Über jenes ebenso beliebte wie gedankenlose Axiom, man müsse den Künstler vom Menschen trennen, habe ich mich schon als Kind erbittert, lang bevor ich noch ahnte, wie weit sich die Dépendancen des Musentempels (Vorhöfe, Stallungen, Ökonomie etc.) ausdehnen können. Wer innerhalb des Bezirkes die Pferde schirrt, gehört natürlich auch noch zum Personal, und es wimmelt im ganzen Revier. Still wird es erst vor der inneren Halle, in die nur die wenigsten von uns oder nur auf Minuten Zulaß finden. Hier wie in der sichtbaren Welt kommt eben alles auf Rangstufen an. So kann einer mit knapper Not ein Künstler sein. Wer es aber in erster Linie ist, dessen äußeres Leben hat etwas Ungefähres und Zufälliges, als könnte ebenso gut ein anderes, viele andere für ihn denkbar sein. Soweit grenzt sein Selbst über das Maß der ihm zugemessenen Tage hinaus, so wenig erschöpfen und enthalten sie ihn. Von seinem Leben trennt ihn jene latente Unaufmerksamkeit, welche andere von ihrer Erkenntnis abhält und so viel stärker mit ihrem Dasein sich identifizieren und verketten läßt. Es tut mir leid, eine solche Platitude sagen zu müssen. Aber man verkennt doch im allgemeinen immer noch, wie sehr der Grad der Künstlerschaft den Künstler als Menschen bestimmt — und verschlingt.
So ist das Gedankliche, und im Gedanklichen das Architektonische bei Hildebrand so überwiegend, daß sich ihm auch die Dinge, Menschen und Ereignisse niemals außer Proportion darstellen. Nie widerfährt ihm, daß er sie zu leicht oder zu wichtig nimmt. Sein für die Form so passioniertes, so machtvoll gestaltetes Auge trägt diesen starken Sinn auch in die Welt des Unsichtbaren über, und ist auch da, vergleichend, wägend immerzu tätig, richtige Dimensionen einzuhalten, sie wieder herzustellen, das Überflüssige, das Unwesentliche von den Dingen ausscheidend, naiv und schöpferisch um ihre Perspektive und ihre Harmonie bemüht.
Eine Angelegenheit, die mich sehr stark beschäftigte, bis sie mir alles verstellte und ich an nichts anderes mehr denken konnte, rückte plötzlich wieder in die richtige Distanz, als ich eines Abends mit ihm zusammensaß. Nicht etwa, daß es mir in den Sinn gekommen wäre, sie ihm zu erzählen, sondern was mich wieder ins Gleise hob, war der überspringende Funke seines Intellekts, dessen wunderbare, den wirren Schwankungen des Persönlichen entzogene Helle das Maß der Dinge so still und unselbstisch kündet.
1913
SCHIFFAHRT UND EISENBAHN
Wie behaglich, wie menschenwürdig hat sich unsere Schiffahrt ausgebildet, wie stolz setzen wir über das Meer, aber wie barbarisch fahren wir noch Eisenbahn. Unser größter Wohltäter wäre der, welcher frei oder nach Pullman einen neuen Typ unserer Eisenbahnwagen durchzudringen suchte. Aber würden die zuständigen Generaldirektionen die leiseste Notiz davon nehmen? — Hat je vor mir einer den Plan eines Generalstreikes der Eisenbahnpassagiere gefaßt? Nein. Wir lassen uns in den stets überfüllten Zügen wahllos wie Herdentiere zusammendrängen und zahlen und überzahlen die unverschämte Tortur.
Oder sitzen wir etwa nicht wie Böcke und Schafe Stunden und Tage lang in einer verrußten, vergifteten Luft — mit einer Platzkarte gezeichnet, wie Hammel mit einem Kreuz? nur die eine rachsüchtige Hoffnung im Herzen, unsere Leidensgefährten (welche die Eckplätze inne haben) möchten doch so töricht oder so unerfahren sein, sich in jene andere Vorhölle: den Speisewagen, zu begeben, woselbst ein wüster Dunst, übel wie eine Seekrankheit, regiert. Und sind wir endlich allein, so stürzen wir ans Fenster, um Luft, und wäre sie noch so eisig, hereinzulassen. Allein, wir bringen es nicht auf. Wir rufen den Gefängniswärter: er bringt es auch nicht auf. Das Holz sei aufgequollen, bemerkt er und geht. Nicht lange, und die anderen Sträflinge kehren zurück. Man nimmt also wieder mit stechendem Kopfweh seinen Rückplatz ein und hat bald darauf die unmittelbare Aussicht auf zwei vom Schlaf überwältigte ältere Herren.
Sie sind nicht schön.
Endlich — ich spezialisiere schon — ach es liegt so nahe! — ist das Licht dieses mühseligen Tages gesunken. Aber der Lampenschein ist nur ein trübes Geblinzel in dieser Luft! Und noch fünf Stunden. Das heißt, man wird nie ankommen. Man wird es nicht erleben. Hannover! — Die schlummernden Gebrüder fahren auf, greifen nach ihren Taschen und fort! — O! — Ich bin allein mit einem jungen und charmanten Mädchen. Wir wissen nichts von einander, aber die gemeinsame Plage hat uns längst zu Verbündeten gemacht. Sie erzählt mir, daß sie soeben einen Krankenkurs absolviert. Sie hat einen Apfel, ich gebe ihr ein Messer; sie reicht mir ein Aspirin, ich ihr Schokolade. Aber Sie müssen sich hinlegen, sagt sie, sonst wirkt es nicht. Sie reißt die oberen Klappen auf und verhängt das Licht, und wir strecken uns der Länge nach aus. O Gott, Schwester, rufe ich aus, dies ist viel zu schön. Es kann nicht dauern! Aber sie tröstet mich, daß der Zug vor Hamburg nicht mehr hält. Da wird — Bang! — die Türe aufgerissen und eine Blendlaterne grell vor unsere Augen gehalten. Es ist der Kerkermeister, der sich umsieht wie einer, der hier zu Hause ist, dann die Türe zuschlägt und wieder verschwindet.
Es ist ihm etwas nicht recht, meinten wir bescheiden und einigten uns über ein Trinkgeld, falls er wiederkäme. Wir fingen schon an, unsere Ruhe und das Dunkel wieder zu genießen, als die Türe lärmend aufgerissen wurde und Kerkermeister und Laterne uns von neuem aufschreckten. Gebieterisch verlangte er (wie oft denn noch) nach unseren Billetten. Ich reichte ihm das meinige zugleich mit einem Zweimarkstück entgegen. Wieso? was soll dieses Geld? herrschte er. Daß Sie uns nicht immerzu stören sollen, weil wir müde sind. Sie haben ja — tat er sehr überrascht — ein Billet II. Klasse und sind hier in der ersten. Das wissen Sie so gut wie ich. Ich wurde hierher verwiesen, weil alles überfüllt ist. Das gilt nur, so lange wirklich kein Platz ist, bestimmte er. In Hannover sind mehrere Personen ausgestiegen. Ich werde gleich nachsehen, ob etwas frei geworden ist. Dann müssen Sie hinüber. Er schlug die Türe zu und ging. Gibt es Worte! rief die Schwester empört. In England ginge es wider den Stolz des Ungebildeten, mit dem Gebildeten so umzugehen. Die Nation ist zu zivilisiert, auch dem stärksten Sozialisten wären solche Mißgriffe zu arg. Aber wir sind hier im Lande der häßlichen Briefmarken, sagte ich vor Wut zitternd. Paßt so viel Gemeinheit nicht wundervoll zur Schreibweise des Wortes „Büro“? Dabei stand der Laternenkerl schon wieder unter der Türe. So, meinte er im Tone des Vorgesetzten, drüben ist Platz, und machte sich anheischig, nach meinem Gepäck zu greifen. Zurück! schrie ich wie eine Wilde. Dann zahlen Sie die I. Klasse nach, sagte er erschrocken. Nein! keinen Pfennig! schrie ich, denn mein Zorn kochte jetzt wie Teewasser auf einem Schnellsieder. Aber morgen, schrie ich, steht diese Geschichte in allen Blättern, es stehen mir alle Blätter, log ich schreiend, alle Blätter Deutschlands stehen mir zu Gebote. Ich fand eine sehr dramatische Geste und der Mann fuhr vor meinen Megärenaugen betreten zurück. Ach was, meinetwegen bleiben Sie wo Sie wollen, sagte er. Jawohl! schrie ich und meine Börse öffnend, warf ich das ihm zugedachte Geldstück ostentativ wieder hinein. Dies imponierte ihm vollends. Er schlug zwar die Türe noch einmal zu (dies war seine Natur), jedoch blicken ließ er sich nicht mehr.