Vor allen Dingen glaube man nicht, das Geld sei etwas Totes. Es ist ganz Wahlverwandtschaft, ganz Antipathie, ganz Selbsterhaltungstrieb, ganz „Seele“ (auf seine Art). Ja, dem Gelde entströmen atmosphärische Schichten, die sich in feine, aber undurchsichtige Schleier zerteilen, um sich über das Gemüt des Reichen zu lagern. Es ist, als schöbe sich ein Milchglas trennend zwischen ihn und seine Welt. Mag der Trinker vom Weine noch so sehr umnebelt sein: daß er ein Trinker ist, darüber ist er sich klar. Der Lügner weiß von seiner Verlogenheit, der Zornige von seinem Haß. Aber der Geiz spinnt so feine und undeutliche Fäden, daß der von ihm Betroffene ganz im Unklaren über sich selbst verbleiben darf. Dem Geizigen steht überdies ein Überfluß an Mänteln und Mäntelchen zu Gebote, die ihm sein Spiegelbild bis zur Unkenntlichkeit maskieren, wobei immer nur er selbst, niemals die anderen über seine wahren Züge mystifiziert werden. Man denke sich die Freudsche Methode, die meist einer so sinnwidrigen Anwendung verfällt, einmal auf verhärtete Geizhälse angewandt. Einer psychoanalytischen Behandlung unterzogen, würden diese Patienten am Ende gar kuriert vor Schreck über die Entdeckungen, welche sie an sich selber zu machen hätten.

Ein Grund ihres Selbstbetruges liegt darin, daß sie nicht selten mit Vorliebe geben; ja Geschenke zu machen — freilich niemals entsprechende — kann bei dem Geizigen fast zur Marotte werden. Denn er weiß so gut wie ein anderer, daß Geben seliger ist als Nehmen, und er hat es so gut wie der Freigebige an sich erfahren. Und weil er auch — denn er will Alles haben — des Gebens froh werden will, gibt er nochmal aus seinem Geiz und seiner Habgier heraus. Und darum schenkt auch er. Aber dabei rächt sich alsbald sein Laster an ihm und bindet seine Hände, daß er nicht frei—gebig d. h. nicht frei wird zu geben wie er möchte, und schließt ihn wie mit eisernen Fäden in immer engere Gefangenschaft, bis seine Miene den inneren Bann, dem er verfiel, auch äußerlich verrät.

Wer wollte denn auch leugnen, daß geizige Leute häufig zu bedauern sind, und zwar je mehr sie sich bereichern, da ein Zuwachs ihrer Habe eine Verhärtung ihres Geizes unerbittlich zur Folge hat. Wobei ihm die fremde Schlechtigkeit vielfach Grund für sein Verhalten zu bieten scheint. Denn ein sehr reicher Mensch ist ja schlechten Erfahrungen in schlimmster Weise ausgesetzt. Die anständigen Leute werden es ja nicht sein, die sich an ihn herandrängen — seine guten Erfahrungen bleiben somit negativ — während er die miserabelste Sorte aus nächster Nähe kennen lernt. Kein Wunder, daß manch vertrauendes und großmütiges Herz karg und mißtrauisch wurde. Es kommt unversehens. Der Geiz hat eine unheimlich schnelle Reife. Dann aber läßt er seine Opfer nicht mehr los. Er hat nur eine aufsteigende Linie. Er kennt keinen Verfall, und er kann nicht sterben.

Das Trübseligste erlebte ich einmal auf der Reise von seiten einer alten kinderlosen Dame, deren Nichte mich gebeten hatte, ihr Nachricht zukommen zu lassen, denn die Greisin schien sich um ihre sämtliche Verwandtschaft nicht mehr viel zu kümmern. Sie lebte fern von ihr in einer fremden Stadt, und hatte es glücklich auf 86 Jahre und 50 Millionen gebracht. Ich traf sie in ihrem wundervollen Haus, umgeben von Bildern und Schätzen. — In ihrem Lehnstuhl vergraben, klagte sie, daß ihr das Schreiben schwer fiele und erkundigte sich alsbald mit der wärmsten Anteilnahme nach der Schar ihrer Nichten, Groß- und Urgroßnichten, insbesondere nach einer gewissen „Hertha“, ihrem Patchen, das sie am innigsten liebte. Um die handelte es sich eben: ich malte also die blasse Schönheit dieser Hertha in den leuchtendsten Farben hin und erzählte sodann, daß die Ärzte einen längeren Aufenthalt in Egypten sehr ratsam für sie hielten.

„Ja mein Gott,“ forschte sie ganz bestürzt und voll aufrichtiger Besorgnis; „wird sich denn das pekuniär machen lassen?“

„Schwer,“ erwiderte ich.

Mehr zu sagen stand mir natürlich nicht zu. Derselbe Gedanke war zwar gleichzeitig in uns aufgestiegen; aber nichts von Unentschlossenheit malte sich in dem Gesichte der Greisin — (viele Jahre früher hätte sie wohl noch gezaudert) — nur Schatten des Grames breiteten sich über ihr melancholisches Gesicht. Hier war wieder einmal ein ursprünglich goldenes Herz vom Geize gelähmt.

Seufzend sprach sie jetzt von ihrem nahen Tode, von der Verlassenheit und den Enttäuschungen eines zu langen Lebens. Während wir uns unterhielten, trat die Jungfer ein und fragte leise, ob sie das Töchterchen des Kutschers, das heute das Haus verließ und in die Lehre zog, einen Augenblick einlassen dürfe. Die alte Dame empfing das Kind voll Güte und Wohlwollen, und als es dann schied, hielt sie es noch einmal zurück. Schränke, Kästen und Truhen wurden nun durchgesehen, aufgeschlossen und dann wieder abgesperrt. Ein Heer weißer Schachteln in Seidenpapier, umwickelte Päckchen und Pakete kamen dabei zum Vorschein. Aber die Dame zog bald diese bald jene Schieblade zu Rat, ohne sich entscheiden zu können. Die Kleine stand indes mitten im Zimmer und wartete, wie man es ihr gesagt hatte. Plötzlich flog ein Schein, eine schnelle Röte über ihr Gesicht. Gleich darauf wandte sie erblassend den Blick nach einer anderen Seite hin. Aber ich war ihm schon gefolgt und gewahrte ein schwarzes Ledertäschchen, das die Greisin gerade in Händen hielt, öffnete und untersuchte. Innen mit dunkelroter Seide ausstaffiert und mit Nähutensilien angefüllt, zugleich verschiedene Fächer enthaltend, war es wohl der kühnste Traum von einem Täschchen für eine kleine Nähmamsell; im übrigen nichts Kostbares, sondern ein schöner Dutzendartikel aus einem Warenhaus. Aber nicht lange, und die Besitzerin hüllte es wieder ein. Ihre Hände waren gebunden, und sie konnte das Täschchen, das um eine Idee zu schön für die Kleine war, nicht spenden. Diese stand unbeweglich mitten im Zimmer, aber der Strahl in ihren Augen war erloschen. Die Alte kramte indes in einem anderen Fach und zog ein silbernes Armband hervor, auf dem „Gott mit Dir“ in schwarzen Lettern eingetragen waren, und damit entließ sie die enttäuschte kleine Mamsell.

Die Geberin saß nun wieder in ihrem Lehnstuhl zusammengesunken und schaute mit einem blassen, vergrämten Gesicht vor sich hin. Ein Fest war ja der kleine Zwischenfall mit dem häßlichen Armband, darauf „Gott mit Dir“ in schwarzen Lettern prangte, für niemanden gewesen, und ein gesteigertes Bewußtsein hatte sich der Geberin unmöglich mitteilen können, vielmehr die Öde des Ereignislosen. Es hatte sich nichts ereignet. Die Kleine war nur um eine gewaltige Freude betrogen worden, und die Alte, die gern Freude bereitete, wußte es genau; und wußte ebenso wohl, daß sie niemals anders verfahren würde, selbst wenn sie das Kind noch einmal zurückriefe. Nebenan hub jetzt ein Papagei, von der kleinen Passantin aufgeschreckt, zu schreien und über die Unerfreulichkeit der Welt zu schimpfen an. Schräge Strahlen ergossen sich durch die weit geöffneten Fenster (die größten der Stadt) und über die prachtvoll weichen Farben der Teppiche, der Leuchter aus altem Kristall, der goldumränderten Schalen und silbernen Dosen. Dennoch lag etwas Drückendes, in seiner Öde unerträglich Akzentuiertes, ja Unheimliches in der Atmosphäre dieses Raums. Und plötzlich war mir, als befände ich mich ganz allein, als sei die halb erloschene Greisin vor mir schon verblichen und nur mehr ein Schemen. Es fehlte ja so wenig! All die Päckchen und Pakete, die sich in tadelloser Ordnung in ihren Kästen und Truhen häuften, waren ja schon fast herrenlos. Und nicht die kleine Nähmamsell, nicht einmal die Nichte Hertha schien mir mit einem Male beklagenswert, sondern die sonst so kluge, ja sympathische, die unbegreifliche alte Dame, die rettungslos in die Falle geraten war, welche der Geiz den Besitzenden stellt.

Sie starb bald darauf. Und da ihr Geiz eine lange Geschichte hatte, ragte er denn auch weit über ihr Leben hinaus. Sie hinterließ ihr Vermögen ihren reichen Verwandten, den weniger bemittelten, der Großnichte Hertha, die ihrem Herzen so nahe stand, unbedeutende Legate.