Das Leben präludiert meist anders, als es verläuft. In der Tat: so unglaublich es ihr selber erschien: einen Monat später durchschwärmte sie, frei wie ein Waldestier, eine Mondnacht um die andere in den Bergen und kampierte am offenen Feuer wie ein Zigeuner. Was hätte sie gesagt, die würdige Mère Supérieure, die ihre Uhr nach den Hühnern richtete? — Da hing Maries Disziplin am hohen Klostergiebel, als leeres Fähnchen zurückgeblieben.

Folgendes müssen wir ihren eigenen Aufzeichnungen entnehmen:

„Es war zur Sommerszeit in den bayrischen Bergen, als uns vier Kinder die Wanderlust zum erstenmal ergriff. Aber der Tag ließ uns nicht weit genug gelangen; so rüsteten wir uns sorglich auf einen längeren Streifzug aus. Daß uns gerade nur soviel Geld bewilligt wurde, um vierundzwanzig Stunden fernzubleiben, kümmerte uns nicht.

Erst als der späte Nachmittag golden verglühte, traten wir vor. Bald rauschte dann im Mondlicht der Fluß uns zur Seite, und schneeweiß zog sich die Straße den schwarzen und bewaldeten Felsen entlang. Jeder Stein, der im Flusse die Wellen zurückwarf, die Kiesel am Wegesrand, ja das zertretene Gras am Ufer schienen verklärt. Und wenn sich in dem mondlichen Schweigen der Schrei eines Tieres entrang, durchzitterte ein ewiges Glück die schimmernden Mulden.

Immer leichter trugen uns unsere Schritte voran! Immer eifriger berieten wir die Möglichkeiten einer einstigen großen Erbschaft, und in der großen Bergesstille schallte unser lautes Gelächter.

Als die Lichter der „Fall“ vom anderen Ufer herüberleuchteten, hielten wir Rat: denn aller Spaß wäre zu Ende gewesen, hätte unserem Auftreten etwas von dem hohen Ansehen gefehlt, von dem wir selbst so sehr überzeugt waren. So betraten wir, stets fremde Sprachen untereinander führend, das alte Gasthaus, bestellten ein wohl ausgeklügeltes, sehr zimperliches, aber sehr billiges Essen, gaben dann vor, einer Wette halber, die Nacht in keinem Hause verbringen zu dürfen, und griffen, mitten in der Nacht, mit großer Eile nach unseren Stöcken. Der Eindruck war nach Wunsch: die paar Reisenden und das Personal standen neugierig an der Türe, eine alte Dame protegierte, die Wirtin bewunderte uns, der Förster zog seine Pfeife weg und wies uns den Weg, und von freundlichen Zurufen verfolgt, von der alten Dame gewarnt, drangen wir in den Wald, und weiter hinein in die Riß. Den Tag verschliefen wir auf Almen oder Bergeskanten. Kamen Stürme, so äfften wir sie. Von den Felsen geschützt, apostrophierten wir das finster fliegende, grandiose Gewölk und begrüßten die Donnerschläge mit dröhnendem Gelächter.

In der Folge dehnten wir unsere Touren immer stattlicher aus. An einem Herbsttag kamen wir vom Achensee und wollten über den Schildenstein zurück. Die Alm war geschlossen. Da liefen wir in der Dämmerung den Kanten des Blauberges entlang, drangen durch das Fenster in eine leere Hütte und machten uns Feuer. Aber draußen lockte die Nacht, lockten die im Monde getauchten Tiefen des Achentales und der silberne See. Unbeweglich wie Berggeister saßen wir, in unsere Mäntel gehüllt, vor unserer Alm. War es Ahnung oder Müdigkeit, die uns verstummen ließ? Die Welt mit ihrem Spiel riesiger Schatten und frohlockender Höhen atmete Gesang, aber die Leier unserer Freuden schwebte zerrissen über uns.

Bald standen wir wie ein Häuflein, das ohne den Führer trübe zerfällt. Der große Zauber jener Wanderungen hing an einem romantischen, 19jährigen, höchst merkwürdigen Wesen, in dem kein Raum war für Pandorens Trug. Reinste Vernunft gebot hier jeder Unruhe, und die Erkenntnis überstrahlte den Wunsch. Aber nie vorher hatte sich so hohe Weisheit mit solcher Grazie umkleidet und die Taue eines so unschuldigen Lebens gelockert. In dieser fast morbiden Erscheinung mit dem unbeschreiblichen Relief ihrer bangen Umrisse, blieb alle Schwäche ausgeschieden, war alles Schönheitssinn und Stil. Zuletzt sind Linien, die uns fesseln, solche, an die wir uns nicht gewöhnen, und stete Neugier erregte diese schmale, ernste Stirne mit den hochgezogenen Brauen, die fast leichtsinnige Anmut des kleinen Ovals, das eitel gesteckte Gold der Haare, und dabei die männliche Zurückhaltung in den durchdringenden Augen. So glich die Mischung ihrer psychischen Elemente der Stimmung eines herrlichen, aber zu zarten Instrumentes; und so ließen sich ihre Anforderungen an ein Leben, an das sie nicht glaubte, nicht herabdrücken, und mit allen Fasern zog sie sich von ihm zurück.

„La mort est bête“ sagte Gambetta. „Aber der Tod überblickt Zusammenhänge, und das Leben ist befangen. In unserer Existenz wähnen wir unser Wesen erschöpft, währenddem die Grundlagen neuer Individualitäten schon in uns dämmern, neue Lebensformen unserer harren mögen. Allein einzig ist der Mensch als Kunstwerk! Und mit Grauen erfahren wir, daß es Wesen gibt, die, köstlichen Schalen gleich, einmal zerschlagen, der Natur nicht wieder gelingen.“

Wie der Seekranke vom Schiff im ersten Morgengrauen nach der Küste späht, so sehnt man sich oft nach dem Tode — man weiß, daß man den Gang und die Richtung seines Schiffes nicht verändern kann.