„Immer der Deserteur, immer aus Treue,“ so hat ihn Goethe noch im Alter gesehen.
Hans im Schnakenloch, der Elsässer von heute, sieht die Seinen nurmehr wie von ferne; seiner Liebe kaum mehr bewußt, nimmt er nur kargen Abschied von der Frau, „Du hörst nicht mehr, was ich sage,“ herrschte er sie an. „Begreife doch, auch ich gehorche der Pflicht . . . Meinesgleichen fährt jetzt zur Hölle. Da muß ich dabei sein. Die Wage der Weltgeschichte schwebt.“ Der Gram dieser Erde ist sein Gram. Im Schein dieses Himmels, der schon überfloß in jenen der Douce France, fing sich auch das Echo deutscher Innerlichkeit. Hier lächelt der Sommer, und immerzu deutet hier der Zeiger auf die Stunde der Erfüllung. Aber statt ihrer erdröhnt immer verstärkt die Stunde des Unheils. Liebe ist schwerer wie Haß, meint der Abbé Schmitt, der die Gefallenen begräbt. „Ich wiederhole,“ sagt er, „es ist leichter gut zu schießen als gut zu denken. Das Schießen ist an der Reihe. Sprechen wir weiter, wenn die Tage des Denkens wiederkommen.“ Werden sie kommen?
Auch die Nebenfiguren sind hier von zwingender Lebendigkeit und über die Hauptrolle und ihre Modulationen werden sich wohl, je länger je bestimmter allerorts die namhaften Mimen ereifern. Vorausgesetzt, daß noch welche da sind, und daß der eiserne Vorhang, der sich zwischen den Ländern senkte, nicht auch noch vor den Theatern herabfällt.
Was dieses mutige, von so wahrhaft dichterischem Geiste getragene, so wundervolle Stück vor allem auslöst, ist eine ungeheure Bangigkeit, das Bewußtsein einer entsetzlichen Gefahr. Man fühlt: die Gegenwart schlägt hier voll an: Tolstoi und Dostojewski haben schon gelebt, der zwischen anständigen Menschen längst herrschenden Moralbegriffe enträt nur noch die Politik. Dort als eigentlicher Point d’honneur, Uneigennützigkeit, Großmut und Würde; hier noch immer die vorchristliche Kunst des Übervorteilens im Bereich des Möglichen oder des Unmöglichen: ein Zeiger, der unentwegt voranläuft, der andere, der wie irrsinnig gegen die Räder anrennt; ein sausendes Uhrwerk, das am Zerspringen ist; eine groteske, lächerlich unerlöste Welt; das Wirrsal.
Immer ist es Sommer in Schickeles Stück; alle Holdheit der Erde, eine blumige Au am Rande des Abgrunds: Elsaß! Und immer wird uns dieses Wort, wie mit Traumhänden, so dringend hingereicht, bis es wie eine Glocke tönt, die sich in Bewegung setzen möchte, Vernunft und Frieden einzuläuten, und den Starrsinn in Zerknirschung zu lösen.
September 1916
Neue Zürcher Zeitung.
YVONNE MÜLLER
C’était dans la loge de l’ambassadeur à Rome. Le second acte d’une représentation de Tristan tirait à sa fin, lorsque Yvonne Müller, ne parvenant pas à détourner son attention de ce qui se passait sur la scène et dans l’orchestre, se sentit prise d’un ennui intolérable. Ce fut presque avec envie qu’elle remarqua alors l’air absorbé et pensif de l’ambassadeur; quand lui, tournant vers elle son regard distrait, mais aussitôt en éveil: »Si nous partions?« dit-il.
»Quelle excellente idée«! dit Yvonne Müller en respirant le grand air tiède de la nuit.