Aber die dem Unwahren überwiesene, vom Schein genarrte und gefolterte Kreatur hat das nur der Intuition erkennbare Wahre diskreditiert und das Wort Mirakel dafür gesetzt.

1911.

BEI DUCHESNE

I.

Seit ich über die heilige Catharina und die heilige Walpurga schrieb, sind nur wenige Jahre verflossen, und doch ist es schon nicht mehr dieselbe Zeit. Jetzt erst realisiere ich, wie reizvoll es war, religiösen Problemen nachzuhängen, während sie so ziemlich niemand interessierten. Ich sage dies nicht aus Hochmut. Es sind Beleuchtungsfragen, und jeder kennt ja ihren Belang. Wir wissen, daß eine zu offene Helle die Dinge schlagen und ihrer Intimität berauben kann; wie sehr dagegen jenes andere gehemmte und entkräftete Licht alles verstärkt und verdeutlicht, was es bestrahlt; — Mitsommers vielleicht, während das voll entfaltete Laub regungslos unter dem bedeckten Himmel hängt.

Eine frühe, noch ungewohnte Christenheit sah alles so grell, daß sie verwirrten Sinnes die Geschichte ihres Kultus wob. Aber seit Dezennien, ja seit Jahrhunderten schon hat sich ein stetig wachsender Indifferentismus wie Wolkenbänke aufgeschichtet. Die Dinge der Religion ließ man links liegen, hörte auf, sich zu ereifern. Immer weiter glitten sie wie Abgeschiedene von uns weg, und immer weniger „gehörten sie her“.

Merkwürdigerweise gärte dabei das christliche Agens wie ein Sauerteig in unserer entfrommten Welt unbeschadet weiter, fand andere Ventile, und pflanzte sich in unserer Philantropie wie zu einem blühenden Stabe auf. Es war erstaunlich zu sehen, wie gut gerade der Katholizismus es vertrug, daß man ihn in Ruhe ließ, und abgewandten Sinnes lieber fliegen, forschen und entdecken lernte. Ja, es schien, als atme er indessen von den Strapazen unserer tausendjährigen Mißverständnisse auf; sachte begann er schon der bitteren, unleidlichen Rinde sich zu entziehen, in die Menschenhände ihn verbaut hatten, glitt einer neuen Kurve zu und evoluierte wie ein Planet. Ja, man kann sagen: seine Idee evoluierte in dem Maße, als seine Dogmen an Presenz und Deutlichkeit verloren. Nichts gleicht ja so vollkommen einer Kugel als diese Idee. Und so drehte sie sich nur um ihre Achse, als sie, ohne doch von uns abzurücken, wie der Neumond unserem Gesichtskreis entschwand . . . Aber leider sind wir daran, ihn auf seiner Bahn noch einmal störend aufzuhalten. Aus der Penombra unserer Gleichgültigkeit soll er noch einmal vorschnell ans Licht, und wenn nicht alles trügt, so kommt wahrhaftigen Gottes der Katholizismus jetzt in Mode.

Auf irgend einen Umschwung mußte man ja gefaßt sein. Mit der Liebe als „Topic“ ist es bekanntlich vorbei, sie muß sich erst von der Publizität erholen, die wir ihr ein Jahrzehnt lang angedeihen ließen, so daß wir eine Zeitlang lieber nichts mehr von ihr hören. Wer hinzukommt, wie ein Rad ausläuft, der harrt der neuen Schwingung: so sind heute die Unerfahrensten blasiert. Und daran ist ja nichts auszusetzen. Wohl aber, daß man darauf verfiel, nunmehr das Religiöse gewissermaßen als Novität auf seine Zugkraft hin zu erproben! Auch der laueste Katholik sieht heute entsetzt, wie die Literaten deutlich Miene machen, den Katholizismus zu „entdecken“. Nicht als Ausübende versteht sich, nur als Imaginäre, die allen Ernstes glauben, aus Sport, und wie man Wagnerianer und später Antiwagnerianer war, so könne man auch katholisch sein. Ein grotesker Wahn, wenn man bedenkt, daß der Begriff Amateur-Katholik so wenig wie der des Amateur-Soldaten existiert. Und zöge einer in Helmbusch und Epauletten einher, und würfe sich gar in eine Generalsuniform, weil sie ihm so gut gefällt, so hätte er doch erst recht mit militärischen Dingen nichts zu schaffen; es sei denn, daß er dem Stande beitritt und sich dem Drill unterzieht. So fragt der Katholizismus nicht nach Velleitäten, er fragt nicht, wer für den Pomp seiner Zeremonien und Gewänder, auch nicht, wer für den suggestiven Zauber des Meßopfers schwärmt, sondern er fragt nur, wer eingeht durch das kaudinische Joch, das bis auf weiteres den einzigen Zugang bildet zu einer ehrwürdigen und wetterfesten, aber der Umgestaltung so dringend benötigenden Feste, daß nur mehr die ganz Einfältigen, die freiwillig Gedankenlosen oder Leute von sehr merkwürdiger Abstraktionsfähigkeit ihre Besatzung bilden. Und er fordert von diesen Wenigen, daß sie es über sich bringen, die wankende Burg um ihres ewigen Grundrisses willen nicht zu verlassen. Er fordert, daß sie, wenn auch ohne Illusion und des Einsturzes gewärtig, den täglich unleidlicheren Verhältnissen sich fügen. Er fragt nicht, welche Grimassen sie dabei schneiden. Es genügt ihm, daß sie nicht ausziehen. Denn er bedarf ihrer als Pfeiler für den kommenden Umbau.

In Rom, bei einem Kardinal, der ein sehr heiliges Leben führte, war eines Tages im engsten Zirkel von der letzten Papstwahl die Rede; und auch von den politischen Intrigen, die damals in allen Kanzleien so üppig und offenkundig in Blüte kamen, daß am Tage der Entscheidung einer der Botschafter mit der Prognose: „Ce sera un petit pape“ — im Gegensatz zu Leo XIII. — unumwunden herausrücken durfte. Der Neffe des Kardinals wagte zu bemerken, daß sich der hl. Geist während dieses letzten Konklaves sehr passiv verhalten habe. „Et vous croyez“, sagte der Kardinal, nicht etwa ironisch, sondern mit der Fassung und erfahrenen Gelassenheit des Veteranen: „Et vous croyez, que dans cent ans nous aurons encore ces chinoiserieslà?“ Mögen manche Katholiken ungläubig die Köpfe schütteln, mögen sie den Neokatholiken unbegreiflich dünken; dies waren seine Worte. —

Ich möchte hier etwas über Konvertiten einschalten. — Zwischen ihnen und den angestammten Katholiken herrscht so oft eine merkwürdige Fremdheit, als wären sie gar keine richtigen Glaubensgenossen. Der alte Bau, der für die Einen die edle Patina der Jahrhunderte trägt, steht wie frisch getüncht und so hart und plötzlich — und so neuartig vor den Augen der anderen. Nichts von seinen Herrlichkeiten ist ihnen noch geläufig. Als nouveaux riches sind sie über Nacht zu dem gelangt, was den Erbangesessenen selbstverständlicher Besitz ist. Daher nichts Vornehmeres, aber auch nichts Selteneres als ein Parvenu — oder ein Konvertit, — dem man’s nicht anmerkt.