In richtiger Distanz zu dem ewig fluktuierenden Katholizismus zu bleiben, ist ja eine so schwere und immerwährende Aufgabe, daß eine ganze Anzahl Katholiken, und gerade die sympathische Sorte, da sie sich nicht lossagen wollen, lieber Scheuklappen anlegen, als über ein so gefährliches und verwirrendes Thema nachzudenken. Und ich begreife sie sehr wohl. Seinem Geiste nach ist der Katholizismus etwas in seiner Vollgültigkeit wirklich zu Insgeheimes und zu Irisierendes. Für die Armen da, gewiß, aber wie ein König für die Armen da ist, so ist er in seinem unantastbaren Adel denen sogleich entzogen, die in ihn hinein geheimnissen oder ihm mit Anachronismen zu nahe treten. Denn er kennt kein Zurück; und durchschrittene Bahnen umkreist er kein zweites Mal. O wüßte Claudel, wie weit dieser Geist seiner versteinerten Muse entschwebt ist, wie wenig ihr erledigtes Mittelalter den Unaufhaltsamen trifft!
Wenn mir vorhin die Konvertiten einfielen, so geschah es, weil mir bei der Äußerung des Kardinals, die ich zitierte, unwillkürlich ihre erschrockenen Mienen vorschwebten. Der junge Diakon hingegen, an den sich die Worte richteten, vernahm sie mit einem beschaulichen Lächeln. Er sollte sich bald darauf durch einen zu fürwitzigen Modernismus seinem Seminar mißliebig machen, auch sollte ihm — gerade nach Torschluß — dünken, daß er für die Aviatik oder die Armee — er stammte aus einer französischen Offiziersfamilie — berufener gewesen wäre, als für den Priesterstand, den er offenbar ein wenig vorschnell erwählt hatte. In dieser Verfassung kam er nach München und besuchte mich hin und wieder. Bei seinem skeptischen Naturell konnte von einem Glauben, der Berge versetzt, nicht die Rede sein. Intelligent und rege, aber der Wissenschaft, der Technik zugewandt und ohne jede Einstellung für das Religiöse, läßt sich denken, wie ihm heutzutage in seinem Stande zumute sein mußte. Seine Ironie war zu wenig gespielt, sein Achselzucken zu vielsagend, seine Munterkeit zu sehr die eines gefangenen Eichhorns, kurz, sein Stichwort war die Qual, — man brauchte es gar nicht lange zu suchen.
Eines Tages erschien er plötzlich zu ungewohnter Stunde, sich zu verabschieden. Es habe sich eine Vikarstelle für ihn geboten; ob er die annähme, wisse er noch nicht, und er zuckte die Achseln; doch jedenfalls kehre er nach Frankreich zurück.
Die Fenster standen groß offen, und es war ein Frühlingstag, daß ihn die Gestorbenen unter ihren Erdhügeln spüren mußten. Als eine verwegene Negation des Todes rauschte er mit allen Schauern herein, sein Licht hing sich wie ein Lockruf an den blassen und eleganten Abbé und hob mit so weher Schärfe die Tragik seines Daseins hervor, daß ich aufatmete, als er wieder ging. Doch gleich darauf hielt ich es selber im Hause nicht mehr aus. Draußen, unter freiem Himmel, angesichts der Straßen, der blühenden Anlagen, da gab es die vieljährigen Bäume, die oft erstorbenen und nun wieder ergrünten, und Menschen aller Art, erst da ließ sich das Schicksal des jungen Priesters wieder einreihen und erdrückte nicht mehr. Da erst konnte man sich ein Herz fassen, kalte Dinge in den Tag hineinzudenken.
Zwei Jahre waren vergangen, als ich ihn unvermutet wieder traf. Er hatte sich in einem Lyzeum ganz der Erziehung junger Knaben gewidmet, seine Hoffnungslosigkeit schien glücklich eingedämmt; ich fand ihn „zusammengerissen“ und gefestigt, ohne daß er doch im Stillen von seiner Skepsis das geringste eingebüßt hatte; er zuckte die Achseln womöglich noch höher als zuvor, und nie war einer seines Zeichens der Dogmen so ungewiß.
„Warum gehen Sie nicht weg?“ fragte ich starr.
„Es ist keine Sache, die man desertiert,“ sagte er. Dabei kam ein so anderer Ausdruck in sein Gesicht, und ich begriff, daß eine Weihe wie die, welche er empfangen hatte, dem Flüchtling zum Brandmal werden müßte. Für den Augenblick wollte mir alles andere gering scheinen im Vergleich zu dem Leben dieses im eigenen Lager mißkreditierten und verdächtigten Abbés, der mit so großer Selbstverleugnung auf seinem Posten blieb. Weil hinter diesem Katholizismus, dem wir doch sonst lieber heute als morgen davonliefen, das Rätsel steht, das wie eine noch ungehobene Monstranz weit hinaus über unser Dasein schimmert. Weil hier ein Seiendes inmitten der ewig zusammenstürzenden Gestalten seinen Bann ausstrahlt.
Wird mich der Leser verstehen, wenn ich ihm das Bild nenne, das da plötzlich vor mir aufstieg? Ein kleiner Reitertroß, welcher dem vorsichtig nachziehenden Heere voransprengt, verwehrte Grenzlinien erkundend, ohne Deckung, verfallen, namenlos, und dennoch vom Sturm seiner Gesinnung sich zu opfern hingerissen, weil dort einige Helden liegen müssen, wo die kommenden Vielen freien Durchzug über neue Brücken finden sollen. Und auch jene Kundschafter schwebten mir vor, die sich als erste in die mörderische Luft erhoben, um sie für andere zu besiegen. Von dem mystischen Generalissimus aber, der heute eine solche verschwindend kleine Schar durch seinen Geist beseelt und, vielleicht ohne es zu wissen, auf ihren gefährlichen Vorposten zurückhält, von Duchesne will ich nun sprechen.
II.
Ich wäre glücklich, wenn es mir gelänge, das Bild des Mannes zu umreißen, der sich aus dem unmöglichen Kompromiß zwischen Skepsis und Gläubigkeit seine gedankliche Würde und Unabhängigkeit rettete, und — klug wie eine Schlange — die Desinvoltura seines Geistes bis in ihre kleinsten, spöttischesten Züge vorbehielt, während er sich doch als ein Gebundener aller Waffen begab; — der heute mit einer Selbstverleugnung ohnegleichen als Trumpf einer Partei steht, die nur darauf sinnt, ihn auszustoßen, während er durch sein geistiges Prestige ihre Wagschale hält; — der über die obskuren Tage, durch welche sich der Katholizismus durchringen muß, wie ein blühender Ast hinausreicht, und dessen Schatten so beseelt eine Schwelle überhängt, die er nicht beschreiten wird. Es gibt heute auf der Welt keine stolzere Gestalt, und keine, die so einsam steht, wie Duchesne. Nicht mit den Unbedachten und den Fanatikern, die blindlings ein zerfallendes Gemäuer verteidigen, sondern weil er dessen unerschütterliche Basis ergründete, nur deshalb verharrt er standhaften Fußes inmitten des immer hastigeren Gerölles. Gar manche Werte, als unvergänglich ausgegeben, wird es ja als vergangene vor sich hintreiben. Aber keine Kunst wird es dann sein und keines Scharfblickes wird es mehr bedürfen, sich zu einem Katholizismus zu bekennen, von dem die düstere, unziemliche und abgenützte Wörtlichkeit sich endlich löste!