Ein einziger in jener Gesellschaft, die ihr El Dorado war, hatte sie durchschaut. — Er trug seiner romantischen Erscheinung halber den Spitznamen Alfred de Musset. Sein Gesicht war en face gesehen schön und zauberhaft jung, das Profil niederträchtig, die Gestalt bei äußerlicher Eleganz von schlechter Rasse, die Hände unsympathisch. Seine Begabung, in ihrer Art ungewöhnlich, war à fleur de peau. Dabei gehörte er zu jenen Menschen, welche den Geist der anderen auf das lebhafteste anregen und in Schwung versetzen. In seiner Gegenwart beherrschte sich die schüchterne Marie vollkommen. Sie drückte sich frei und unbefangen aus, und die Worte standen ihr für alle ihre Einfälle zu Gebot. Dies erhöhte nur ihre Gereiztheit, denn genau so, wie sie sich im Zwiegespräch mit ihm zeigte, wäre sie gern vor ihren anderen Freunden erschienen, die nur beiläufig auf sie achteten und die ihr so gut gefielen. Sie glaubte sich an ihm rächen zu müssen, indem sie es ihm ins Gesicht sagte, und ihm alles vorwarf, was ihr an ihm mißfiel: von seinem Profil bis zu seinem dekadenten, mehr in die Tiefe als in die Breite gehenden Verstand. Er ließ sie reden, — ihr aber schien ihr eigenes merkwürdiges Verfahren höchst angebracht und loyal, und indem sie ihm ihre Abneigung gestand, ja klagte, glaubte sie den so anregenden Verkehr mit ihm aufrechthalten und nach Wunsch gestalten zu können.
Aber die Nachwirkung blieb stets dieselbe, die Abneigung für ihn steigerte sich ins Unerträgliche, denn genau so ehrlich, so akut, wie sich sehr junge Leute verlieben, war sie in ihn verhaßt.
Eines Tages brachte er ihr die frühen, verträumten Lieder Debussys auf Gedichte Beaudelaires, und von der schwülen Atmosphäre dieser Musik halb gehoben, halb betäubt, sprach sie sich da so manche Last so leicht vom Herzen: ihre Scheu vor tiefen Problemen, und die heimliche Qual großer Musik. Und wie von fernem Ufer sah sie ihn da aus der Tiefe ihrer Verlassenheit an und lächelte ihm zu, weil er ihr vom Hauche des Frühlings umweht erschien wie ein blühender Zweig.
Er aber sagte ihr tröstliche, schmeichelhafte Dinge, für welche sie, aufatmend, naiv genug war, ihm zu danken; denn er wollte einen Einfluß über sie gewinnen, nicht aber sie erfreuen. In demselben Tone weiterredend, änderte er da auf der Stelle seine Taktik; ohne daß sie seine Absicht merkte, entstellte, verzerrte er das Bild, das er noch eben von ihr malte. Sie horchte entsetzt und sah nicht, daß er es war, der sich nun rächte. Ihr war als stürzten die Balken eines Gerüstes über sie zusammen, als hörte sie den endlichen Schlag einer lang lauernden, elenden Stunde, den Wehruf finsterer Vögel.
„Den Wahnsinn, dem Sie verfallen sind, ahnen Sie ja längst,“ sagte er. — Aber ein mutigeres, stärkeres Wesen schien da plötzlich in ihr zu erstarken, sie von seinen Drohungen freizusprechen, zu beschützen. Dieselbe Fähigkeit, aus dem Stegreif zu erfassen, zu überblicken, sich auszudrücken, verlieh er ihr auch jetzt; doch als er lächelnd, mit begütigenden Worten, Abschied von ihr nehmen wollte, hielt sie ihn schnell zurück: „Dies Haus gaben Sie mir ein Recht, Ihnen zu verbieten,“ flüsterte sie, und wie Liebende in ihrer ersten Umarmung, so war sie durch die endgültige Trennung von ihm an das Ziel ihrer Wünsche gelangt, und Haß und Widerwille waren erloschen.
Es gibt Momente, in welchen der Mensch den Charakter seines Lebenslaufes so klar und nüchtern erschaut, daß, Maeterlincks kühner Hypothese gemäß, die Zukunft mit der Klarheit der Vergangenheit an ihn herantritt. Warum erkannte da Marie gerade jetzt, als sie dem Manne nachblickte, daß auf Jahre hinaus alles, was sich ihr bieten, sich verkehrt zu ihr stellen mußte, und daß sie alle Früchte verdorren sehen oder zur Unzeit brechen würde?
Indessen stand das Haus, in dem alle Freuden ihres Lebens blühten, unversehens leer, ihre Freunde zogen fort, und ihr Zaubergarten versank. Ach auf so winzige Veranlassungen hin konnte dort die Schale ihres Glückes überströmen, denn mächtiger als in allen Mandelblüten des Südens, als in allen Fliederbüschen des Nordens rauschte der Frühling in ihrem Herzen. Sie sah nun zu den verödeten Fenstern empor, und litt um so mehr, als sie nicht leiden wollte, nicht fliehen, an toter Stätte nicht vergessen konnte.
Daß unser Leben zwar lange nicht so spannend, aber in seinem eigentümlichen Verlauf unwahrscheinlicher ist als der kühnste Roman, diese Bemerkung ist ja nicht mehr neu. Aber was uns in unsere Bahn lenkt, tritt in der Regel nicht ominös, sondern leicht und mit nichtssagender Miene in unseren Weg. Die Wendepunkte des Lebens liegen im Tal, im aussichtslosen Dickicht und Gestrüpp. Marie erhielt Besuch aus New-York, in Gestalt eines jungen, reichen und verwöhnten Mädchens. Es war eine jener zu rasch erfolgten, atemlosen und überhitzten Kulturen, ohne Verweilen, ohne Gemütlichkeit und ohne Humor. Ihr Geist war stärker als ihre Persönlichkeit. Sie kampierte auf einer weißen, großartigen Wolke und schien mit ihrem stets in die Ferne gerichteten Blicke über ideelle und allgemeine Interessen das Einzelne und Persönliche aus den Augen verloren zu haben. Dabei aber war dieser „spiralähnlichen“ Begabung ein ausgesprochener Stich ins Erhabene zu eigen. Und wie sich sehr hervorragende psychische Veranlagungen oder Eigenschaften häufig in einer körperlichen Linie widerspiegeln und nach sichtbarer Gestaltung drängen, so verriet sich die hohe Unterscheidungsgabe dieses zu farblosen und abstrakten Geistes in einer eigentümlichen Hoheit der Haltung und der Gestalt, in einer unvergleichlich edlen Kurve ihrer Achseln, und — man lache nicht — in dem idealen Glanz ihrer träumerischen Flechten. Äußerlichkeiten waren es denn auch, die Marie mit ihr versöhnten.
„In jeder Menschenseele wohnt das Bedürfnis, sich groß zu machen, und auch das Bedürfnis, sich klein zu machen.“ Marie, welche Verherrlichungen ihrer eigenen Person mit fast kindischer Freude entgegennahm, trieb eine gewisse Bescheidenheit wiederum so weit, daß es ihr unmöglich wurde, ein ihr dargebrachtes Gefühl sich wirklich vorzustellen, noch zu begreifen. Entweder suchte sie den Grund dafür in irgend einer Lücke, einer untergeordneten Beschaffenheit des Betreffenden, oder sie fand überhaupt nicht den Mut, daran zu glauben. So verwirrte sie jetzt die entschiedene Gunst, die ihr von der jungen Fremden zu teil wurde, um so mehr, als sie viel zu unerfahren war, um sie richtig zu taxieren. Die wenigen Tage ihres Aufenthaltes gestalteten sich übrigens für Marie auf die denkbar angenehmste Weise. Sie kam zum erstenmal mit den berühmtesten Leuten ihrer Zeit zusammen und saß stumm, doch hoch erregt, mittags mit ihnen zu Gaste und abends im Theater. Zwischendrin allerdings wurde sie von Honorien, ihrer neuen Freundin, in Zwiegespräche hineingezogen, die ihr gar nicht entsprachen. Hohen, übersichtlichen Besprechungen war Marie nicht gewachsen, und selbst wo sie diese zu verfolgen vermochte, geschah es mit Widerstreben. Denn philosophische und künstlerische Probleme schienen ihr zu so gewohnheitsmäßiger Erörterung nicht geeignet, Honoria aber besprach nie Alltägliches, selten und nur von ferne Personalien. Bei aller Herzlichkeit lag etwas so Unnahbares, Unpersönliches in ihrem Wesen, etwas so Indirektes und Ferngerücktes in ihrem Blick, daß Marie immer den Eindruck hatte, als sähe sie jene nicht selbst, sondern statt ihrer ein Schemen, das ihr gefiel.
Am Morgen der Abreise ging Marie zu ihr. Es war ein lauer Sommertag, die Bayreuther Festspiele eben zu Ende. Honoria empfing sie mit offenen Armen und schickte den Wagen fort, um die Strecke zur Bahn zu Fuß mit ihr zurückzulegen. Alsbald war denn auch eines jener Gespräche im Gange, die Marie so sehr langweilten. Sie seufzte und sah zerstreut auf die staubigen Bäume, zum weichen, herbstlichen Himmel empor. „Gott sei Dank,“ dachte sie, „sie geht“.