„Panther“ 1913.

ALARMGLÖCKCHEN

Wenn feine und feinste Nadelspitzen abbrechen, so werden sie bekanntlich stumpfer wie eine weniger dünne, die nicht entzwei ging. Feinste Nadeln sind also gerade in ihrer Feinheit gefährdet; sogenannte „feinste Kreise“ seit etwa zehn Jahren in eben dem Sinne auch.

Diese Behauptung bitte ganz à l’Européenne aufzufassen, nicht aber mich deshalb als Sozialistin, denn ich bin garnichts.

Wer aber hin und wieder zum Wanderstabe greift und dann nach der Rückkehr am alten Fleck sich wieder umsieht, in dem drängen und schieben sich die Eindrücke wie Bücher in ihren Regalen zurecht, Bilder finden ihren Platz, und jener merkwürdige Vorgang, den man „vergleichende Geographie“ zu nennen versucht ist, fängt an in seinem Kopfe zu entstehen. Dabei werden ihn die Verschiedenheiten, die er in der Fremde wahrnahm, natürlich viel weniger stutzig machen, als die Ähnlichkeiten. Ja, diese sind es wohl, die dann der Bereicherung durch das Gesehene fürs erste jenen leisen Untergrund von Ernüchterung beimischten, den der Heimgekehrte spürt. In Wien, Berlin, Paris, London, Rom liegen, trotz der verschiedenen Atmosphären, doch dieselben Dinge „in der Luft“. Als man anfing, geschmacklose Bauten zu errichten, baute man allerorts — wie auf geheime Order hin — geschmacklos. Vorm Buckingham Palace erhebt sich etwas nicht minder Scheußliches, als gewisse Neubauten in den Straßen Roms. Machte sich doch das Gemeine bis in die jüngste Vergangenheit besonders in Palästen, Banken und Bahnhöfen breit; ob es Millionen kostete, ob überall eine Anzahl Menschen die Hände darüber rangen, es setzte sich wie nach einem: Pardon wird nicht gegeben, überall durch.

Das geschmackvolle Frankreich bemühte sich hierin vor dem geschmacklosen Deutschland erfolgreich um den Rekord. Gewisse moderne Monumente im Park Monceau und in den Tuilerien sind sogar im Tiergarten noch unerreicht. Vielmehr ist man bei uns zuerst zur Besinnung gelangt, und es durften wieder anständige Häuser entstehen. Erst seit München sich des Hubertustempels erfreut, durfte in Piccadilly ein interessantes Bankhaus auf die Welt kommen. Denn wenn in Paris oder Berlin etwas in der Luft liegt, kommt in Wien einer darauf. Denn es gibt eine europäische Gemeinsamkeit der geistigen Einstellung allen Triple-Alliancen und Triple-Ententen zum Hohn, wie ja der Begriff Europäer sich immer mehr zusammenschließt, und wie ja die Idee eines europäischen Krieges wirklich mit jedem Tage geistreicher wird.

Und weil mir die Europäerin dabei einfällt: von ihr läßt sich wohl im großen Ganzen sagen, daß sie in aufsteigender Linie begriffen ist. Seitdem sie vernünftiger erzogen wird, nicht selten etwas Tüchtiges lernt, und nicht mehr so ausschließlich ihren Himmel in einer Verheiratung erblickt, während ihre Panik sich auf ein eventuelles Keinen-Mann-Kriegen konzentriert, seitdem haben sowohl der „Backfisch“ wie die „Gans“ ein wenig von ihrer typischen Rassenreinheit verloren. In den Köpfen der Mädchen wurde ja die Leere prinzipiell gezüchtet, und durch das bißchen Geographie und Klavier der bedauerlichen Tatsache ihres Nichtbeschäftigtseins nur noch mehr Nachdruck verliehen. Dies also ist — allen Teilen zum Glück — merklich anders geworden. Wir wollen uns daher nicht länger dabei aufhalten.

Ich glaube, eine aufsteigende Kurve ließe sich bei uns zu Lande auch für jene Kreise ansprechen, welche bislang die innere Bildung gleichsam in Pacht hielten, ihre Innerlichkeit aber leider auf Kosten ihrer Äußerlichkeit pflegten, Schönheitssinn mit Frivolität verwechselten und auch in ästhetischen Dingen sich durchaus als Protestanten dokumentierten.

Wer aber nicht in aufsteigender Linie begriffen ist?

Ich sagte es ja schon.