Es brach durch ihre Versöhnung mit Friedrich eine so andere Zeit für sie an, so wenig geeignet, sie weiterhin zu Rückblicken anzuregen. In den Jahren 1750 und 1753 verweilt sie wieder auf einige Zeit zu Besuch ihres Bruders in Berlin, 1754 besucht er sie zum letzten Male in Bayreuth, und im Herbst desselben Jahres tritt sie ihre langersehnte Reise nach Italien an. In Lyon kommt sie wieder mit Voltaire zusammen; sie hat besser als ihr Bruder die Regungen seines Herzens durchschaut, das die Bewunderung für den großen Friedrich so wenig als die erlittene Kränkung verwinden konnte, und sie versteht es, neue Brücken zwischen ihnen anzubahnen. Mit ihrer Reise nach Italien, das sie mit so offenen Augen betrachtet hat, ist dann das Register ihrer sonnigen Tage geschlossen. Wenn aber sieben Jahre der Entfremdung ihre Liebe zu Friedrich nicht ertöten konnten, so steigert sie sich jetzt, da seine Lage immer bedrängter wird, ins Heroische, und nicht länger darf sich Maria Theresia der Sympathien seiner Schwester rühmen: Wilhelmine politisiert, intrigiert und vermittelt, sucht durch Folard, den Vertreter Frankreichs, an mehreren deutschen Fürstenhöfen, durch Voltaire, den sie in Bewegung setzt, auf den Frieden hinzuwirken. Dem König ist ihre starke Anteilnahme eine Stärkung und ein Trost. Als er im Jahre 1757 im scheinbar aussichtslosen Kampf wider die Übermacht seiner Feinde den Selbstmord ins Auge faßt, schreibt ihm Voltaire auf Wilhelminens Bitte den zwar inspirierten, aber von prachtvoller Empfindung getragenen Brief, um ihm von diesem Vorhaben abzuraten. So knüpft sie überall Fäden an, mit unverkennbarem Geschick, wenn auch aller Erfolg jenseits der Tage liegt, die ihr noch beschieden sind. Ihrer Sorge um den König vermögen ihre aufgezehrten Kräfte nicht mehr lange zu widerstehen. Man ist in Berlin über ihren Zustand unterrichtet, und sie selbst weiß, daß keine Rettung für sie ist; nur Friedrich bringt es nicht über sich, der traurigen Tatsache ins Auge zusehen, und ihm verhehlt sie ihre Lage, wie er selbst sie über die eigene zu täuschen sucht. Denn beide wissen nur zu gut, was das Los des einen dem anderen bedeutet. „Auf meinen Knien“, schreibt ihr Friedrich, als könne sie über ihr sinkendes Leben gebieten, „bitte und beschwöre ich Dich zu tun, was Du nur tun kannst, um dieser Krankheit zu entrinnen; iß, nimm die Arzneien, folge blindlings den Anordnungen Deines Arztes. Denke, daß Dein Tod mich zur beklagenswertesten Kreatur der Erde machen würde.“

Seinen letzten Zuruf, den er zwei Tage vor ihrem Tode an sie ergehen läßt, vernimmt sie nicht mehr. Sie stirbt am 14. Oktober 1758, um dieselbe Stunde, zu der Friedrich die schwere Niederlage bei Hochkirch erleidet.

Die Welt kennt den Nachruf, den er ihr widmet, weiß von dem Freundschaftstempel mit den korinthischen Säulen, den er im Park von Sanssouci zu ihrem Gedächtnis errichten ließ. Bis zu seinem Lebensende pilgerte er gerne zu dieser Stätte hin, wo sich, inmitten von Bildnissen der Heroen der Freundschaft, ihre Statue erhob und er die stille Sprache der Erinnerung mit ihr führte.

Ein Tempel war in der Tat der gemäße Ausdruck für die Harmonie, welche diese beiden großen Herzen umspann.

Und der Markgraf?

Zwar tritt er in Wilhelminens letzten Jahren hinter ihrer Teilnahme an dem mächtigen Geschicke ihres Bruders etwas zurück; dennoch bleibt sie ihm bis ans Ende ihrer Tage leidenschaftlich zugetan, sodaß sie die eifersüchtigen Regungen, zu welchen er ihr auch nach der Marwitz-Affäre mehr denn einmal Anlaß gibt, nie ganz unterdrücken kann. Es fällt uns ja heute nicht leicht, den Zauber zu begreifen, den dieser nichtssagende Mann auf eine Frau wie die Markgräfin auszuüben vermochte. Aber wir wissen, daß er auch an ihrer jüngeren Schwester nicht verloren ging, und daß sie mit Vergnügen den eigenen Verlobten mit dem Wilhelminens eingetauscht haben würde. Er gehörte also wohl zu jenen typischen „Menschen des Augenblicks“, die gleichsam mit jedem Tage die Summe ihres Wesenswertes ganz und voll verausgaben und die nichts überdauert, deren Reiz aber nicht selten umso mächtiger fesselt, je illusorischer er ist. Wo immer der Markgraf Proben selbständigen Urteils abzugeben hat, versagte er gänzlich, und als er einmal auf eigene Faust im Interesse seines Hauses eine Reise nach Dänemark unternimmt, kehrt er unverrichteter Sache heim. Aber die Markgräfin, als die loyalste Gattin, die sich denken läßt, hält stets zu ihm und macht mit wahrer Vorliebe seine Verdienste und seine Fähigkeiten geltend.

Im ganzen gehörte sie zu den Menschen, die wenig positives, aber reichliches Glück im Unglück haben; so fällt ihr in ihrer aufgezwungenen Ehe zwar eine geringe Partie, zugleich aber ein Prinz zu, den sie passionément liebt, was mehr ist, als man von einer Vernunftehe erwarten darf. Der geistigen Sphäre der Geschwister freilich gehört er nicht an, und daß er die große Illusion und nicht der wahre Gefährte ihres Lebens war, blieb ihr wohl nicht immer verborgen.

Aber hier gerade kommen wir zum Prüfstein ihres Wertes.

Wenn Friedrich begeistert an ihr loben durfte, daß man sich „über die heterogensten Dinge, über Frisuren, über Krieg und Politik mit ihr unterhalten könne“, so hatte sie sich allein zu dieser Vielseitigkeit vermocht, und ganz von innen heraus die scharfen geistigen Umrisse gezeichnet. Und darum nehmen wir an ihr jenes starke Relief wahr, das wir an so manch berühmter Frau vermissen, deren Züge an Ebenmaß gewannen, was sie an Deutlichkeit verloren, weil ein Größerer als sie selbst sie ihrer eigenen Bedeutung liebend überbot, hier ein bißchen untermalte, dort kleine Mängel wegretouchierte . . . . . . Denn Frauen lieben es, ohne sich dabei einer Unredlichkeit bewußt zu werden, sondern wie sie es lieben sich zu schmücken, so lieben sie es, sich auch intellektuelle Ritterdienste erweisen zu lassen.

In dieser Hinsicht aber war Wilhelmine nicht verwöhnt. Kein Lehrer, kein Geliebter, der ihren inneren Werdegang beeinflußt oder erleichtert hätte. Auf ihrer geistigen Bahn fehlen alle Abstecher und alle Wegweiser, und Echtheit und Eigenwert sind ihre Marke, wo sie sich hervortat. Wir fühlen, ohne daß sie es nur andeutet, mit welchem Erfolge sie bei den Frankfurter Krönungsfesten erschien, und wie groß der Reiz dieser jungen Frau gewesen sein muß, die, so tugendsam, und dabei so verführerisch, nach einem ziemlich verloren gegangenen Rezept deutsche Solidität des Geistes mit französischer Grazie vereinte. Kraft eigenster Energie fuhr sie fort zu werden, bis sie vor der Schwelle ihres Alters und zugleich der ihres Todes stand. Ihre Briefe an Voltaire über kriegerische Dinge und friedliche Endziele sind durch die erstaunliche Klarheit und Sachlichkeit, wie durch die wahrhaft künstlerische Reife des Ausdrucks gleich bewundernswert.