Ich war zum erstenmal nach Rom gekommen und wußte noch nichts von Duchesne, als mich eines Tages Barrère auf die Gäste aufmerksam machte, die er für den Abend erwartete; er hob den soeben zum Monseigneur ernannten Abbé Duchesne vor allen anderen hervor und bestimmte mich in seiner impulsiven Art zu seiner Nachbarin. Nun war ich aber noch übertrieben jung, wenn man so sagen darf, und eine viel zu unwichtige Person, um von dem neuen Würdenträger geführt zu werden. Man beförderte mich also an seine Linke. Es war alles was sich machen ließ. Zu seiner Rechten saß — zart und pariserisch — die sehr reizvolle junge Gattin eines französischen Deputierten. Sie verstand es sogleich, sich mit einer huldigenden kleinen Phrase Duchesne zuzuwenden, und ich beneidete sie um ihre Sicherheit, erschrak jedoch, als sie ihn dann fast unverweilt auf religiöse Themen hin unternahm. Allein sie trug sich als strenggläubige Katholikin und ohne Furcht. Leo XIII., obwohl schon ein Sterbender, hatte sie noch empfangen und ihr seinen Segen gewährt . . . sie war so glücklich . . . dieser unvergeßliche Eindruck . . . „Und werden Sie sich einige Zeit in Rom aufhalten?“ fragte Duchesne. „Ach nein, leider nicht.“ Sie müsse wegen der ersten Kommunion ihres ältesten Kindes zurück.

„Schade,“ sagte er.

Es entstand eine kleine Pause; man reichte ihr eben den Fisch, aber dann erklärte sie eifrig, sie wolle jedenfalls den Ablaß gewinnen, bevor sie Rom verließe. Hatte Monseigneur ihn schon gewonnen? „Non,“ gab er zur Antwort, „j’attends qu’il y ait un rabais“. Und ohne aufzusehen, ließ er ihr ruhig Zeit sich zu sammeln. Ihr Gatte fing die bestürzte, fast hilfesuchende Miene nicht auf, mit der sie über den Tisch zu ihm hinsah, indes ich mich schnell zurücklehnte, um Duchesne mit einem unauffälligen Blick zu überfliegen. Mein Herz tat einen großen Ruck und stand horchend still. O, diese hohe, wie in kühner Abwehr geschwungene Braue! dies aufblitzende, bedrohliche Feuer des Auges! und welcher Ernst hinter dieser grimmigen Maske! Jene unverbriefte augenblickliche Sicherheit, zu der eine intuitive Erkenntnis hinreißen kann, trug mich da, — des Pfeils nicht achtend, wo er lag — schnurgerade zu dessen Ausgangspunkt hin. Nein, bei Burgunder und Salmi gab dieser Mann nichts zum Besten von dem, was der Brennpunkt seines Lebens war. Bedachte sie es nicht und zog sie keine Schlüsse, die anmutige Frau, die sich die Dinge zugute hielt, deren letzte Konsequenzen er trug? Sein zierlicher violetter Mantel, als seidenes Nichts über den Sessel zurückgeschlagen, hing er ihm nicht wie mit eisernen Schließen am Halse an? und entnahm sie nichts der so wenig klerikalen, der so priesterlichen Prägung dieser tragisch in sich gekehrten Züge? —

Ach! so neu war dies! wie wenn Berge zurücktretend ein Tal einlassen. Ich war so entzückt, daß sich mir alles festlich erhöhte: das Silberzeug wie neu gehäuft, als spende es seine Pracht zum ersten Male, und auch die Blumen!

Es ist leider nicht zu umgehen, daß hier zu viel von mir selbst die Rede ist, denn ich muß zur Erklärung manches einschalten. Mit sechs Jahren steckte ich schon in einem Kloster, das ich erst mit zwölf, beflügelten Schrittes, auf immer verließ. Der Begriff und das Hochgefühl, ja die Würde der Freiheit bestand für mich darin, daß ich nunmehr mit Klosterfrauen, spitzenbesetzten Heiligenbildern auf Tortenpapier, und den frommen und so faden Öldrucken, vor welchen es in keinem Saale, keinem Korridor, keinem Vorplatz ein Entrinnen gab, auf immer außer Kontakt treten durfte. Dies hatte der furchtbare Klosterjargon bewirkt, in den das Erhabene und Unbegreifliche, als wäre es so gegenständlich wie Reis oder Kaffee, ohne Unterlaß hereingezogen wurde. Kein Anlaß war zu gering, um uns von Gott zu sprechen. Schneller als man glaubt hat aber die geheimnislose Aufmachung des Geheimnisvollen das religiöse Bewußtsein eines Kindes zerstört, und es wendet sich so bald als möglich von einer Sache ab, die man ihm mit beschämend albernen Reminiszenzen behing. Ich war mit so mächtigen Aversionen aus meinem Kloster ausgetreten, daß ich mich fortan allen religiösen Erörterungen und dem Umgang kirchlicher Personen mit anstößiger Deutlichkeit entzog und meiner Abneigung für sie auch dann, ja dann erst recht mit wahrem Behagen treu blieb, als ich angefangen hatte, dem Problem des Katholizismus still für mich allein mit gespanntem Interesse nachzuhängen.

Und nun zurück zu jener Tafel: aber ich glaube, es werden einige schon begriffen haben, warum da mein Herz so plötzlich höher schlug.

Tags darauf bestürmte ich Barrère, mir zu einer Unterredung unter vier Augen mit Duchesne zu verhelfen. Ihnen kann er’s nicht verweigern, und mich machen Sie für den Rest meiner Tage glücklich, beteuerte ich.

Aber Barrère ließ sich durch meine melodramatische Geste nicht beirren. Er dachte nicht, was ein jeder an seiner Stelle gedacht hätte: „die Kleine wird mich blamieren!“ Er zögerte nur einen Augenblick lang, dann schickte er eine Zeile zu Duchesne hinauf: dieser wohnte nämlich im selben Hause, wenn auch nach einer anderen Himmelsrichtung und fast eine Viertel Meile Weges entfernt. Denn das Dach des Palais Farnese ist weitläufig wie ein Stadtviertel und birgt einen ganzen Komplex verschiedenster Wohnungen. Es hat sogar seine Slums, sozusagen, unkontrollierbare Schlupfwinkel, aus welchen allerlei lichtscheues Volk sich nicht mehr vertreiben läßt.

Duchesne schickte den Boten mit der Antwort zurück, daß er mich am folgenden Morgen empfangen könne. Als Leiter des Archäologischen Institutes hatte er eine hochgelegene, aber stattliche Flucht von Zimmern inne. Beklommen erstieg ich die vielen Stufen und begriff den Ansturm nicht mehr, der mich mit solcher Macht zu diesem Schritt getrieben hatte: er erschien mir plötzlich anmaßlich und ungenügend motiviert. Lag mir denn auch wirklich so übermenschlich viel an solchen Fragen? welchen Fragen? . . . ich wußte auf der Welt nicht mehr, was ich Duchesne sagen wollte, und angsterfüllt zog ich die Klingel.

Der Diener verneigte sich stumm, zum Zeichen, daß ich erwartet sei, und aus dem Halbdunkel trat eine Katze hervor, die sich ohne Zögern meiner annahm und mir voranschritt. Zwar hätte nichts farbloser sein können als Duchesnes Empfang. Mir jedoch, da ich vor ihm stand, verscholl alles Alltägliche, und alles Zufällige stürzte mir zusammen wie Kulissen, die aus dem Wege müssen und mein wahres Leben umgab mich wie ein Paradies. Kindheit und Jugend von mir fortgeweht und selbst die Jahre, die noch vor mir lagen, im voraus abgesponnen, gehörten mir nicht mehr an, keine Zeit, nur diese eine denkwürdige Stunde; kaum ein Geschöpf, nur ein Gedanke, so stand ich vor ihm; nichts von dem Zimmer wahrnehmend, in dem ich stand, nur den Himmel, der durch die Scheiben sah: rosige Wolkenstreifen über den Janiculus. Es ist Abend, dachte ich.