Mir ist immer, als ob es jetzt Februar wäre. Noch ist der Frühling weit, aber der Tag schon grell. Man weiß nicht mehr, wohin sich wenden: die gute Gesellschaft ist nicht zu ertragen, und die schlechte ist noch viel ärger, sodaß es schon ganz zur Norm geworden ist, daß man abseits lebt. Und nicht die Salons, die Bahnhöfe haben heute ihre Habitués.

Unsere nationalen Eigenschaften sind nämlich auf dem schönsten Wege, sich zu nationalen Eigenheiten auszubilden. Wenn wir heute etwas echt bayrisch oder echt berlinerisch oder echt sächsisch nennen, sollte man doch meinen, daß es als Kompliment gemeint sei. Man sollte es meinen. Aber es ist nie der Fall. Dafür nimmt das allgemeine Unbehagen über die eigenen Rückständigkeiten überall seinen besonderen heimatlichen Charakter an.

Eines Tages trieb mich unsere Ungefügheit (mit welchem Wort ließen sich unsere unzusammenhängenden Mängel diskreter zusammenfassen?) über die Grenze. Als mich in Avricourt ein Douanier fragte: „Rien à déclarer, Madame“? stach mir eine Träne ins Auge, denn meine Liebe zu Frankreich stand wieder einmal auf ihrem Höhepunkt.

Aber Höhepunkte sind da, um überschritten zu werden. Ich wohnte zwei Monate lang im fünften Stock des Hotel d’Orsay, bald in diesem, bald in jenem Zimmer. Bald sahen meine Zimmer auf die Place de la Concorde, dann auf die Rue de Lille, dann wieder auf den Quai d’Orsay hinaus. Bald war mir die Lampe nicht recht, bald die Lage. Einmal fand ich das Licht zu grell; zweimal zog ich wegen der Tapete aus. Immer wieder bestand ich ebenso schüchtern wie dringend auf meinem Umzug.

Es lag aber nicht an den Zimmern. Es lag an Paris. Noch immer war Marianne das schönste und interessanteste Mädchen von Europa; doch auch ohne Lupe waren jetzt kleine Schärfen, und der erste leise Ansatz zu Krähenfüßen an ihr wahrzunehmen. In ihrer stolzen Grazie lag etwas Müdes und Enerviertes; mit einem Wort: der unverkennbare Typ des schönen Mädchens, das Enttäuschungen erlebt hat und schleunigst heiraten sollte, um wieder aufzublühen.

Ihren Roman mit Herrn Michel, dem schwerfälligen Herrn, der sie immer brüskiert, wenn sie erwartet, daß er endlich um sie anhält, müssen wir ja alle miterleben. Ich verbrachte viele Stunden in den weiten Leseräumen des Hotels, schleppte die Zeitungen wohl auch in die Halle hinab, und in einem großen Schaukelstuhl vergraben, las ich vor dem Kamin Mariannens bittere, gereizte, kurzatmige Ausfälle, merkte die Mauern, die sie in ihrer Pikiertheit zwischen sich und ihrem ungeschickten Freier errichtete, fühlte den Groll, in dem sie sich gefiel, — bis ich es nicht mehr aushielt, und auf mein Zimmer eilte, und in großer Erregung herumging, und mit den Armen in der Luft herumfocht, indem ich leidenschaftliche Dialoge mit ihr führte.

Und wenn sie immer wieder damit anfing, just das Stück aus ihrem Herzen, das ihm gehöre, habe der verhaßte Liebhaber ihr herausgerissen, so stimmte ich ihr erst bei (denn man muß sachte mit ihr verfahren!), dann aber warf ich ihr vor, daß sie ihre leidenschaftliche Pose über Gebühr lange beibehielt, und ihre Neurasthenie rühre davon her, daß sie ihre Erbitterung künstlich steigere, statt sich von ihr loszusagen.

Aber weil ich nichts ausrichten konnte und es so aufreibend war, im Gegenteil Zeuge zu sein, wie ein neidischer Dämon die beiden immer auseinandertrieb, so wie sie auch nur von ferne Miene machten, einander in die Arme zu fallen, ertrug ich es zuletzt in keinem Zimmer mehr, packte meinen Koffer und fuhr nach England.

Und als die Küste von weitem schimmerte, da wurde mir warm ums Herz, denn ich liebe diesen Boden, diese Leute und ihre Sprache. Aber auf die Dauer ist heute jeder Ort entlegen und dem Gefühl verschlagen, von jener Bangigkeit erfüllt, von der wir nicht genesen. Eines Abends stand ich in London, über die Westminsterbrücke gebeugt und starrte auf den Fluß. Wo der Widerschein der Wolken die Wellen bemalte, betupfte, beschattete, — da schien die Themse langsamer, nachdenklicher zu fließen, und von den Dingen dieser Stadt zu wissen. Das Parlament mit seinen tausend beleuchteten Fenstern, von dem stumpfen, eleganten Grau der Bauten, dem weiten, glatten Grau des Asphaltes umzogen, stand wie das Feenschloß einer Theaterdekoration, — märchenhaft und ein wenig kulissenhaft zugleich. Und diese leuchtenden Fenster kündeten mit ihrem feierlichen Glanz allen Londonern in die Nacht hinaus, daß hier die Gescheitesten von ihnen beisammen saßen.

Und wohl mochten sie Lichter anstecken, um sich von der Masse zu unterscheiden, denn nirgends war der Gegensatz zwischen ihr und den paar denkenden Leuten so groß. Zulange war sie hinter ihrem schützenden Graben abgetrennt und vor dem Zwang mit andern Völkern sich zu messen, verschont geblieben! Mutete sie nicht endlich fast uneuropäisch an? Erinnerte diese Gleichförmigkeit der Idee, der Nahrung, der Vergnügungen, nicht endlich an die Ununterschiedlichkeit von Hinduexistenzen?