Catharina von Siena, geboren am weißen Sonntag des Jahres 1347, war das Kind frommer und, trotz ihrer 22 Kinder, wohlhabender Leute: des Färbers Benincasa und der Monna Lapa. Ihr religiöser Hang zeigte sich schon sehr früh; doch war sie dabei ein munteres und sehr empfindsames Kind, und so anmutig, daß sie den Beinamen Euphrosyne erhielt. Ihre erste Vision — sie stand damals in ihrem sechsten Jahre — war für ihre Laufbahn bestimmend: sie kam mit ihrem Bruder vom Hause einer verheirateten Schwester, an der sie mit besonderer Zärtlichkeit hing, da erschien ihr über der Dominikanerkirche, in den Lüften schwebend, Christus als hoher Priester, eine dreifache Krone auf dem Haupte, der die Hand segnend nach ihr ausstreckte. Seitdem mied sie die Freuden ihres Alters. Daß sie gerade dem hl. Dominikus eine so besondere Verehrung widmet, hängt zusammen mit dieser ersten Vision. Seine Taten sind es, die sie zumeist beschäftigen; sie trägt sich mit dem Gedanken herum, als Mann verkleidet in den Predigerorden der Dominikaner zu treten, und Dominikaner sind überall der Gegenstand ihrer Ehrfurcht und Begeisterung. Schon jetzt führt sie ein Leben strenger Abtötung und gelobt in ihrem siebenten Jahr, nie einen anderen Bräutigam zu nehmen als Christus. Indes sie aber heranwuchs, hatten ihre Eltern andere Pläne und verlangten, daß sie sich wie andere Mädchen ihres Alters schmücke. Durch die Lieblingsschwester ließ sie sich dazu bewegen, als aber eifrig an ihre Verlobung gedacht wurde, und Catharina, um sich ihr zu entziehen, ihr schönes blondes Haar abschnitt, zog ihr ein so radikales Verfahren die erste schwere Prüfung zu. Um ihren Widerstand zu brechen, wird ihr die Kammer, die sie zu einer Kapelle sich errichtet hatte, genommen, und sie selbst im Hause ihrer Eltern wie eine Magd gehalten. Catharina, die sich ihren niedrigen Diensten mit großer Sanftmut und Freudigkeit unterzieht, hat bald eine neue Vision, die sie tröstet und ermutigt. Diesmal sind es die großen Ordensstifter, die ihr erscheinen: sie sieht den Gründer des Karthäuser-Ordens, den hl. Franz von Assisi, den hl. Benedikt: allein sie alle machen ihren Klosterschwestern strengste Klausur und Abgeschiedenheit zur Ordensregel, und Catharina läßt sie vorüberziehen. Sie hat nur Augen für den hl. Dominikus, der mit einer herrlichen Lilie auf sie zuschreitet und ihr das Kleid seines Tertiazordens entgegenhält.

Nicht länger hält sie mehr mit ihrem Entschlusse zurück, und die Eltern Benincasa lassen sie jetzt betrübten Herzens gewähren. Allein ihrem Wunsche standen noch die Dominikanerinnen selbst entgegen. Obwohl sie gewisse Ordensregeln befolgten, unter einer gemeinsamen Priorin standen und die Tracht des Ordens: das weiße Kleid und den schwarzen Mantel trugen, weshalb das Volk sie Mantellate nannte, so lebten sie doch ohne Klausur, ohne eigentliche Gelübde, und in ihrer eigenen Wohnung. Es gehörten denn auch meist Witwen gesetzten Alters dieser Genossenschaft an, und die 15 jährige Catharina aufzunehmen, schien ihnen in keiner Weise ratsam; aber Catharina verfällt in eine schwere Krankheit, und die Mutter selbst muß ihr nun helfen, die Mantellate zu bestürmen; zudem ist ihre Schönheit zerstört, nichts als eine gewisse morbide Grazie war ihr geblieben. So wird denn ihrem Verlangen endlich nachgegeben und nach ihrer Genesung an einem Sonntag des Jahres 1362 ihre feierliche Einkleidung in der Dominikanerkirche vollzogen.

Drei Jahre lebte sie nun im Hause ihrer Eltern ein den strengsten Bußübungen, der tiefsten Zurückgezogenheit und dem Schweigen geweihtes Leben. Die Nächte durchwachte sie im Gebet, aß nie Fleisch, nur ungekochtes Kraut, Früchte und Brot — später wurde ihre Nahrung so gut wie keine mehr — geißelte sich des Tags dreimal nach Dominikanersitte, und schlief zwischen einigen Brettern in einem sargähnlichen Bett und auf einem Kopfkissen aus Holz. Zu dieser Zeit sollen doch manche Anfechtungen und der Wunsch, wie andere Menschen zu leben, die Ruhe ihrer Seele gestört haben. Schlafend und wachend, ob sie ihren Leib noch so sehr marterte, hielt ihr ein Dämon verführerische Bilder vor, bis wieder eine Vision das Ende ihres Kampfes verkündet.

Einmal erscheint ihr die hl. Jungfrau, sie mit ihrem Sohn zu verloben. Christus steckt ihr einen goldenen Ring mit vier Perlen an, und David begleitet die Zeremonie auf der Harfe. Ein anderes Mal vertauscht Christus sein Herz mit dem ihrigen. In einer späteren Ekstase berstet ihr Herz von oben bis unten, so daß man sich fragt, wessen Herz es dann gewesen ist? Endlich waren es die Wundmale Christi, die sich in fünf blutigen Strahlen auf ihre Hände, ihre Füße und nach ihrem Herzen richteten. Bevor aber diese Strahlen die fünf Stellen ihres Leibes erreichten, verwandelte sich das Blut in Licht, und in Gestalt des Lichtes prägten sich ihr diese Strahlen ein. Daß diese Wundmale, die ihr ein Gefühl des Schmerzes zurückließen, gleich dem Verlobungsring[1] den Augen der anderen niemals sichtbar wurden, beirrte Catharina in ihrem Glauben daran nicht. Und der Grundton ihres Wesens ist so wahr und echt, daß sich ein ablehnendes Gefühl für ihre visionäre Seite mit dem Glauben an sie selbst vertragen kann. Allein bedeutsam bleibt es immerhin, daß Catharina, deren Heiligkeit es doch ist, die uns als die schwerste und ruhmreichste Tat ihres Lebens gelten muß, gerade in den Äußerungen dieser Heiligkeit so ganz ihrer Zeit angehört, und so ganz von der Anschauungsweise und der Phantasie des Mittelalters beherrscht ist, daß gerade das Visionäre an ihr sich nicht selten als das Veraltete zeigt! Ist doch auch das Wertvollste heute an ihren furchtbaren Kasteiungen die fesselnde und geistvolle Art, mit der sie über solche Dinge spricht — man könnte fast sagen, abspricht — und den ganz relativen Wert, den sie ihnen zuerkennt. So streng ihre eigene Askese ist, man fühlt, sie steht darüber. Nimmermehr würde sich wohl heute diese selbe Catharina bewogen fühlen, das eiterige und blutige Wasser, mit dem sie die ekelhaften Geschwüre einer Kranken gewaschen hatte, auszutrinken. Warum hat sie sich dann einer so extremen Lebensweise ergeben, als könnte sie es nicht erwarten, daß ihr Leib zugrunde gehe? Aber lag es nicht in der Natur der Dinge, daß ein Heiligenleben des 14. Jahrhunderts einen wesentlich büßenden Charakter trug? in einer Zeit, in welcher die Gemüter vom Geist des Christentums noch so wenig umbildet waren, und das Leben wie eingedämmt war von Grausamkeiten; da abgehauene Hände, geblendete Augen zu den üblichen Racheakten gehörten, und der Feind den anderen nicht schonte. Fand es doch mancher bedenklich, daß ein so liebendes Gemüt wie der hl. Franz von Assisi wenig Herz gezeigt habe für die Greuel der Inquisition, deren Kunde er doch vernahm. — Wenn aber Franz von Assisi zu jener selben Epoche sich gedrängt fühlen konnte, Aussätzigen um den Hals zu fallen und sie zu küssen, was war dies anderes, als der spontane Ausdruck eines trostlos-ohnmächtigen Mitgefühles? In ihrem Beweggrund allein lag der Sinn so überschwenglicher Werke. Wenn daher ihre Abtötungen es nicht sind, die Catharina zu einer großen Heiligen stempeln, so wäre sie die große Heilige nicht gewesen ohne den sublimen Drang, der sie zu ihnen trieb. Ein Herz wie das ihre mußte dürsten, die Blüte ihrer Jugend zu zertreten in einer von Leiden so befleckten Welt, vor der selbst ein Boccaccio in eine Karthäuserzelle flüchtete.

Nicht ganz so leicht läßt sich in der visionären Catharina unterscheiden. Wenn auch ihre in astrazione, das heißt in Verzückung geschriebenen Briefe ihren Gedankengang stellenweise zu erhabenem Ausdruck bringen, so erwecken sie doch anderseits den Eindruck einer von Hunger so geschwächten Catharina, daß ihr schwarz vor den Augen wird. Der eigene Bericht nun gar (in ihrem letzten Brief an Bruder Raimund da Capua), den sie von einer solchen Vision erstattet, liest sich nicht angenehm. Zum Teil mag es daran liegen, daß hier das Wort nun einmal ein schlechtes Vehikel ist, und der hl. Franz Solanos war sicher gut beraten, da er die Flöte blies, um seine mystischen Erlebnisse zu schildern. Allein vor allem ist es der Christus ihrer Visionen, dem wir nicht ohne Mißbehagen und einer gewissen Kälte des Herzens gegenüberstehen: es ist denn doch ein zu primitiver, zu sehr ein Klosterfrauen-Christus, der ihr da vorschwebt! Und auch hier ist ihre Auffassung des nichtvisionären Zustandes trotzdem, oder vielleicht weil sie ihr stets dieselben Worte leiht, von ungleich größerer Bedeutsamkeit.

Christus ist ihr da stets das von Liebe entbrannte Lamm Gottes, das dem Kreuzestode entgegen eilt, und stets sieht sie ihn als den von Nägeln durchbohrten, von der Liebe am Kreuze festgehaltenen, verblutenden Erlöser. Es war ein durchaus genialer Instinkt, der sie Zeit ihres Lebens an diesem Bilde, haften ließ: Denn wie die Geschichte des jüdischen Volkes vor der Ankunft des Messias von dessen künftiger Bahn so mächtig vorausbeschattet ist, daß die Gestalten der Führer dieses Volkes zu Vorbildern jenes Lebens sich verdichteten, so wirkt seitdem die vollendete Bahn dieses Gestirns auf die Evolutionen der gesamten christlichen Völker bestimmend zurück. Für das schauende Auge nun konnte die damalige Welt nur im Zeichen jenes trauernden Erlösers stehen, von dem die Scholastiker sagten, daß er am Ölberg gebrochenen Herzens zusammensank, weil sich ihm da die partielle Fruchtlosigkeit seines Opfertodes auftat.

Nicht ein einziges Mal sehen wir Catharina den Blick hinwenden nach jenem anderen rätselvollen Auferstehungstage eines verklärten und vergöttlichten Leibes, als sei es nicht an der Zeit, solcher Kunde zu gedenken. Aber wie entrückt die apollinischen Klänge jenes Tages uns auch verbleiben, die seither mit den christlichen Nationen vorgegangene Wandlung ist dennoch so groß, daß sich in vieler Hinsicht behaupten läßt: der Christus des Mittelalters und der Kreuzzüge ist der unsere nicht mehr. Es ist — wenn ich dies Bild gebrauchen darf — als träte nunmehr die Welt in das Zeichen der Grablegung, und als dämmerte unsere Zeit oder die nächstkommende, oder die kommenden Jahrhunderte, dem beruhigten, ahnungsvollen Zauber der Kartage entgegen. —

So lange Catharina in der Zelle ihres elterlichen Hauses verborgen blieb, unterschied sich ihr Leben nicht von dem der anderen Heiligen: die Liebe zu den Armen, die Krankenpflege, selbst die Wunder, die ihr zugeschrieben werden, dies alles findet sich in ähnlicher Weise in so vielen anderen Legenden wieder. Aber durch ihre große Heiligkeit wurde sie bald zum Mittelpunkte einer kleinen Gemeinde, und verschiedene Mantellate hatten sich ihr angeschlossen, vor allem jene junge Witwe Alessa, aus dem Geschlechte der Saraceni, der wir in den Briefen als dem Sekretär der Catharina begegnen. Denn Lesen und Schreiben war dieser nicht beigebracht worden; man erachtete es für Mädchen ihres Standes als einen Luxus, und sie lernte es erst in ihren letzten Lebensjahren. In dem Hause, das Alessa in ihrer Nähe gemietet hatte, zog sich Catharina vor dem Getriebe und Geräusche des Färberhauses zu längeren Aufenthalten und öfter zurück, und bald wird sie nun in ihre eigentliche Bahn gelenkt. Denn nicht nur Frauen und Mädchen, auch Männer traten bald in ihren heiligen Kreis, und nicht nur Geistliche wie ihr Beichtvater Raimund da Capua, sondern junge Ritter, wie Stefano di Maconi, der vor allen geliebte Jünger, und Francesco di Malvolti. Catharina kam nämlich mit Weltleuten vielfach in Berührung durch eine der denkwürdigsten Seiten ihrer Wirksamkeit: die der Friedensstifterin. Als solche weilt sie längere Zeit auf der Burg der Salimbeni, und wir sehen die Führer des kriegerischen Adels, später eine Stadt, einen Papst zur Schlichtung der Fehden sich an sie wenden. Der Ruf ihrer wunderbaren Heiligkeit — es hieß, sie hätte monatelang nichts anderes als das Abendmahl genossen — verbreitete sich immer mehr. Die Heiligkeit erlebte aber zur Zeit des Faustrechtes ihr größtes Prestige, und in dem Italien des 14. Jahrhunderts wob die Zeit selbst an dem Zauber, der ihr einen so unerhörten Einfluß verlieh.

Ihre erste Mission galt der eigenen Vaterstadt, dem von Fraktionen zwischen Adel und Bürger, Guelfen und Ghibellinen zerrissenen Siena. Im Jahre 1368 fiel dort die Macht den, größtenteils aus dem Pöbel zusammengesetzten, sogenannten „Fünfzehn“ zu, die unter Kaiser Karl VI. den Titel Reformatoren annahmen und das Reformieren auf ihre Weise betrieben. Ihnen galt Catharinas erster Mahnbrief, und von da an ruhte sie nicht mehr, die Menschen zur Liebe und zum Frieden aufzurufen. Ihr überströmendes Mitgefühl ist ihre Zauberformel, mit der sie die härtesten und die schwersten Herzen gewinnt. Zum Tod Verurteilte wollen sie sehen und von ihr getröstet werden. Ein junger Edelmann: Nicola Tuldo, der wegen seiner Teilnahme an einer Verschwörung wider die „Fünfzehn“ zur Enthauptung verurteilt wurde, raste vor Verzweiflung über sein bitteres Los. Da vermag es Catharina, ihn mit seinem Schicksal auszusöhnen: sie steht ihm bei, harrt bis ans letzte Ende mit ihm aus, und er stirbt getrost, ja glücklich, in ihren Armen.

Es läßt sich denken, daß Catharina von Anfeindungen nicht verschont blieb. Aber die Sonne ihrer Tugend überstrahlte so weit alle Verdächtigungen und Verleumdungen, daß ihr Ruf nur um so unantastbarer daraus hervorging.