Darum fliehe ich vor den Dingen meine steile Schneckenstiege empor und lasse mich ungern hin zu ihnen locken, so sehr liegt mir an ihrer Perspektive. Nur oben, vor meinem schmalen Fenster mit dem weiten Ausblick, kann ich endlos spinnen. Dort schnurren meine Rädchen, und der Faden geht ihnen nie aus. Also abgetrennt wird mir so heimatlich zu Mute, als seien alle Dinge mein, und als gehörte ich zu allen, selbst den weit verschwimmenden hin. Denn nur im blauen Dunst der Ferne liegend, sind sie mir deutlich und vertraut. Oft rücke ich dann meinen gesponnenen Flachs zur Seite, stütze die Arme auf und halte Umschau.
Der bereitwillige Ernst, den man transzendentalen Fragen von neuem entgegenbringt, ist, von meinem Fenster aus gesehen, ebenso merkwürdig, wie die sich klärenden Umrisse der stets undeutlich gebliebenen Frauenpsyche. Sie hat das eine mit der Religiosität gemein, daß allen beiden zwei höchst entstellende Kutten, die der Frömmelei und der Abhängigkeit, übergeworfen und als ihre elementaren Bestandteile erklärt wurden. Was ist da heute von meinem Fenster aus — im Vergleich zu gewissen sehr radikalen Umwälzungen der Denkungsart, die sich bereiten, der Modernismus für eine beiläufige Sache! Und was ist die Frauenbewegung im Vergleich zu ihrer Idee? Eine Wolkenschicht, die sich vor einer Lichtfläche türmt. Beide Bestrebungen verhalten sich zu den starken Dingen, von welchen sie getragen sind, wie ein kleiner Reitervortrab zur Majestät der heranziehenden Heeresmacht.
Über den Modernismus will ich, um niemanden zu reizen, nicht weiter improvisieren. Über die Frau aber bin ich doch sicherlich au fait. Infolge gewisser zweifelhafter Züge sind die Akten über sie noch immer nicht geschlossen. Ihre Gattung, meint Villiers de l’Isle Adam, begreift Wesen in sich, die durchaus keine Menschen, allerdings auch durchaus keine Frauen seien. Er tat sich auf diese Entdeckung viel zugute und ging so weit, daß er in gewissen „gänzlich seelenlosen und unmütterlichen Larven“ einen Spuk der Natur erkannte und für den Mann das Recht beanspruchte, diese problematischen Wesen, die mit jeder Generation einen hohen Prozentsatz verheißungsvoller junger Leute zugrunde richten, wie andere schädliche Reptile einfach umzubringen.
Die drastischen Ratschläge stammen ja immer von Träumern, und die besten Ratschläge sind zumeist unausführbar. Dank der Unterarten ihrer Art läßt sich jedoch über das Wesen der Frau, wie über etwas noch immer Unerforschtes, noch immer diskutieren, noch immer keine Schlüsse ziehen, die verallgemeinert im Guten wie im Bösen nicht widerruflich wären. So flüchtig ist es, so viel feiner, und so viel gröber, und so schillernd, daß solche Kenner wie die Franzosen heute noch von einem Mystère de la Femme reden können. Wer spräche noch in diesem selben Sinne von einem Mystère de l’ Homme?
Nun wüßte ich auf der Welt nichts gegen die Frauenrechtlerinnen einzuwenden, als daß sie nicht geheimnisvoller sind. Sie gemahnen an den Unterschied zwischen dem Skulpturalen und dem Anatomischen. Der wäre doch ein Tor, der sich beschweren wollte, daß die Anatomie nicht ästhetischer sei.
Auch sage ich ja nichts!
Wenn ich aber gegen die Kutte sprach, so sehe ich in den schönen, meinetwegen manchmal trügerischen Schleiern, mit welchen die Frau ihr inneres Sein umflort, sehe ich im Geheimnisvollen ein Attribut des Weiblichen.
Und deshalb glaube ich, daß die bevorstehende Evolution sehr abseits der Bahn ihrer Vorkämpferinnen liegt; wie sich die Schlacht weitab von dem kleinen Reitervortrab abspielt, von dem wir sprachen. Es sind nur die Boten, die mutig heransprengend, als erste die Kriegsfahne entrollen, aber an der Entscheidung keinen Teil haben. So wären jene Frauen überrascht, ihre geringe Fühlung zu den Lenkern der kommenden Schlacht zu vernehmen; einer Schlacht ohnegleichen, in der die Kämpfenden von keinem anderen als dem Gegner geführt, von ihm selbst angefeuert und in der Kunst, sich zu verschanzen, unterwiesen werden. So sehe ich es von meinem Fenster aus kommen. Was sage ich? So ist es längst. Das Treffen ist in vollem Gang. Die hohen Staubwolken des Tages umhüllen nur die Vielen, die ermattet niedersinken, das Ringen dieser Kampfuntüchtigen und das Gewühl. Die laute Gegenwart übertönt nur die Rufe der zu Tode Getroffenen. Aber von meinem Fenster überblickt man schon das gespensterhafte Schauspiel. Denn sucht man nach dem Feinde, gegen den diese immer Besiegten sich halten, so entdeckt man ihn in ihrer eigenen Hohlheit und Verlassenheit; der Boden, auf dem sie langsam vorrücken, wird ihnen nicht bestritten, die Burg, die sie stürmen müssen, ist leer.
Daß es der Frau innerlich noch nie so schlecht erging, wie seitdem sie äußerlich zu ihrem Recht gelangt und im eigenen Lager ihre gute Sache vertreten sieht, ist natürlich ein rein zufälliges Zusammentreffen, und die Entfremdung der Geschlechter ist ein Faktor und kein Ergebnis.
Eine Zeit ist sich selber nicht bewußt. Sie kann den Schein nicht gewahren, den sie ausstrahlt. Sie hat keine Distanz zu sich selbst. Ihre Schrittmacher sind stets die Kommenden. Wir sind das alte Spiel gewohnt. Nur bei unserer heutigen, der Analyse so ergebenen Generation, die sich so behorcht, befremdet es mit einem Male, daß sie sich nicht kennt, und das nimmt den Sinn gefangen wie das Flimmern schräger Strahlen im Dunkel alter Kathedralen. Wäre es nicht unendlich wichtig, daß eine solche Zeit selbst zu dem Spiegel griffe, den ihr bisher erst die kommende entgegen hielt? Es gibt etwas Neues unter der Sonne, und wir gehen unaufmerksam daran vorüber. Unter den jüngsten Männern ist ein merkwürdiges Geschlecht nie Dagewesener entstanden, die nicht Söhne ihrer Mütter, nicht als letzte Glieder einer Kette sich an diese schmieden, sondern abbrechend mit allem bisherigen, nicht als Werdende mehr, sondern als Gewordene im Leben einsetzen. Ein neuer Schlag, andere Organismen, Zeitlose, die tiefer als Menschen je zuvor, die Marke ihrer Zeit auf ihrer Stirne eingezeichnet tragen, in sich Befangene, Gebundene, dem Transitorischen so streng Überwiesene, daß sie nicht mehr zu Gestalten sich verdichten, sondern wie die Frauen zu Gesichtern sich verflüchtigen. Alles Elementare ist bei ihnen so zurückgedrängt, daß es zurückgewiesen wird, wie alles Unmittelbare, alles Unvermittelte. Vom Konkreten wird abgesehen, man spaltet die Begriffe bis zum Wahnwitz und verschmäht es zu summieren. Infolge eines so radikalen Umsturzes steht nichts mehr an gewohnter Stelle, und die Sprache wird zu einem ganz anderen Modus. Man operiert nicht mehr mit Worten, die etwas zusammenfassen. Die sind tot. Ich ließ in solcher Gesellschaft absichtlich Worte wie gut und böse oder tüchtig, achtbar und verdienstvoll fallen, nur um herauszuhören, wie unerträglich platt sie in dieser Atmosphäre klangen. Um das Einfachste zu sagen, wird hier ein dunkler, schwer faßlicher Monolog gewunden, zu dem nur Gleichgeartete den Schlüssel haben, und den kein Uneingeweihter Zeit noch Geduld besäße, zu enträtseln. Es ist wie Ein-sich-Verständigen durch Chiffren, und es sieht aus wie Pose. Allein es sind Getriebene, denen bisherige Werte wie Kulissen niederstürzten, und denen die Tradition entzogen ist. Aus dem Schutte werden nun die Splitter aufgelesen, die Stunden dem Tage vorgezogen und die Ideale von diesen Idealisten verworfen. Das Nahe wird mit dem Fernglas betrachtet, und die Minute wichtiger genommen als das Leben. Auf den Trümmern, die sie geschaffen, ziehen sie nun ohne Messungen, ohne Zentren bedächtig einher, wie jene langbeinigen Vögel der Düne, von welcher das flutende Leben sich zurückzog.