Man denke, woher sie stammt:

Von Eltern, die weniger Kontraste als Unvereinbarkeiten aufweisen. Carlyle wirft ihr vor, sie hätte ihren Vater nur „von außen gekannt.“ Es ist aber viel leichter, diesem König par distance gerecht zu werden: seiner Umgebung war es fast unmöglich. Wilhelminens Eindrücke stimmen nur zu wohl mit den Berichten der damaligen Gesandten am Hofe Friedrich Wilhelms überein. Er galt ihnen als ein gefährlicher Narr: sein Hauptargument war der Stock. Die Tochter konnte es dem König nicht recht machen, ohne die Königin zu erzürnen. Bald in Gnaden, dann, wenn ihre Aussichten auf eine glänzende Partie sich verschlechterten, zurückgestoßen und malträtiert, wird sie Zeuge und unfreiwillige Ursache furchtbarster Szenen. So tritt sie, als ein altkluges Dämchen, aus einer Kinderstube, die jeglicher Hygiene und Pädagogik spottete. Gewiß ist, mag man ihren Übertreibungen noch so sehr Rechnung tragen, daß die zu frühen und zu fortgesetzten Aufregungen ihre zarte Konstitution frühzeitig untergruben. So ist in ihrer Schrillheit zugleich ein Echo; an ihrer späteren Vollendung und edlen Reife aber haftet nichts Fremdes. Wir heben es noch einmal hervor. Denn sie selbst, die sich oft zu Unrecht lobte, hat sich dessen nicht gerühmt. Die sonst so Ranglustige weiß nicht, wie abseits sie steht. Es war noch nicht die Zeit der Selbstanalysen, und man war noch nicht darauf verfallen, sein Ich herauszugreifen und zu bespiegeln. In dieser verfrühten Blume geistiger Kultur ist noch viel Herbheit in der Verfeinerung. In ihrer etwas morbiden Selbstherrlichkeit aber liegt ihr großes Anrecht auf unsere Bewunderung wie auf unsere Nachsicht.

Ich für meinen Teil möchte auch ihren Hochmut nicht missen. Er hat dieselbe Befugnis wie die weitläufigen Zieraten des damaligen Kostüms, und er verhält sich zu ihrer Aufgeklärtheit wie zu ihrem schmalen Gesicht die mächtige Perücke und der immer höher steigende Kopfputz. So hat ihr gewaltiger Dünkel die große relative Berechtigung der Mode. Der Geist einer Zeit umgibt sich nie so sehr mit dem Scheine des Unwandelbaren, wie kurz bevor er schwindet. Die Zopfgeschichten, die Wilhelmine wegen ihrer Audienz bei der Kaiserin aufführt, stehen ihr noch allerliebst. Und man begreift, daß der Fürstbischof von Würzburg, trotz aller Impertinenzen, die er sich in seiner eigenen Hoffart von ihr gefallen lassen mußte, von ihr entzückt war.

Wie es einen letzten Ritter gab, und wie Carlyle in Friedrich den letzten König sehen wollte, so war Wilhelmine die letzte Prinzessin alten Stiles, eine so typische Prinzessin, daß sich die Prinzessin, — was auch bei Prinzessinnen selten ist, — nicht von ihr wegdenken, die Frau nicht ohne die Prinzessin in Erwägung ziehen läßt. Dies wurde bei ihr zu Unrecht übersehen. Denn es ist etwas Geheimnisvolles um eine königliche Geburt.

Wie die Wasserfläche diese Welt des Scheines reflektiert, so liegt in der geistigen Sphäre das getreue Abbild — oder Vorbild? — aller Schranken und Unterschiede, welche die menschliche Gesellschaft geschaffen hat. Und das ganze Kortege, vom Edlen zum Niedrigen, zieht — nur so anders — von neuem auf. Aus den ungeheuren Fluktuationen aber, dem Schwanken, dem Hin und Wider ihrer Würden — und ihren Gleichungen — sind alle Adelsbriefe in dieser krausen Welt geschrieben.

Daher der mystische Zug erlesenen Blutes zu erlesenen Kräften. So wahr ist dies, daß an einer Stelle dieses Buches, der, an welcher Wilhelmine die Boskette der Eremitage beschreibt, und mit so viel Wohlgefallen die vielen Lauben und Glorietten, und die Unmenge von Springbrunnen aufzählt, die sich da alle paar Schritte ereignen, daß sie da als die vollendetere Prinzessin erschiene, wenn sie ein Gefühl dafür hätte, daß dies kein Garten ist, sondern eine Spielerei.

1910 Inselverlag.

CATHARINA VON SIENA

Es geht den Heiligen wie den anderen ausgezeichneten Menschen. Die Zeit ist das Feuer, das sie vor unseren Augen läutert, indem sie das Vergängliche und Unzulängliche an ihnen zurückweist, das Wertvolle und Bedeutende aber zu einem Bildnis von individuellstem Umriß scheidet. Wenn daher Siena — nach mehr als fünf Jahrhunderten — vom Leben der hl. Catharina so erfüllt blieb, daß ein Echo dieses Lebens Sienas Luft, seine Türme und Felsen noch umhallt, so muß einem Dasein, das so kurz und doch so bleibend, Zügen, die so weltabgewandt und doch so unverweht der Welt geblieben sind, eine Zeit, der sie noch gelten, neue Deutungen entraten können. Vor allem heute! da für das ungeübte Auge alle Symptome hinfälligen Alters am Christentume haften, während es, wie eine Raupe eingesponnen, sein neues Wachstum umhüllt.

Denn wir sind heute so weit wie zuvor: Der Protestantismus wird seiner nicht mehr froh, und die Norm der Katholiken, durch zu viel gescheiterte Reformversuche eingeschüchtert, hat den Glauben an eine römisch-katholische Reformation verloren, jene Reformation, die Catharina nicht müde wird zu verkünden, und der ihre leidenschaftlichen und begeisterten Zurufe gelten. Und wenn heute unsere katholischen Gesellschaften, Vereine usw. ihre fortschrittlichen Bestrebungen verheißen, so belächeln wir im voraus die kümmerlichen Resultate, die sie uns bringen werden. Da dringt denn zu guter Stunde die kühne Sprache Catharinas wie ein frischer Luftzug in eine verbrauchte Atmosphäre.