Nun möchte ich nur, wiewohl vergebens, unsere Herren Eisenbahnminister im Namen meines philantropischen Jahrhunderts fragen, ob dies ein anständiges Argument war.

Neue Rundschau Juliheft 1914

DAS ELSÄSSISCHE SCHICKSAL

„Hans im Schnakenloch“ von René Schickele, ein elsässisches Schauspiel in vier Akten, gehört, wie Tchekow’s „Kirschblüte“, nur in viel höherem Grade noch, zu den athmosphärischen Stücken. Man weiß nicht, sind hier Licht und elsässischer Himmel miteinbezogen, oder fluten sie ungefragt so herein. Aber man weiß, hier ist die Tragik keine stipulierte, sie ergibt sich von selbst. Denn hier ist der Held eins mit der Landschaft, in der er steht, und mit dem Himmel, der schwefelgelb aufleuchtend, in der Ferne grollend, so weit, so brütend, über ihm hängt. Elsaß! Und hier hat der Held es nicht nötig, die Welt zu bereisen, sondern er trägt das Wissen um ihre winterliche Finsternis in seinen leichtblütigen Adern. Dieser unselige Hans im Glück, der alles hat, was er will, und nicht will, was er hat, möchte, was er nicht mehr erhoffen kann: einen Boden für sein Glück. Dieser reifen und sommerlichen Welt jedoch, deren Sinn er so wohl erfaßt und die er unter seinen Füßen schwanken fühlt, gilt seine Treue. Des Elsässers Treue: „Spannen Sie einen Menschen mit Armen und Beinen zwischen zwei Pferde,“ sagt er zum französischen General Kaufmann, „jagen Sie die Pferde in entgegengesetzter Richtung davon, und Sie haben genau das erhabene Beispiel der elsässischen Treue.“ Hansens Mutter, die alte Madame Boulanger (in diesem Stück haben die Deutschen meist französische Namen, und umgekehrt) ist ein wenig schweigsam, nach Art alter Französinnen, die über das Unvermeidliche nicht gern viel Worte machen. „Ihr wißt, ich hab nichts gegen die Deutschen, gelt Clär. Aber manchmal kommts mir vor, als ob mehr geschrien würde, seitdem sie im Lande sind.“ Ihr Sohn ist nicht der Ritter ohne Furcht und Tadel. Garnichts Verjährtes haftet ihm an. Er wandelt mit der Stunde und ist der Mensch ohne Eitelkeit. Nichts Selbstgefälliges an seiner Ironie; sein Achselzucken, seine spielerische Trauer atmen Verzweiflung.

Hans (bei einem Fest auf drei Abgeordnete deutend): Da kommen sie!

Müller (noch oben auf der Terrasse, zwischen Cavrel und Simon): Ein Löwe, ein Wolf, und das Schaf.

Louise: Die ganze Politik. —

Denn Hans im Schnakenloch, le grand désabusé, weiß was sie taugt. Der Krieg bricht aus. Franzosen erobern das Dorf. „Dies ist eine Staatsaktion,“ sagt Hans, „von deren Ausgang das eine zum andernmal gerechnet, schließlich das Schicksal der Völker abhängt. Es mag dumm sein, daß so viel vom Ausgang einer Rauferei abhängt, aber ich kann es nicht ändern.“

Nicht lange, und das Dorf wird von den Deutschen zurückerobert. Der Kampf tobt in den Gassen. „Arme Jungen!“ sagt er von den gefallenen Deutschen. „Da liegen sie wahrhaftig in Reih und Glied. Und die Franzosen davor hingeschleudert, wie Pfeile, die ihr Ziel nicht ganz erreichten.“ — Wer da siegt, ihm ist’s nicht wichtig. Für ihn hat der Besiegte die höhere Glorie. Wer von beiden die Erde verliert, die er beiden zuerkennt, bei dem will er liegen. „Mich hat die Wildheit dieser Toten angesteckt,“ schreit er plötzlich auf. „So will ich auch liegen. Hingeschleudert, und mit krampfhaften Händen, die ihr Ziel nicht erreichten. So und nicht anders will ich sterben. So.“

Aber so hat auch Goethe den Elsässer gesehen. Elsaß war noch nicht lange genug mit Frankreich verbunden, schreibt er in Dichtung und Wahrheit, (als die Dinge umgekehrt lagen,) als daß nicht noch bei alt und jung eine liebevolle Anhänglichkeit an alte Verfassung, Sitte, Sprache und Tracht sollte übrig geblieben sein. Wenn der Überwundene die Hälfte seines Daseins notgedrungen verliert, so rechnet er sich’s zur Schmach, die andere freiwillig aufzugeben. Er hält daher an allem fest, was ihm die vergangene gute Zeit zurückrufen und die Hoffnung der Wiederkehr einer glücklichen Epoche nähren kann.“