„En Allemagne on aurait fait de moi un Döllinger,“ sagte er, „ici on m’a fait Monseigneur.“

Und es fiel mir ein, daß Barrère sich fast ein wenig verwundert über die Befriedigung geäußert hatte, welche ihm diese Ernennung bereitete. Ich begriff die Genugtuung so wohl. —

Aber ich fühle, wie ungeduldig der Leser auf mich wird. Duchesnes Antwort ist es, die er wissen möchte, und ich kann sie ihm nicht sagen, denn mein Besuch ist kein Interview gewesen.

Genug, daß dieser wegen seines Liberalismus so viel angefeindete Mann der beißenden Sarkasmen, der bitter-frivolen Witze, sich als ein heiliger Priester entlarvte. Die Entdeckung, obwohl gleich bei der ersten Begegnung so vorschnell geahnt, war so wichtig, daß ich sogleich wußte, bevor ich es erfahren lernte: Daß mein Leben, was immer es mir bringen oder verwehren würde, dennoch in dieser Unterredung mit Duchesne seinen eigentlichen Abschnitt fand und in ein vor oder nach ihr zerfiel. Ja, ich verließ ihn so ganz von diesem Bewußtsein eingenommen, daß ich wie im Traum die vielen Stufen hinabging, die ich so bang erstiegen hatte. Vor dem kühlen Palast lag jetzt der Campo di Fiore in der Mittagsglut. Wo sich träge und lau, und doch nachhaltig wie ein Lied, sanfte Levkojen häuften, nahm ich meinen Stand, zu glücklich, um mich von der Stelle zu rühren. Nichts war ja sinnlos und alles hing zusammen.

Ein paar Tage später traf es sich, daß ich infolge einer Konfusion in Duchesnes Wagen von einer Gesellschaft mit ihm zurückfuhr. Wir sprachen dabei über das holperige Pflaster, die zunehmende Hitze und die mangelhafte Beleuchtung des nächtlichen Rom.

Als bald darauf bei ihm selbst ein Empfang stattfand, kam ich ihm nicht in die Nähe, und als ich mich in der Folge wieder nach Rom begab, suchte ich ihn nicht mehr auf.

Die Jahre verstrichen, ohne daß ich ihn wiedersah. Von dem neuen Kurs begünstigt, hatte einstweilen in den klerikalen Blättern des halben Kontinents jene berühmte Hetzjagd auf ihn eingesetzt, bei welcher er nicht besser als ein Ketzer behandelt und seiner Ernennung zum Mitglied der französischen Akademie mit täglich neuen Insulten entgegengetreten wurde. Ein Buch, das unter Leo XIII. niemand zu rügen wagte, stand plötzlich auf dem Index, und der Augenblick schien endlich gekommen, wo er, der ungerechtfertigten Angriffe müde, durch einen offenen Bruch entgegnen würde. Wenn die Nichtkatholiken darauf wetteten, so konnten ihn seine feindlichen Glaubensbrüder kaum erwarten. Aber ich wußte zu genau, daß er diesen den Gefallen nicht tun würde, um mich auch nur zu erkundigen, welchen Entschluß er getroffen hatte.

Es wurde Mittsommer über der häßlichen Campagne, ich war gerade in London und wollte nach Deutschland zurück, als ich durch eine Zeitungsnotiz erfuhr, daß Duchesne sich in Paris befand. Plötzlich lebte da übermächtig der Wunsch in mir auf, ihn wiederzusehen. Seine Adresse war schnell ermittelt, ich schrieb ihm, daß ich über Paris führe und fragte an, ob er mich empfangen wolle. Die Antwort war ein kleines Billet, mit sorglicher Angabe der Untergrundbahn und der Stationen, wo ich ein- und umsteigen müsse, um am schnellsten vom rechten Ufer zu ihm hinüberzukommen. Möglichst bald, denn er sei im Begriff, in die Bretagne zu fahren! Ich reiste sogleich, war abends in Paris, und kündete mich für den nächsten Morgen bei ihm an. An der Hand seiner Vermerke legte ich, bald über, bald unter der Erde, den komplizierten Weg zu seiner verlorenen kleinen Sackgasse zurück, in der sich zweistöckige Häuser altmodisch aneinanderreihten. Ich eilte eine Stiege hinauf, trat rasch durch eine Türe — wie damals stand er am Fenster — kein Janiculum mehr — gesenkte Jalousien, um das Sonnenlicht zu dämpfen; wie damals wußte ich nichts von dem Raum um mich her. Ich hatte mich verschleiert, wie man das unwillkürlich tut, wenn man jemand nach acht Jahren wiedersieht; sein verändertes Aussehen aber war es, das ich mit Bestürzung wahrnahm. Nicht, daß er krank oder stark gealtert schien, es war noch das schnell bereite, fast bedrohliche Aufblitzen des Auges, die kühne und gebieterische Abwehr, aber es war auch die Furche des Kummers, etwas so Bitteres, ein so wühlender Gram, daß mir der Gedanke an König Lear durch den Kopf schoß, wie er in seiner Verlassenheit die sturmgepeitschte Natur zum Zeugen erlittenen Unrechts anruft. Es war nur eine andere Zügelung, aber es war dieselbe Gehetztheit.

„Sie wissen,“ sagte er „auf welche Weise man mich zur Strecke zu bringen sucht.“

„Aber so vergebens,“ meinte ich achselzuckend.