Doch welch barscher Novemberwind wirbelte die Blätter von der feuchten Erde auf, als ich wiederkam! Alles Laub dahingerafft und schon vergessen. Aber ich will nur den einen Moment herausgreifen, da ich im Flur von Professor Bergsons Hause der Ausgangstüre zuschritt und er mich geleitete. Ich weiß nicht wie es kam, daß vor seiner offenen Schwelle und dem niedrigen Himmel, der seinen erstorbenen und verwehten Garten überhing, Duchesnes Namen zwischen uns fiel, und wir seiner einzigartigen Stellung in der geistigen Welt gedachten. Und Bergson sprach von dem Katholizismus im Lichte dieses großen Katholiken, der, so klug, so wohl beraten und durch den Irrtum anderer gewitzigt lautlos jenen treibenden und langersehnten Schritt voranging, der den Schismatikern mißlang.
So klar entstand jetzt zwischen uns sein undeutliches, von den Nebeln des Tages verhülltes Bild, als sei es schon entseelt und als hätte sich sein Schatten zu uns gesellt. Bergson drückte die Klinke wieder zu. Wir mußten lächeln. So ohnmächtig also verhielt sich hier der Tod, so wenig würde es hier für ihn zu holen geben, wenn er da rufen würde! — — —
1914 (Weiße Blätter).
BARRÈRE
Während meines letzten Aufenthaltes in Paris kam ich eines Abends zu Barrère, der wegen Influenza das Zimmer hüten mußte. Ich traf ihn lesend, die Füße auf einem Stuhle ausgestreckt, Zeitungen über ihn geschichtet und wie eine Decke von ihm niedergleitend. Eine Lampe hing gerade über seinem weit zurückgeworfenen Kopf.
Ich wollte ihn bitten, liegen zu bleiben, aber schon war er aufgesprungen, mit jener knabenhaften Schnelligkeit, die alle seine Bewegungen kennzeichnet. „Sie bleiben den Abend?“ fragte er. „Ich bin bei Ihnen eingeladen,“ erinnerte ich ihn. Und ich trat an den Kamin, darin hohe, still flackernde Flammen loderten. Es war ein dunkler, trüber und regnerischer Tag gewesen. Ich fand Barrère, den ich seit zwei Jahren nicht gesehen hatte, verändert. Auf das lebhafteste gemahnte er mich jetzt an einen Ausspruch, den ich mir zu zitieren gestatte, obwohl er nur von mir ist.
„Habt ihr nicht bemerkt?“ fragte ich schon Anno dazumal, da noch kein Mensch auf das, was ich sagte (auch wenn es noch so richtig war) im geringsten achtete; „habt Ihr nicht bemerkt, daß wir nur in dem Maße altern, als wir nichts taugen?“ Nun hatte ich Barrère das letztemal kurz nach einem Sturz vom Pferde getroffen, und ich erinnere mich sehr deutlich, wie plötzlich das Zukunftsbild eines alternden, einer bestimmten Generation angehörenden, sich nicht mehr erneuernden Barrère flüchtig in mir vorüberzog. Denn auch für die Besten kommt der Augenblick, wo der „Genius der Zeit“, dieser ärgste Feind des Menschen, ihn umwittert, um an sein Tagewerk, sein Wesen, ja an sein Ich das grausame Schild „Vorbei“ zu hängen. Doch als jenes Bild von einem Barrère, qui a fait son temps, in mir aufzog, da hatte ich vergessen, wie sehr seine Einstellung doch gerade auf Fußangeln, Hemmungen und Hindernisse war, und mit welchem Geschick er mißliche Umstände zu einem Wetzstein seiner Fähigkeiten konvertierte.
Ich kannte ihn nun seit vielen Jahren, aber ich mußte mir gestehen, daß er inzwischen über sich selbst so rastlos hinausgewachsen war, daß seine Haltung, seine Züge, seine Gestalt einen Meißel, ein höheres Training, eine feiertägliche Glasur erlangt hatten, sein Blick aber bei gesteigerter Aktuität eine innere Stille, mit einem Worte: daß er die Miene desjenigen trug, der es insofern mit der Zeit aufnehmen darf, als er sie nie vergeudete. (Zwar hatte er schon als junger Minister die Aufmerksamkeit Bismarcks erregt, der auf ihn als auf den kommenden Mann hinwies, ein Wink, der bei uns unbeachtet blieb.)
„Wie ist es draußen?“ fragte er.
„Trüb, windig und regnerisch.“ Und ich sagte ihm, daß ich in der rue de la Paix, in einem Wagen wartend, die Passanten gemustert hatte, und wie schwer es mir schien, den Typ der heutigen Generation zu bestimmen. Es gibt die Menschen der achtziger, die der neunziger Jahre, aber die Leute von 1911, meinte ich, die gibt es eigentlich garnicht, und man wird eines Tages seine Not mit ihnen haben, so transitorisch, so ungefähr erscheinen sie, als seien sie nur angedeutet. Sehr ausgesprochen ist nur das eine Merkmal, daß die wenigen großen Leute, die es noch gibt, so vorschnell, als seien sie abberufen, diese Welt verlassen. Welch erlesene kleine Schar bilden unsere heurigen Toten! Unter ihnen kein einziger Greis.