Aber darum kam ein Tag in unserer Geschichte, an dem wir des Spieles müde wurden, an dem die Liebe für die Liebenden, wer hätte es gedacht? tatsächlich an Wichtigkeit verlor, weil sie nicht mehr vergessen, sondern der bittere Geschmack des Todes auf ihren Lippen zurückblieb und weil ihre Gemüter zu belastet waren mit den Erfahrungen der Väter, zu wissend um den bitteren Rauch, das jämmerliche Aschenhäuflein, zu dem ein Feuerwerk, das sie zu oft für ewige Flammen hielten, in ihren betörten Herzen niedersank. Was Wunder, wenn sich die Welt von Enttäuschungen, die sie zusammentrugen, an ihren Söhnen rächte, und in Dingen der Liebe an Stelle der Illusion die Skepsis trat? Allein das Wissen dieser verspäteten Zeugen, das sie Künftiges nunmehr vorweg nehmen ließ, erwies sich als ein stärkerer Bann als die frühere Verblendung. Das Feuer ihrer Adern wurde zum Fieber und überhitzte ihr Gehirn. Ihr Arm erschlaffte, ihr Denken dissoziierte sich und zerstörte oder untergrub ihr Schaffen. Und erst die Söhne werden an diesen Söhnen lernen, daß keine Umbildung, daß nur eine Stilisierung des Sinnlichen gilt.
Als die stets bereitwillig nachfühlende Frau die ungeheuerliche Wandlung im Gemüt ihres Gefährten und einstigen Beschützers wahrnahm, entdeckte sie ein Etwas in seinem Kaltsinn, das sich zu einem Zug ihres eigenen Wesens verhielt.
Wenn der Mann unverkennbar dazu neigt, der errungenen Frau müde zu werden, und wenn er ihr dies antun darf — denn nur selten erweist sie sich als das Ideal, das er erträumte — so darf sie ihm den Schimpf durch jenen geheimnisvollen Zug heimzahlen, der fast ein Trieb zu nennen ist, dem sie einzig ihre Gleichberechtigung verdankt und der den Mann in seiner Eigenliebe stärker trifft als alle Untreue; ein Zug, den er gerne verkennt und von dem der gröbere Mann nicht weiß: ich meine die mystische Abneigung, die mit ihrer Neigung für den Mann so sehr im Widerstreite liegt und ihrer Schwäche so sehr entgegen ist und deshalb so selten überbietet.
Daß der Mann des Neuen Schlages der heutigen Frau, die er doch im Stiche läßt, im ganzen sympathischer ist als der gestrige Mann, hat seinen besonderen Grund. Ganz im stillen nämlich fand sie in der schrankenlosen Hingabe, die er von ihr erheischte, ihr letztes höheres Genügen nicht. Wenn sie den Rest in ihm herausfand, auf den ihr Innerstes feindselig lauerte, und der des Todes war, fand sie es doch ein bißchen schnöde, in seiner Endlichkeit so maßlos aufzugeben, einen Humbug, so zu ihm aufzublicken: So war ihre Neigung, von ihm abzufallen, edlen Ursprungs wie sein Überdruß.
Und es handelt sich heute, ich sagte es schon, um das letzte Wort der Frauenpsyche: ihren seltsam verwobenen, niemals ungetrübten Drang, auf ihre eigene Schwäche, wie auf eine Schlange den Fuß zu setzen, und um jene Siege, die Goethe das Ungeheuere nannte: denn die kalte Luft, die jetzt über sie hinweht, ist ihrem Wachstum günstig, und, ihre Evolution könnte sich sehr wohl dadurch vollziehen, daß die Männer immer degenerierter werden. Wenn sein Wesen zeitweilig in die Brüche ging, wird dafür die Frau endlich individueller. Ihr letztes Endziel ist doch der Mann. Keine Tugend in ihr, die ihm nicht zugewendet wäre. Sie werden einander wieder begegnen. Es wird künftig viel von Liebe, wenn auch nur wenig mehr von Frauenrechtlerinnen die Rede sein.
Indessen lobe ich mir unsere unsentimentale, unschwärmerische Zeit, mit ihrem zurückgedämmten aber nicht verlorenen Gefühl. Man ist nur Pessimist, um seinen Optimismus zu rechtfertigen. Ich glaube an einen Fortschritt für unsere Ära und sehe ein Element des Lebens in dem augenblicklichen Verfall. Alles ist nach seiner Art. Unsere unprometheische Jugend steht im Zeichen des Euphorion. Sie ist gefährdeter. Wer dürfte es wagen, sie unheldenhaft zu nennen?
1911 Lose Vogel.
DIE BALLONFAHRT
Ich fürchte doch, daß es noch einen Krieg wird geben müssen, obwohl die Diplomaten ihn schon in Abrede stellen, obwohl die Leute nicht mehr recht daran glauben, und obwohl die Zeitungen ihn noch immer an die Wand malen. Es sollte mich doch wundern, wenn wir ohne jenen letzten und schon unzeitgemäßen Krieg auskommen würden, weil unsere Köpfe zu hart sind, um nicht noch einmal zusammenzustoßen.
Übergangszeiten sind ja nie schön. Es nützt uns nichts, daß sich die Welt so sehr bereicherte. Ist die Ernte gehalten und sind die Scheunen voll, so muß ein neuer Winter folgen und die Felder stehen wieder leer.