„Guten Morgen,“ sagte Duchesne.

Doch ich blieb unter dem vagen Eindruck eines Abendhimmels und sah so klar, wie ohne diese unverhoffte Begegnung mein Weg sich verengte und ich abstürzte. Aber im magischen Schein dieses sinkenden Tages, der ein aufziehender war, dünkte es mir mit nichten wunderbar, daß der ausgerechnet einzige Mensch auf dieser Erde, vor dem ich mir — wie ich nun einmal beschaffen war — die Bestätigung, das „Geländer“ dessen holen würde, was ich mir nun schon lange — Sprosse für Sprosse — trotzig aufbaute, hier vor mir stünde, mich zu vernehmen. Die Tatsache war schon vergessen, daß sich mein Leben bisher zu einer Mosaik heftiger, stets unerfüllter Wünsche mit erstaunlichem Tempo zusammensetzte. Stand doch auch mein Umgang mit Menschen damals im Zeichen des erbitterten, weil unstillbaren Wunsches, auf einen Stuhl zu steigen, und was ich gerade meinte oder dachte, furchtbar hinauszuschreien, um die Nichtachtung zu übertönen, die meine aperçus samt und sonders erfuhren. Die sogenannten reifen Leute pflegen ja den Werdenden jeden Kredit auf eigene Gedanken um so systematischer zu verweigern, je gedankenloser sie selber sind. Und doch trägt einer seine paar Ideen, wenn überhaupt, schon sehr früh mit sich herum, und sich selbst überlassen, kommt vielleicht nichts seiner Bedrängnis gleich.

Aber hier stand der gewaltige Duchesne, und ihm bekannte ich da in hastigen Umrissen die ganze Not meiner geistigen Existenz: Wie ich auf meiner Flucht vor all denjenigen Dingen, die mir so früh verleidet wurden, dem menschlichen Geiste auf allen mir zugänglichen Gebieten, nur nicht den religiösen, nachzuspüren begann, wie aber alle diese der Religion entfremdeten, oder sie ignorierenden, ja sie scheinbar negierenden Pfade, sich mir zu guter Letzt als Umschreibungen jener selben Mysterien bekundeten, deren Sinn, ja deren Wahrheit mir eine zu unumwundene und plumpe Wörtlichkeit so früh raubte; wieso ich die Leute nicht verstünde, die es sich untersagten, den Dogmen nachzuhängen aus insgeheimer Furcht, sie dann bezweifeln zu müssen, und wie feig, wie träge, wie wenig menschenwürdig mir dies erschiene; um so mehr als sie den spekulativen Gedanken auf das äußerste anzuspornen vermöchten, und es eine Art gab sie zu jagen und zu verfolgen, bis sich ihre Fassetten zu einer vieldeutigen Einheit blitzend zusammenballten, daran sich von neuem Alles erproben, die kühnsten, fürwitzigsten Spiele treiben ließe, die selbst mit dem schwindligen Kosmos bemessen, ihre Schwingung behielt . . . die vielen Wohnungen auch wirklich birgt, von welchen geschrieben steht, und also auch Hürden den Einfältigen gewährt; daß sich der Freie aber nur deshalb zufrieden gibt, weil hier ein Geheimnis hinter dem anderen lauert, und Unerforschliches hinter dem Erforschlichen wie im Sternenraume immer neue Kreise einbezieht. Eine solche Einsicht, meinte ich, in einem Zuge fortredend, hatte so sehr den Charakter des einreißenden Affektes, daß man wohl scheuen könne, ihn vor sich selber auszuplaudern . . . . daher das so sehr Fakultative dessen, was man Frömmigkeit nennt und für einen Bestandteil des Religiösen hielt, während es ein vielfach sich lösendes Abzeichen sei.

Duchesne unterbrach mich mit keinem Wort. Am Fenster stehend, und halb mir zugekehrt, hörte er mich an. Ich meine, wir sind so empfindlich geworden, gerade in solchen Dingen, fuhr ich fort, denn wir neigen so stetig vom Sichtlichen weg! Wem der Katholizismus seit Generationen im Blute sitzt, der scheint heute Nichtkennern unverständlich, fast hostil. Schon fordert er den Altar als Hintergrund für Priestergewande. Mönchstrachten und Klosterschwestern im Straßenbild sind nicht glücklich — — — —

Die Sonne senkte Streifen goldenen Staubes herein. Bald wird sie sinken, dachte ich, und meine Worte fingen an sich zu überstürzen: durch das Überdauernde und Grenzenlose der Konnexe war eine Sache groß. Alle Künste aber strebten seit vielen tausenden von Jahren an den Schleiern unseres Kultes zu weben und waren von jeher durch den Pulsschlag oder den Gedanken eminent katholisch. Aber ein so flutendes Meer wurde zum ungespeisten Gewässer verdrängt, das universalste zum einschichtigen, die Sache, deren Schlagwort unbegrenzte Elastizität ist, zur verdrießlichen Enge. So kehrt fast jeder um, wo dennoch ein Weg über jene Himmelsbrücke bis zum alten Hellas hinüberreicht, das sich als gewaltiger Aufruf, als elementarer Auftakt der Messianischen Zeit aus der Versenkung hebt. Und die Gestalt des Erlösers . . . Hier brach ich ab. War es denn nötig, etwas hinzuzufügen? Mußte der Mann, zu dem ich mit geweiteten Augen hinübersah, nicht mit einem Blick erraten, wie sich auf dem eingeschlagenen Wege die Prinzipien, die man mich als Gegensätze gelehrt hatte, ins Unabsehbare versöhnten, und wie brennend ein solcher Verdacht mich innerlich einschloß und umzüngelte? Vielleicht hatten ihn schon viele geschöpft; ich konnte es nicht wissen, da ich ihn noch von niemand vernommen und zu niemand geäußert hatte. Unter den geistvollen und mir unendlich überlegenen Menschen, die ich schon kannte, war mir doch keiner vorgekommen, dem ich gerade in solchen Dingen die Autorität zugestanden hätte, mir diesen Verdacht zu bestätigen oder zu bestreiten; keiner, dessen Widerspruch mich nicht unbeschreiblich gereizt hätte, um dann anzunehmen, daß ich es selber besser wüßte . . .

Wozu hatte ich jetzt gesprochen, wenn dieser hier alle diese Dinge nicht erriet?

Monseigneur, schloß ich unvermittelt, täusche ich mich oder habe ich recht?

Und Duchesne antwortete mir ohne Zögern.

Aber mein Gehirn war plötzlich wie ausgelöscht und leer und ein Büschel Fräsien, deren Duft ich bisher nicht wahrgenommen hatte, ward überwältigend. Ihre archaische Seele ausatmend — diesem ewigen Echo von Hoffnung, Frühling, unglücklicher Liebe — bestimmten sie den Klang dieser Stunde und trugen ihre schwere und doch so beschwingte römische Luft, ins Unermessene hin.

Duchesne saß mir jetzt gegenüber und sprach unter anderem von den Katholiken Deutschlands.