Hatte das ewig rollende Meer oder der drückende Nebel diese Menschen ihres ursprünglichen Schwunges beraubt? Denn nimmer gab die Phantasielosigkeit des Durchschnitts-Engländers, die zumal bei der Durchschnitts-Engländerin sich schon bis ins Spukhafte steigern kann, ein endgültiges Bild. Vielmehr deutet alles darauf hin, daß dieses große Volk vor einem Wendepunkt steht. Der stark individualisierte Engländer wohl mehr als der bornierte. Beide sind keiner Steigerung mehr fähig. Der feine, kühne, reich umrissene, aber doch auch gesättigte Typ des großen Herrn mag sich hier noch ad infinitum wiederholen, überbieten kann er sich nicht mehr. In seiner Eigenart ist er erschöpft.
Während ich so, über die Brücke gelehnt, auf den Fluß hinstarrte, fühlte ich mich plötzlich zu den vielfältigen, noch immer nicht bis zu sich selbst gelangten Deutschen (ich hatte sie eine ganze Weile nicht gesehen!) so von Grund auf hingezogen, daß ich noch in selber Nacht das Schiff bestieg, um zu ihnen heimzuziehen. Und als ich früh am nächsten Morgen den Rhein entlang fuhr und ihn rauschen hörte, da stachen Tränen in mein charakterloses Auge.
Aber noch war keine Woche vergangen, da hatte ich mich über die Deutschen schon wieder so geärgert, daß ich in Augsburg einen Freiballon bestieg und dieser Welt, über die ich mir keine Illusion mehr machte, in einem kleinen Korb davonflog.
Es ging ein Regen hernieder, worauf uns die Sonne soweit hinaufzog, daß sich die Berge, die wir bald darauf zu überfliegen begannen, wie flaches Land ausbreiteten, so tief lagen sie unter uns. Da sah ich zu dem orangefarbenen Ball empor, der wie an einem unsichtbaren Seil und still wie eine Ampel am Himmel zu hängen schien; und nur eine kleine schwarze Kugel, die wir durch die Wolken schießen sahen, und die unser Schatten war, zeigte uns, daß wir mit Windeseile flogen. Wie wir dann selbst in eine solche Wolke drangen und die Welt rings um uns her unsichtbar und wie bewußtlos wurde, und wir Stunden hindurch in solcher Höhe blieben, daß wir die Erde nur mehr undeutlich sahen und, selbst unsichtbar, wie Abgeschiedene ihr entrückten; — da, — ich kann nicht sagen, wie mir das vorkam, daß wir noch daran dachten, einen Krieg aus der Rumpelkammer der Menschheit hervorzuziehen. Aber ich sah auch, daß er noch möglich war, falls wir es überall, bei den tausend Anstößen zu unserer inneren Unzufriedenheit beließen, so daß uns zuletzt, unter dem Schein der Rivalität, nichts anderes als das wachsende malaise über die eigene Unerfreulichkeit außer Hause triebe, bis wir endlich, uns selber fliehend, lieber mit Waffengewalt ins fremde Land einfallen werden, als uns selber länger zu ertragen.
1911 S. Fischer Almanach.
BEI HILDEBRAND
Die expeditive Art, mit welcher die sehr beschäftigten oder sehr wertvollen Leute die soziale Seite ihres Lebens liquidieren, habe ich schon früh bewundern gelernt: sie hat nichts mit Ungeselligkeit zu tun; sie sind im Grunde ebenso gesellig wie die Tagediebe. Aber ein Stachel, eine innerliche Eile treibt sie an, sich dem Zusammensein mit ihren Mitmenschen — gleichsam mit der Uhr in der Hand — zu entziehen. Denn sie sind der Kürze des Lebens, wie der zehn Talente, deren sie walten, vielfach unbewußt vielleicht, stets eingedenk.
Aber ich weiß: Den Größeren gegenüber jeder Distanz entraten ist jetzt Mode. Nun, ich begebe mich noch immer zu Hildebrand, wie ein anderer einen Turm besteigt, weil ihn dort eine stillere Luft umweht: Dinge, die ihn unten ärgern, sind hier auf eine Weile um ihre Existenz gebracht; und mag er sich auch selbst hier oben unwichtiger dünken, so lobt er sich doch gerade so unbewußte Pädagogen wie einen Aussichtsturm oder wie Adolf Hildebrand.
Zwar ist es empfindlich, lediglich durch den Kontakt mit einem Anderen augenblicklich des Abstandes bewußt zu werden, den er durch seine Verdienste oder seinen Wert zwischen sich und uns geschaffen hat. Worte, die man zu verlieren gewohnt ist, steigen befremdend in jener Zone unseres Bewußtseins auf, die man Gewissen nennt, und vergeudete Stunden wollen sich mit einem Male wie Rechnungen präsentieren. Dies alles nur, weil man sich in Gegenwart eines Menschen sieht, der wie jeder andere Mensch — ich wünsche nicht zu übertreiben — seine sichtlichen Grenzen hat, jedoch nicht anders, jedoch genau wie ein Berg, der seine scharfen Linien in den Himmel zieht, ausschließend, was nicht zu ihm gehört.
Auf ein so hohes Niveau hat Hildebrand seine Beschränkungen gebracht. Von einem Berg zu versichern, daß er eine Erhöhung sei, könnte nicht öder sein, als von Hildebrand behaupten zu wollen, er sei „gut“, so sehr ist er es implicite; oder wenn einer sich bemüßigte, von ihm zu sagen, er sei „nicht eitel“; denn der Mangel an Beziehung zur Eitelkeit und an Talent zur Selbstbespiegelung ist ja gerade der Grundton seines Wesens. Es fehlt ihm jedes Verständnis für das Unwichtige, jede Fähigkeit, sich ihm zuzuwenden, er sieht und hört und merkt es nicht einmal. Er hat für das Belanglose so wenig Einstellung wie das Auge einer Ziege für die Schönheiten der Landschaft. Aber die beste Idee der Atmosphäre, in die er hineinragt, geben wohl die weiten, gedankenvollen Schweifungen seiner Brunnen und Monumente, wie sein kleiner Tempel vor dem Münchener Nationalmuseum, der mitten im Alltag wie ein mystischer Kreis seine verträumte und abgewandte Stille zieht.