Allein sein Wesen strebt nun einmal nicht nach Steigerungen, sondern drängt ihn, von all den schönen Dingen, für die er so lange eingestanden ist, auf eine Weile auszuruhen, wie man erst nach zurückgelegtem Marsche der ausgestandenen Müdigkeit anheimfällt. So zieht er nunmehr kühle, blumenlose Pfade des Gefühles vor und jene schattigen Seitenwege der Begriffe, die sich nur spalten, um kurz auszulaufen und sich zu verzweigen. Alle schimmernden Fernen hingegen, alle postulierten Verheißungen und Aussichtspunkte sind seinen zu empfindlich gewordenen Augen unerträglich. Nichts von „Saaten“, nichts von „Ernten“ mehr, nichts von Allgemeinheiten und nichts von Zielen und besonders, nichts von Idealen. Nichts von so grellen Dingen. Nicht solche Worte. Sie verletzen ihn nur. Mit fiebernder Hand wehrt er sie ab, besonders den Enthusiasmus mit all den fälligen Raten, die ihn nur allzuoft schon überdauerten. Zu „Wein, Weib und Gesang“ hält er da andere Distanzen ein, und sein Verhältnis zur Musik hat sich ebenso gelockert oder verschoben wie das zur Frau. Aber ich sage: respektieren wir auch dies. Was er heute für seine Willkür hält, ist nur ein Feiern und ein Atemholen. Der Fehler des Unverstandenen Mannes liegt viel weniger darin, daß er mit seiner Jugend keine rechte Gemeinschaft pflegt, (dies ist seine Sache) als daß er von ihr absieht, eine Attitude, an der jeder Tag etwas verändert, als unverrückbar hinstellt, das Zeitliche, an das sich seine Erfahrungen erst ketten müssen, zurückweist, und alles à priori sein und nicht sein zu können glaubt. An seiner vielgescholtenen Unproduktivität hingegen kann ich nichts finden, sie fällt nicht ins Gewicht und ist so wenig definitiv, so wenig ein Finale, wie die gehaltene Note vor dem neuen Auftakt. Soll denn immer ohne Pause produziert werden? Ist es das Einzige? Ach, es laufen ja unter den schöpferischen Naturen so viel erschöpfte mit unter, während gewisse Unschöpferische unerschöpflich erscheinen. Gerade in seiner Unproduktivität schlage ich vor, ihn nicht zu stören. Es ist ja mit den Menschen, wie sie einmal geraten, nicht viel anders als mit der Mode, von der wir wissen, wie groß ihre relative Berechtigung ist und wie sehr es in ihrem Charakter liegt, sich zu behaupten. Wer jüngst ein groß Geschrei wider die engen Röcke erhob, trägt heute keine anderen. Ihr Vorzug beruht darin, daß sie uns zur Haltung und Linie erziehen, und hierin gleichen sie auf ein Haar dem Unverstandenen Mann: daher es ratsamer ist, sich in ihn zu finden, ja von ihm enchantiert zu sein. Denn er, und weder der Mann, noch der Rockschnitt von Anno Dazumal, welches auch seine Qualitäten sein mochten, ist heute das Gegebene, zu dem wir uns zu stellen haben. Wer fände dies zu frivol? Ist nicht vielmehr das einzig Interessante an diesem sich ewig überlebenden Leben, daß hinter den frivolen Dingen so häufig der Ernst, hinter den ernsten der Schalk sitzt? Wer hielte es sonst aus?

Nur deshalb sind ja die schlimmen Dinge, wenn man mitten in ihnen steht, zum Glück nicht ganz so arg, wie sie von außen anzusehen sind. Indem sie evoluieren und ins Gedränge kommen, rücken sie nicht selten so nahe zusammen, daß die letzten die ersten überholen, und das unterste nach oben treibt. Wer sie dann wendet und betrachtet, hält sie bald wie jene chiffrierten Briefe, die anders lauten als sie heißen, und das Tolle und das Disparate mit dem Sinnfälligen zusammenführen.

Und so steht für uns im Stich Gelassene von heute, Herrinnen von gestern, Schutzflehende von einst, der Zeiger anders als die Uhr. Keime in uns, deren Wachstum durch die Gegenwärtigkeit des Mannes zurückgehalten oder überboten wurden, finden eben jetzt ihr Gedeihen. Inmitten dieser schlechten Zeiten wuchsen unsere Tage unversehens in den Sommer hinein. Draußen reift das Korn, die Halme knistern, und in der mittäglichen Öde erstarkt das Laub. Ihr ist die Ferne zu vergleichen, die wir jetzo nützen. Denn es ist nicht zu leugnen, daß uns der Mann verließ und eine Genugtuung darin findet, uns zu meiden. Ohne eine gewisse Grimmigkeit zwar geht es nicht her. Und hier liegt unsere Genugtuung an der Sache. Denn wenn er es höchstens bis zur Genugtuung bringt, indem er sich uns entzieht, so gereicht es uns, die seiner so schwer entraten, zum inneren Jubel, wenn wir ohne ihn bestehen.

Ich sehe, daß ich von meinem Thema abgewichen bin, aber ich wollte nur das letzte Wort haben. Und wäre denn der Unverstandene Mann in Wahrheit unverstanden, wenn ich mehr von ihm wüßte?

1911 Neue Rundschau.

DER NEUE SCHLAG

Woher es nur kommt, daß ich immerzu von den neuesten Schriften über Modernismus und Frauenbewegung avisiert werde. Ich interessiere mich doch viel mehr für Musik oder für Ausgrabungen. Aber es scheint ausgemacht, daß diese beiden Probleme meine Sache seien. Da möchte ich mir denn ein Herz fassen, und die mir zugesandten Broschüren einmal lesen.

Aber vorher möchte ich lieber selbst etwas sagen.

Wer denkt, lebt nämlich in so großer Not. Verurteilt, zwischen der Unrast des Tatenlosen und der Verzagtheit zu bangen, bis er den festen Guß seiner Gedanken bildete und mit einer leisen Mißachtung für sich selbst einherzugehen, so lange er sich durch Veräußerung das Eigentumsrecht auf seine eigene Meinung nicht erwarb.

In dieser Hinsicht aber habe ich es besonders schwer. Denn auf eine gewisse allgemeine Unzugehörigkeit war ich im stillen von jeher eifersüchtig. Sie ist die Feste, hinter die ich mich immer wieder verschanze. Wer sich zu den einen gesellt, der trennt sich ja vom anderen, und ich will zu keinen gehören, weil ich mich von niemand scheiden mag. Mein Indifferentismus ist nur Selbstverwahrung. Es ist überall Gefahr, mit fortgerissen zu werden, und jeder Zeitlauf bietet etwas, das man vertreten und festhalten möchte, um sich freilich dann, letzten Endes, wieder von ihm loszusagen.