Nietzsche. Nachgelassene Werke.

Ob wir wollen oder nicht, wir werden am Ende alle katholisch.

Moltke.

Als Marie heranwuchs, wurde ihr der Ernst so widerwärtig wie früher das Leiden. Von den beiden Philosophen, von welchen der eine die Welt ewig weinenswert, der andere sie ewig komisch fand, hatte nur der letztere ihren Beifall. Denn wer sich über eine Welt, gegen die er nichts vermochte, Sorgen machte, der war in ihren Augen ein Narr. Man lebt nicht lange, also lebe man, ohne zu denken. Allein ihren Theorien zum Trotz erhoben sich die Gedanken wie ein brennender Wüstenwind in ihrem kindlichen Gehirn. Da faßte sie eine tiefe Abneigung zu Menschen ihrer Art. Mädchen ihres Alters umging sie in weitem Bogen, aber das Zusammensein mit schönen verwöhnten Frauen, im Kreise weltgewandter Männer, wurde ihr Paradies. So geriet sie sehr früh in eine Clique welterfahrener, mächtiger und verfeinerter Leute, die sich täglich sahen, in deren Vertraulichkeit, die keine war, das Herz fast keine Rolle spielte, sondern mehr das Behagen, und deren Denkprozeß bei oft interessanter Begabung ein geringer blieb. Aber gerade dies fand sie bezaubernd. Das Leben war es wohl wert, zur Kunst erhoben, erheitert zu werden, und die Sorglosen waren die Lieblinge, die Nachdenklichen nur die Frondiener der Götter.

Jene also waren die überlegenen und vollkommeneren Menschen. Ach und das ferne, freundliche Mitgefühl, mit dem sie eine eben ereignete große Katastrophe, einen Brand, ein Eisenbahnunglück besprachen, vollends die Art, mit der sie dann das Thema wieder fallen ließen, entzückte, ja betäubte Marie. Und die Ironie, mit der sie gesprächsweise die Erbärmlichkeiten des Lebens streiften, — nur streiften! schien ihr das non plus ultra seelischer Eleganz.

Diese siegreichen Typen schieden in ihren Augen alle entwürdigenden Grausamkeiten, alle Häßlichkeiten aus, alles, was sie haßte, woran sie nicht erinnert werden wollte, und keine verzehrenden, keine erniedrigenden Schmerzen gelangten je zu diesen lachenden Höhen.

Und es lag ihr so sehr am Leben! Es schien ihr so kostbar, so begehrenswert. Sie liebte, ja in dem höher potenzierten Menschen vergötterte sie es; aber die Freude war das Gesetz, nach dem er wandeln sollte.

Aber ach! die Freunde ihrer Wahl, in deren Oberflächlichkeit sie schwelgte, deren Lächeln sie beruhigte, an deren Leichtsinn sie ihr Gemüt sonnte wie ein Kranker im Mittagsscheine, sie hinderten ja nicht, daß ihre Gegensätze bestanden. Ihr Genuß löschte keine Qual, war nur ein Kontrast, — kein Ersatz, — nur ein Widerspruch mehr! Empfindungen von solcher Mannigfaltigkeit konnten sie da überwältigen, und der Andrang ihrer Gedanken im Verhältnis zu ihren noch kaum entwickelten Fähigkeiten sich so mächtig steigern, daß vor innerer Erregung ihre Zähne zusammenschlugen, und ein lauerndes Angstgefühl sie immer deutlicher beschlich.

Zu ihren Freunden hatte sie indes eigentümlich Stellung genommen: zu jung, um noch zu zählen, störte sie niemanden; die Frauen litten sie gern, ja die schönste von ihnen zog sie zu den Zusammenkünften, die täglich bei ihr stattfanden, und hielt sie wie eine Art von Pagen. In der Tat hatte Marie der Schönheit gegenüber eine huldigende Art, ein Gefühl des Ausgefülltseins und Verlorengehens, ein Stillstehen ihres Selbst zu einem Atom, das nicht Schwärmerei war, sondern Glück.

Eines Tages hatte sie sich verspätet, die Besucher waren fort und ihre Freundin allein.