Als ich zum erstenmal Gelegenheit hatte, es wahrzunehmen, traute ich allerdings meinen Augen kaum.

In feudalen Burgen der französischen Provinz fiel es mir zuerst auf, wie sehr das geistige Niveau der vornehmen Gesellschaft gesunken ist. Aber auch in Schlesien, Österreich, England und Bayern weiß ich von Schlössern mit wundervollen Deckengemälden und unnachahmlichen Stiegenrampen und köstlichen Lüstern, Schlösser, in denen es sich traumhaft lebt, umgeben von Dingen, alle edel und beglückend anzuschauen. Vom mittelalterlichen Söller direkt ins Auto zu steigen, neuester Komfort zu alter Pracht gesellt, hat seinen eigenen Reiz. Wenn dann der Gong ertönt, drehen sich schmucke Türen in ihren Angeln, und Herren mit blanken Gesichtern, schimmernde Damen betreten hoch erhobenen Kopfes, Neugier erweckend, den Saal. Und der erste Abend mit diesen geschmückten Menschen, die man noch nicht kennt, verbringt sich behaglich und charmant.

Wie kommt es nur, daß man schon im Laufe des nächsten Tages fein leise sich ins Dorf schleicht und in einem dringlichen Kartenbrief den Wortlaut der Depesche bestellt, welche dem verheißungsvoll begonnenen Aufenthalt ein rasches Ende bereiten soll? und daß man schon genug hat, und sich zu Tränen langweilt?

Woher kommt es nur?

Weil die Unbildung sehr zivilisierter Menschen von einer Öde ist, über die kein Feenpalast hinweghilft. Es hat mehr Würze, mit einer alten Taglöhnerin, die mit ihrem Bündel über das Feld zieht, ein Gespräch zu führen, als mit einer unwissenden und ahnungslosen Fürstin. Denn dort können unausgelöste Werte sein, hier aber starrt uns ein überzüchtetes und selbstzufriedenes Nichts entgegen.

In allen Ländern aber, in welchen ich gewesen bin, habe ich bemerkt, daß die „höchsten Kreise“ eine gewisse Kurve zur Vergröberung genommen haben. Und ich hebe es hervor, weil es schade ist um uralte Geschlechter, Träger hochtönender Namen, die innerlich verbauern. Die Gefahr ist da. So gewiß es keinen Stillstand in menschlichen Dingen gibt. Wer sich nicht auf seiner Höhe erhält, d. h. sie immerzu fördert, der fällt von ihr. Schlösser, Paläste, die man ganz durchstöbern könnte, ohne ein gutes Musikstück oder ein nennenswertes Buch drin vorzufinden, sind nicht mehr vereinzelt.

1913 Neue Rundschau.

TORSCHLUSSTYPEN

Man hat den Futurismus vielfach als „beißende Satire“ auffassen wollen, als einen Hohn auf die Kritiklosigkeit der Menge, für die kein Humbug grob genug sei, — aber ich glaube da an keinen Spaß, höchstens einen, der dem Ernst zuvorgekommen wäre. Denn ich kann mir unsere Zeit ohne den Futuristen garnicht denken. Waren sie nicht als Nachzügler vor Torschluß noch gerade recht eingezogen, so würde den künftigen Dokumenten über unsere Epoche ein Blättchen fehlen. Nicht daß ich leugnen wollte, es sei ein grausamer Spaßmacher gewesen, der als erster den Futurismus „in Malerei setzte“. Es mag wohl eine Posse gewesen sein, ihm zu einem so drastischen Organ zu verhelfen und ihm „mit dem Pinsel zu kommen“; ich leugne nur, daß er durch die Malerei entstanden sei. Wer eine Anzahl junger Leute aus bestimmten Jahrgängen kennt, der sieht im Futurismus der Maler vor allem eine Inversion, und er wird den Maler nicht mit dem Modell verwechseln, weil dieses zufällig so gut getroffen ist, und in diesem Falle so leicht zu treffen war. So wird er nicht umhin können, zu finden, daß der Futurismus, rasch bevor er antiquierte (was seine unweigerlichste Bestimmung ist), durch die futuristischen Maler glänzend fixiert und der Nachwelt überliefert wurde. Ihre Bilder haben eine sehr schöne Zukunft, wenn auch nicht in der Malerei, so doch in der Kulturgeschichte, wo sie weniger ihren Rang, als ihren Platz einzunehmen bestimmt sind, um dereinst äußerst interessanten Quellenstudien zu dienen. Daß man tatsächlich einmal so malte, wird dabei von ganz relativem Interesse sein, wie nicht der Name des Schneiders von Belang ist, der diese oder jene wunderliche Tracht zurechtschnitt; wohl aber, daß man sie trug, daß man wirklich einmal so einherging. So wird künftig die merkwürdige Tatsache interessieren, daß es Personen gab, die genau so dachten und empfanden, wie es die futuristischen Bilder heute veranschaulichen.

Und wie ließen sich Leute, welche die Dinge ununterschiedlich sehen, besser als durch das Darstellen eines „Alleszugleichsehens“ persiflieren? Solche Leute aber gibt es heute! Ich kenne sie sehr gut. Wollte ich sie aber beschreiben, so wird — ich warne den Leser auch — alsbald ein futuristisches Bild daraus werden.