Ich möchte über das Hellsehen ein Wort sagen: Es mußte mich natürlich interessieren, über diese Art des Schauens meine eigenen Eindrücke zu gewinnen, ein Interesse, das allerdings sehr bald erlahmte. Eine Zeitlang aber suchte ich jede Somnambule, die sich zufällig in meinem Bereich fand, pflichtschuldigst auf und sammelte mir so ein ganz ansehnliches Material. Nun ist mir keine, die sich ohne eine Spur von Begabung als solche ausgegeben hätte, mithin keine absolute Schwindlerin begegnet — enorm geschwindelt haben sie dabei alle. Und ich wüßte nichts, was gerade der ungebildeten Klasse füglicher untersagt werden könnte, nichts, was zugleich unzweckmäßiger und gefährlicher für sie wäre, als das Konsultieren derartiger Wesen. Der Wust von Bildern nämlich, den der in den Trancezustand Versetzte schaut, kann mit dem Wust von Bildern, die vor dem Träumenden vorüberziehen, insofern gut verglichen werden, als hier wie dort die Dinge außerhalb ihres Zusammenhanges, ihres Rahmens, ihrer Kausalität, mithin der Wirklichkeit entäußert sich darstellen. Daß hier der Unerfahrene oder der Tor — statt den Weizen von der Spreu zu lösen — das Körnchen Wahrheit, das er etwa hält, zur Ladung Unsinn häufen muß, ergibt sich von selbst. Gesetzt, er vernimmt etwas sehr erstaunlich Zutreffendes, so wird leicht in ihm die Vorstellung entstehen, als sei hier eine deutlichere, eine geschärftere Sehkraft am Werke, während es mit dem Prozeß des Hellsehens gerade umgekehrt beschaffen ist; es ist gleichsam, als würden dem hellsehenden Individuum ein paar Nußschalen hart vor die Augen gebunden; undurchdringliche Schalen, die eine winzige Spalte in sich bergen. Durch diese nun gewahrt das seherische Auge aus Zeit und Raum herausgegriffene Bilder, Punkte, die zufällig in seinen Gesichtskreis fallen, was es da sieht, mag wahr sein, oder ist wahr; der Gran Wahrheit aber, der hier erfaßt wird, verhält sich zur Wirklichkeit wie das Blatt zum Baum, wie der Baum zum Wald. Der „ganze Schwindel“ bei einem hellsehenden Wesen von gewissenhaftester Ehrlichkeit bestünde ganz auf Seite dessen, der sich das Geschaute mitteilen läßt, indem er nämlich dem wesenlos Geschauten die — meist beliebige — Wesenheit aufoktroyiert.

Nehmen wir den Fall: Heinrich VIII., Catharina von Aragoniens müde und in Anne Boleyn verliebt, hätte sich zu einer Hellseherin begeben. Aus einer Flut verwirrter, unklarer Bilder wäre da etwa am deutlichsten das eines schönen Frauenkopfes und einer Krönung emporgetaucht. Wie hätte da Heinrich VIII. es nicht alsbald aufgegriffen und vergnügt auf Anne Boleyn bezogen? Was sich indes dem seherischen Auge darbot, das war vielleicht das Angesicht der Catharina Parr, Heinrichs sechster Frau, während alles, was dazwischen lag, die schaurige Vision gestürzter, enthaupteter Königinnen sich jenem Blicke entzog. Der scheinbar nicht Betrogene und der Betrüger wäre somit kein anderer gewesen als Heinrich VIII. selbst.

Genug. Sofern Traum wie Hellsehen zur Lehre der Idealität von Zeit und Raum bedeutsame Kommentare liefern, scheint es mir unüberlegt, daß wir dies Gebiet vorzugsweise der spekulativen Ader des niederen Volkes überlassen. Hier, wie fast zu allen geistigen Problemen, haben sich wohl die alten Griechen am richtigsten gestellt. Nicht alltägliche, sondern bedeutsame Träume bedeutender Männer schienen ihnen der Beachtung wert, und nicht für die gedankenlose Masse war das Amt der Sibylle ins Leben gerufen. Da solch schwermütige Talente einmal nicht aus der Welt zu schaffen sind, dürfte es sich lohnen, sie besser auszubilden statt verrohen zu lassen, wie es geschieht. Und wenn zur eigentlichen Prosa-Marke unserer Zeit das heutige Traumbuch gehört, das seinen entsprechenden Platz in der Küchenschublade gefunden hat, so wüßte ich dagegen nichts, was antiker anmuten könnte als jener Wahrtraum Bismarcks, einige Jahre vor der Schlacht von Königgrätz, den er Jahrzehnte später in seinen „Gedanken und Erinnerungen“ beschreibt.

Neue Rundschau 1908.

AUS EINEM TRAUMBUCH

Die zarten Blumen neigen sich zur Erde,

Die kühlen Grund den süßen Farben beut;

Und Dämmerung verbreitet sich und sinkt,

Sich sehnend nach Verzögerung,