Ein anderes Mal hatte die Feuerglocke wegen eines in der Nähe brennenden Anwesens wohl eine Stunde hindurch geläutet. Endlich kam fliegenden Schrittes eine Klosterfrau den Gang heraufgeeilt und sagte: „Gottlob Kinder, es ist kein Menschenleben zugrunde gegangen, nur sechzehn Kühe sind verbrannt“.
In der Nacht sah Marie die Tiere heulend durch die Flammen jagen und fuhr erschrocken aus ihren Träumen empor. Sie schlief nahe am Fenster, und der Wildbach rauschte mit düsterem Schwalle, ewig stöhnend, schwarze Klagen herauf. Was war dies für eine Welt, in der die Kinder ihre Eltern begruben, und der Herr der Schöpfung zur Beute eines niedrigen Tieres entehrt werden durfte? Schöne Menschen, die sie kannte oder gesehen hatte, und die schwerlich je in Kollision mit einem Tiger oder einer Boa constrictor kommen würden, schwebten ihr vor Augen. Allein gewisse Möglichkeiten genügten, um da ihren Weltschmerz zu einem unerhörten Fortissimo zu steigern. Es gab ja kein Entrinnen aus einer solchen Welt, keinen Tod, keine Bewußtlosigkeit mehr für unsere unsterblichen Seelen! „O wie ist das?“ dachte sie erschrocken: „Ich kann Gott nicht lieben!“
Am nächsten Morgen waren Geschenke für sie angekommen, und sie bezeigte eine solche Gier, sie alsbald in Empfang zu nehmen, daß die Oberin sie zurechtwies: „Du genußsüchtiges Kind,“ sagte sie streng. Marie hörte dies Wort zum erstenmal und vernahm es mit Interesse. In der Tat: Warum haßte sie nichts so sehr auf der Welt als den Schmerz? Warum ging sie stets mit abgewandtem Gesicht den unteren Gang entlang, wo die Apostel der Reihe nach in schlecht gemalten Bildern hingen, mit Kreuz, Nägeln und Stricken, all den furchtbaren Zutaten ihres Sterbens? Warum erfaßte sie jede Freude mit so peinvoller Hast und entbehrte sie mit solcher Heftigkeit? Und warum waren selbst ihre schwärzesten Stimmungen so seicht, wie Wolken, die ein leichter Windstoß wieder zerreißt?
Aber ihre Grübeleien brachten ihr nur Überdruß, und sie war froh, sich ihrer zu entschlagen. So fing sie mit acht Jahren an zu schwärmen, und wenn Orgelklänge und Weihrauchdüfte die Kirche erfüllten, dachte sie nur mehr an Rosa Flatz, Paula Baselli, Irene Angermaier und Livia Gelmini.
Es gibt Wesen, die in früher, unwahrscheinlicher Vollendung ins Leben hineinleuchten, gleich jenen vereinzelten Tagen inmitten langer Regenzeiten, an denen das Licht so zärtlich, das Laub so golden, der feuchte Blick der Sonne so kristallen leuchtet! Aber tags darauf haben Regen und Wind ihre trüben Lieder wieder aufgenommen . . . Flatz war von hohem Wuchs, hatte goldenes Haar und den Kopf einer Sirene. Da sie fast schon erwachsen war, wagte Marie nur im Winter, wenn die Zöglinge schweigend spazieren gehen mußten, sich zu ihr zu gesellen, ergriff ihre Hand und sah stillbeglückt von der Seite zu ihr auf. Kein Frost konnte die liebliche Röte dieser Wangen beeinträchtigen, so schön und blühend war ihr Flaum. Aber sie blühte so königlich! Wo sie ging, war kein Winter, heftig Rosensträuche blühten an allen Wegen, und an den Frühling gemahnte selbst ihr sicherer, zerstreuter Blick.
Baselli hatte einen zu tiefen Teint und ungeschmeidiges Haar. Aber der Schnitt war rein wie der eines Ägineten, und ihr stolzer Blick flammte in unbewußter oder in Zaum gehaltener Trauer. Marie hielt sich gern in ihrem Umkreis, um die edlen Augenhöhlen, die köstliche Zeichnung ihrer Lippen in der Nähe zu sehen, und wie über einen heiligen Wald schwärmte ihr inneres Auge über sie hin.
Aber Irene Angermaier war die schönste! Mit braunem, weichfließendem Haar, ruhig und müd wie eine Nymphea im Mondlicht. Sie lehnte in ihrer harten Schulbank mit jener überlegenen Grazie, welche die Menge anjubelt und vor der die Maler knien. In prunkvoll ausgeschlagener Gondel, in Palästen hätte sie ruhen sollen; ein Antlitz für Perlen und unschätzbare Schleier, ein Wesen, zu schön um zu leben, zu leicht, um im Grabe zu ruhen.
Gelmini war aus Salurn, und melodisch wie ein Glockenspiel. Ihre Achseln schienen wie mit Blütenfäden an ihren Körper gefügt, und an der Art, wie sie den Arm nach der Stiegenrampe ausstreckte, und an ihrem Gang konnte Marie sich nimmer satt sehen. So schritt wohl Julia, als Romeo sie zum erstenmal erblickte. Und wenn Livia: „il gallo, la primavera, la catena“ sagte, dann schwärmte Maries Herz wie ein bunter Schmetterling in der Sonne. Mit Livien, die erst neun Jahre alt war, hätte sie verkehren können, aber sie gefiel ihr zu gut, und wo sie bewunderte, zerfloß sie in Verehrung. In Wirklichkeit wollte sie weder von Puppen, noch von Freundinnen etwas wissen, und mit Vertraulichkeiten war ihr nicht gedient. Sondern sie wollte höhere Wesen, die sie ihrer enthoben. Und angesichts jener vier reizvollen Gestalten, die sie so früh verlieren und sterben oder scheiden sehen mußte, war sie viel mehr einem Zustand als Gefühlen hingegeben. Sie sprach nie mit ihnen und suchte nie von ihnen beachtet zu werden, nur in der Nähe, im selben Zimmer mußten sie sein; sie mußte sie alle vier sehen können, wenn sie den Kopf wandte; dann war ihr Kloster ein gar schöner, gewählter und träumerischer Ort.
Mit ihnen schwand alle Poesie aus Maries klösterlichem Leben; sie stak von neuem in Grübeleien, wie in ödem, verwirrendem Sande, langweilte sich und sehnte sich fort. Zudem wurden alle ihre Bücher, die sie gerne vorschriftswidrig in ihrer Schublade aufgeschlagen hielt, der Reihe nach konfisziert, und ehe sie sich versah, stand sie als Verkörperung der Insubordination von allen Zöglingen abseits. Alljährlich feierte man in ihrem Kloster das sogenannte Königsfest, bei dem sich das ganze Pensionat in einen Hofstaat umwandelte, und jeder Zögling, von der Königin herab zu den Köchen und Kaminkehrern, je nach Verdienst, seine Charge erhielt. Die ersten Jahre stand Marie als Page, in Korkzieherlocken und Goldreif, einen ganzen Tag hindurch stumm, doch voll Entzücken in der Königin Dienst. Es war Irene Angermaier, in Silbergaze und königlicher Krone. Aber später wurde ihr dies reizende Fest verleidet: In einem schief aufgesetzten, viel zu kleinen Schäferinnenhut und einem zu engen grünen Tarlatankleid (denn es hatte als ehemalige Balltoilette eine Taille, und sie noch lange nicht) spazierte sie als „königliche Lectrice“ mit einem Riesenbuch, allein und tödlich verlegen, hinter den Landgräfinnen einher, und wenn im cortège die Reihe an sie kam, tanzte der Bouffon in seiner roten Schellenkappe vor ihr her und verkündete ihre Streiche. Nun pflog sie zwar über die Weltordnung allerlei Separatanschauungen, doch für das Maß ihrer eigenen Missetaten fehlte ihr jedes persönliche Gutdünken, und sie schämte sich über Gebühr.
Aber dafür war die freie, herrliche Welt der Tummelplatz aller Freiheiten, und ihr Herz schlug hoch, als die schweren Klosterriegel auf immer hinter ihr zufielen.