Also solche junge Männer (sofern man sie Männer nennen kann), solche junge Männer also sehen auf den ersten Blick mit nichten wie die ausgemachten Narren aus, die sie doch sind. Oft manierlich und gut gekleidet (denn der aktive Futurismus, setzt ein gewisses Nichtstun voraus, und die Not machte ihm schnell den Garaus), können sie sogar durch eine gewisse sterile Urteilsschärfe in belanglosen Dingen, eine scheinbare Kompetenz in nichtssagenden Details über ihren vollkommenen Mangel an Verständnis recht glücklich hinwegtäuschen. Zudem sie mit ihrer eigentlichen Narrensprache nur unter ihresgleichen herausrücken. Nur da heben sie das Visier von ihren unheimlichen Ohrfeigengesichtern und gestehen sich lächelnd ein, wie unsagbar hoch sie über den Ereignissen des Tages stehen. Mit der den Narren eigentümlichen Schläue bringen sie es daher auch fertig, nie zu wissen, was alle Welt weiß, weil es unter ihrer Würde ist, zu erfahren, was in der Zeitung steht; sie finden das gemein. Sie fanden es gemein, sollte ich besser sagen. Denn das ist ja das Witzige am Futurismus, daß er mit diesem Namen in Szene tritt, als die Futuristen schon aufgehört hatten zu sein, und zum Teil vernünftiger, zum Teil kleinlauter geworden waren. Schnell bevor sie ganz um die Ecke waren, nahm sie da der Futurismus noch beim Schlafittchen und entlarvte sie. Ihre kurze Blüte fiel in die Zeit der ersten Luftschiffahrten. Damals rannte einmal ein atemloses Stubenmädchen an die Stubentür eines solchen Jünglings und rief ihm zu, daß soeben ein Aeroplan über dem Dache flöge. Er zog daraufhin die Brauen hoch, begab sich zum Fenster, machte ein überlegenes Gesicht und zog die Vorhänge zu. Aber noch capabler dünkte er sich, wenn er inmitten einer durch Kriegsgerüchte oder eine schreckliche Katastrophe aufgeregte Menge geratend, von den grellen Plakaten, die an allen Straßenecken alarmieren, Kenntnis zu nehmen verschmäht. Denn er ist eitel wie ein Krämer, ein verkappter aber unverbesserlicher Bourgeois. Das Leben ist ihm ein großes Federbett, in dessen Daunen er seine Existenz so behaglich versenkt, daß von einem Überblick keine Rede sein kann. Gehört er (dessen chaotische Zustände gewisse Bilder uns heute veranschaulichen), gehört er doch ach! zu den zweifelhaften Produkten, die ein langer Friede zeitigen durfte. Seine Generation neigt ohnehin dazu, die Dinge zu nivellieren und die Abstände, die zwischen ihnen liegen, nicht zu merken. Er aber, als die Karikatur seines Jahrganges, nimmt überhaupt keine Unterschiede wahr. Für ihn gibt es kein Hoch und Niedrig, kein Gut und Böse, weder Scheidungen noch Schranken, nur seine berühmte Amoral, und eine weite Düne ohne jegliche Akzidenzen. Er wird es für absolut zulässig, was sage ich, er wird es für geistreich halten, seine Frau mit einer Kokotte verkehren zu lassen, wie er denn überhaupt zur Wertschätzung der Kokotte ungemein neigt. Infolgedessen ist er für das Verdienst, den inneren Wert, das Talent, das Genie, für alles, was die Menschen so unüberbrückbar voneinander sondert und was eine so strenge unsichtbare Hierarchie unter den Menschen aufrechthält, so unempfindlich und blind wie ein Tier auf der Weide. Er lehnt es ab zu vergleichen, er wird nie etwas verehren, wie es zu seinem unerläßlichen Merkmal gehört, daß er nie in den Dunstkreis eines bedeutenden Menschen trat. Er wird höchstens für etwas so Unvorhandenes wie die tote Mischfarbe einer Papierblume oder die erdichtete Kurve eines Mauseschwanzes Begeisterung äffen. Denn nichts ist ihm trostlos und öde genug, und was die futuristischen Bilder uns zeigen, das ist er.
Weswegen denn auch kein Wort, noch weniger ein Bild über ihn zu verlieren gewesen wäre, hätte er als Typ nicht etwas so Ominöses. Mag die Zeit noch so achtlos über ihn hinwegziehen, seine Existenz jagt doch das leise Grauen der Verwirrung ein, einer Verwirrung der Zeit selbst, wie jener grotesk-schauerliche Gedanke eines allseitig unerwünschten europäischen Krieges, den wir bei aller Rückständigkeit noch immer in die Zukunft rücken sehen. Auf die Möglichkeit solcher Verwirrung deuten — für das Gefühl — manche Verirrungen hin, die der Politik ganz fernab liegen: die allzuvielen unmännlichen jungen Männer dieser Epoche, die nur aus Verlegenheit ein Interim von Generation zu bilden scheinen, ja sogar so geringfügige Symptome wie die Ratlosigkeit der heutigen Mode. Den besten Schneidern fällt plötzlich nichts mehr ein, und die Kleider variieren in derselben Tonart provisorisch weiter. Vieles mahnt heute an die Ebbe, bevor die neue Flut ihre ersten Wogen ans Ufer wälzt.
1913 Neue Rundschau.
DER UNVERSTANDENE MANN
Wie ist binnen kurzem alles so anders geworden!
Unsere gute Tante Nora ist doch noch garnicht so alt! Sie, die unter dem Beifall der ganzen Christenheit, gleichsam mit fliegender Fahne, und mit so beispiellosem Erfolg, Mann und Kindern davonlief, daß auf zwei Jahrzehnte ein schier endloser Zug der Unseren, die von ihren Männern nicht verstanden werden wollen, sich ihr anschloß! Ja, wir heirateten nicht selten gerade daraufhin und kamen als Incomprises von der Hochzeitsreise zurück. Je hübscher wir waren, desto incompriser durften wir dann sein, desto eifriger erklärten andere Männer sich bereit, uns für unergründlich halten zu wollen und zu ergründen. Und dabei brauchten wir weiter garnichts zu tun, als zu bescheinigen, was sie in uns hineinlegten, und uns für rein nichts zu interessieren, als für das Interesse, das wir hervorriefen. Es war so furchtbar nett!
Doch ach! wie jäh hat sich das Blatt gewendet!
War der Mann des Spieles müde? Langweilte es ihn eines Tages, oder war er beim Rätselraten zu oft hängen geblieben? Ich weiß es nicht. Aber mit einem Male fand er, daß es spannender sei, selbst ein Incompris zu sein, und sogleich vertrat er dies mit jener angestammten Gründlichkeit, welche die neun Gymnasialklassen, die uns noch lange nicht im Blute liegen werden, so deutlich verraten. Wir anderen waren doch nur à conto mißverstanden gewesen, er will garnicht verstanden werden. Er kommt, nimmt uns die schöne Pfründe weg und ist der Unverstandene an sich.
Wir indessen müssen bis auf weiteres das Spiel verloren geben, denn uns fehlt der Partner. Gerade die jüngsten und reizvollsten Frauen sind heute so vielfach ausgeschaltet, als wären sie noch eingesperrt. Nicht im mindesten fehlt es ihnen an Anerkennung, vielmehr wird keiner sie so gut verstehen, keiner so schöne und erlesene Worte über sie finden, wie der Unverstandene Mann. Den Kult, den er zum Ausdruck bringt, hätte keiner früher einer Frau erwiesen, ohne für sie zu entbrennen. Glaubt aber nicht, daß er für sie glühe! Wenn er zu ihr geht, vergißt er nie das Opernglas, das er verkehrt vor seinen Augen hält, um sie weit von sich zu scheiden, ob sie noch so hart vor ihm stünde. Denn sie tief und richtig zu erfassen, gleichsam mit allen Gründen, wie durchleuchtet, wie geschliffen ans Licht zu heben, ist ihm genug. Sein Feuer ist damit verblasen. Nie fände sie ihn so fern, so frostig, ja so abgeneigt, als nachdem er soeben eine Dithyrambe über sie sprach. Denn hiermit entließ er sie aus seinem Herzen. Und so zieht er denn in Wahrheit den Hut vor ihr, — aber dabei empfiehlt er sich.
Und ihn, faute de mieux, soll man heute lieben, denn ein anderer ist nicht da. Der Typ des Don Juan ist ausrangiert, oder zum Hausvater vorgerückt. Hier zeigt sich der Unverstandene Mann von seiner unzulänglichsten Seite, und der moderne Verführer ist nicht sehr gefährlich: mit seinen schwach konzentrierten Sentiments vermag er nur schwache Köpfe zu verdrehen. Denn es ziert nur Frauen, unsichere und halbe Herzen zu vergeben.