsse, die er daraus zieht, und die Prognose, die er zurückläßt.

Ach mein Gott! wir haben doch in Europa eine gemeinsame Architektur, und alte Abteien, gotische Kirchen stehen an der Donau wie an der Themse und der Loire. Man lernte dasselbe in Cambridge, Bologna oder Salamanca, und schon in altersgrauen Zeiten zog ein Studiosus gern von einer Universität zur anderen, um sich mit seinem Wissen zugleich Kenntnisse von Ländern und Leuten zu erwerben. Wie kommt es nur, daß bei einem so regen Kontakt der verschiedenen Bildungszentren ein Collegeleben wie das in Cambridge und Oxford nicht Schule machte, und man Engländer sein mußte, um eine so traumhafte Existenz führen zu dürfen. Klöster nach einem und demselben Typ verbreiteten sich doch in der ganzen abendländischen Welt, und nur ein solches Ideal zwanglosen Zusammenlebens wurde andernorts nicht nachgeahmt und blieb das köstliche Privilegium von Cambridge und Oxford, wie die Gondel das Eigentum von Venedig.

So komme ich denn auf jene Empfindungen des Neides zurück, deren ich schon gedachte — denn es war Neid, der mich bewegte, als ich mich in den großen Clubräumen umsah und in dem Saale stand, in welchem das Parlament der Cambridger Students tagt, die sich hier in der Kunst des Redens heranbilden, wie ihnen innerhalb des prachtvollen Rahmens, der ihnen hier gewährt ist, die Kunst zu leben zur Natur wird.

Als wir dem Flüßchen entlang gingen, hatte sich das Grün der weiten Rasenflächen schon ins Bläuliche vertieft, und mit einem Male war alles Mittelalter wie ein goldener Staub verflogen; an noch viel fernere Gestade sah man sich hinversetzt. Diese Jünglinge, die rudernd oder in ihren Booten zurückgelehnt oder im Grase sitzend dem Spiel der anderen zusahen, sind wie lebendige Statuen anzusehen, und tragen sich so edel, ob sie nun frei in ihren kleinen „canoes“ stehen oder an einem Baumstumpf lehnen, als hätte ein großer Meister, der ihr Bild in Marmor festhalten wollte, sie soeben so gestellt und ihnen eben diese Haltung verliehen.

Münchner Neueste Nachrichten
6. Juni 1913.

TRAUM UND HELLSEHEN

Aber das weiß ich, solche Träume soll man nicht gering achten. Sieh, ich denke mir das so. Wenn der Mensch im Schlafe liegt, aufgelöst, nicht mehr zusammengehalten durch das Bewußtsein seiner selbst, dann verdrängt ein Gefühl der Zukunft alle Gedanken und Bilder der Gegenwart, und die Dinge, die kommen sollen, gleiten als Schatten durch die Seele, vorbereitend, warnend, tröstend. Daher kommt’s, daß uns so selten oder nie etwas wahrhaft überrascht, daß wir auf das Gute schon lange vorher so zuversichtlich hoffen, und vor jedem Übel unwillkürlich zittern. Oft habe ich gedacht, ob der Mensch wohl auch noch kurz vor seinem Tode träumt.