Aber schon am folgenden Morgen kam ein fingerdicker, in der Eisenbahn geschriebener, französischer Brief, der nichts weniger enthielt, als die Fortsetzung der allzu umfassenden Philosopheme, welche Honoria auf dem Weg zur Bahn entworfen hatte. Nicht einen Augenblick länger wollte jedoch Marie eine solche Komödie aufrechthalten. Das „Du“ ignorierend, das in jenem Briefe geführt wurde, schilderte sie sich selbst so, wie sie war, mit ihrem wirklichen, mit ihrem grundsätzlichen Mangel an Interessen, und die gänzlich verschiedene Richtung, welcher sie ihrer Natur nach angehörte. Somit galt ihr diese Episode als beendet, und sie war nicht wenig überrascht, als Honoria, welche die Dinge von oben nahm, sie in einem noch dickeren Briefe eine Spartanerin nannte und nunmehr den Verkehr so rege gestaltete, als lebten die beiden Mädchen in benachbarten Städten, nicht in getrennten Erdteilen. Marie wurde der Gegenstand fortwährender Sendungen und Geschenke. Bald kamen persische Lieder in köstlichem Pergamenteinband, mystische und philosophische Werke, eingerahmte Gravuren in hohen Kisten, und sie hatte vollauf zu tun, um nur die Zeitschriften durchzusehen, auf die sie sich mit einemmal abonniert sah, und sich von all den Büchern in Kenntnis zu setzen, die ihr bald direkt, bald durch Buchhandlungen zukamen. — Sie tat es denn auch mehr aus Erkenntlichkeit, denn aus Neigung.
So verging ein Jahr. Da erhielt sie in den letzten Septembertagen unerwartet einen Brief mit dem Homburger Stempel. Honoria war infolge einer durch Überanstrengung erfolgten Krankheit zur Erholung dorthin befohlen worden und sollte nach beendeter Kur schleunigst nach dem Süden. Da ihr der Umweg zu Marie nicht gestattet war, bat sie nun dringend um ihren Besuch. Marie sah diesem Wiedersehen mit Interesse entgegen; besonders freute sie sich auf das Treiben eines so berühmten Kurortes und ließ sich durch die Jahreszeit in ihren Erwartungen nicht beeinträchtigen, denn in Homburg, wollte sie wissen, gab es das ganze Jahr hindurch schöne und interessante Leute.
Honoria, die ihr einige Tage später auf dem Frankfurter Bahnsteig entgegeneilte, erschien ihr noch höheren, noch edleren Wuchses als vordem. Trotz der großen Modernität ihrer Kleidung war die Zeichnung ihres Kopfes, die Linien ihrer Gestalt erhebend wie ein antiker Fries. Ihr Anblick rührte die leichtbewegte Marie. Sie freute sich, den heißen, staubigen Zug zu verlassen und die letzte Strecke in dem offenen Wagen zurückzulegen, der vor dem Bahnhof in der Sonne wartete, durch Frankfurt, das sie nicht kannte und in der frischen, schimmernden Luft nach Homburg zu fahren, und sie freute sich, daß sie gekommen war. Allein schon unterwegs empfand sie die alte Ungemütlichkeit, die alten Strapazen dieses Verkehrs. Honoria schien in ihrem Element, wenn ihre Gedanken gleichsam in der Luft hingen; Marie hingegen war gänzlich real, und ihr Idealismus galt dem Leben. O wie erschrak sie über den Anblick, den ihr Homburg gewährte! Von Massen welkenden Laubes bedrückt, starrten die leeren Alleen, starrten verödete Gärten und Villen. Honoria rühmte ihr die große, wohltuende Stille des sonst so geräuschvollen Ortes. Die Villa, welche sie ganz allein mit ihrer Gesellschafterin und einer Kammerfrau bewohnte, war die Dependance des einzigen Hotels, das, wahrscheinlich ihr zu Ehren, noch nicht geschlossen war. Marie erblaßte. Ihr Herz sank. Sie haßte das ausschließliche Zusammensein mit Damen! Sie sah keine Anregung, keinen Sinn in einem einschichtigen Verkehr, und er langweilte sie auf die Dauer zu Tränen. Ein Leben, das auf ein Weilchen das Ideal eines geistig und gesellig überanstrengten Menschen sein mochte, war nur ein Alp für das zerstreuungssüchtige Mädchen.
Honoria lag des Morgens meist mit schon ganz erschöpften Zügen zu Bett; hatte vor Tagesanbruch ihre Korrespondenz erledigt und Emersons Essays oder die Briefe des hl. Paulus gelesen. Sobald sie aufgestanden war, ging sie unverzüglich an eine, aus Gefälligkeit unternommene, Übersetzung, und Stunden hindurch drang der hartnäckige Lärm der Schreibmaschine durch die stillen Zimmer. Vor dem öden Klippklapp floh Marie ins Freie und strich durch die toten Straßen Homburgs, oder verlor sich in einer Anwandlung von Schwermut in den großen Park. Früh am Nachmittag harrte dann die leichtgeschirrte Viktoria und Marie freute sich der langen Fahrten durch den goldenen Taunus. Aber als der Oktober seinem Ende zuneigte, litt sie bei dem Anblick des sterbenden Laubes, der finster welkenden Natur. Ihr war, als fielen ihr die gelben Blätter aufs Herz, und ihr Auge lechzte nach einem grünen Zweig, nach einem blühenden Fleck inmitten des ungeheuren Grabes, das sich bereitete. Sie begriff die Schönheit des Herbstes, Honoriens Freude daran nicht. Was der Augenblick verhieß, nicht was er bot, nicht der Sonne zärtliches Verweilen, ihren Scheidegruß vernahm sie allein. Und wenn der Wagen in der Dämmerung durch einen Dom welker seufzender Bäume fuhr, so umlauerten sie, wie einst die Elfen des Erlkönigs Sohn, des Verfalles grausame Schatten, und entwanden ihr das Herz.
Zu Hause kam dann der lange Abend mit Shakespeares und Brownings Gedichten; aber sie fing an, alle Bücher zu hassen. Wohl konnte sich ihr Blick flüchtig beleben, wenn Honoria duftend und geschmückt, gleich einer hellen Wolke, ihrem Zimmer entschwebte, sonst aber saß sie oft stundenlang mit ihrer Stickerei still am Fenster, und nach den einfältigsten Bemerkungen mußte die sonst so Gesprächige ringen. Gern folgte sie Honoriens Aufforderung zu musizieren. Allein die Töne brachten das Echo ihrer Langeweile mit quälender Steigerung zu ihrem Bewußtsein, und schlaff und zerstreut endete ihr Spiel.
In dieser Zeit hörte Marie, die sonst alle Wagner-Opern kannte, in Frankfurt zum erstenmal den Rienzi, und obwohl Aufführung wie Besetzung zu den minderen gehörten, so war sie von dem Drang, dem titanischen Gären, ja gerade von dem Unvermögen dieses Werkes heftig ergriffen. Hier war Ikarus, dessen ewiger Mut sich Flügel über Welten hin, Flügel, die nicht brachen, schmieden sollte.
Mächtig angeregt fuhr sie im offenen Wagen durch das mondumhauchte Land und weiße Dörfer nach Homburg zurück, und Wagners Schaffen als eines Wunders gedenkend, lehnte sie den Kopf weit im Wagen zurück, und verlor sich in der stillen bethlehemischen Pracht. Vergessen und verweht schien ihre Schwermut, die doch schon tags darauf, gleich einem Nebel, ihr Gemüt von neuem umschleierte. Besonders auf die Schreibmaschine wurde sie zuletzt erbittert, und als diese eines Morgens wieder so geschäftig das stille Stockwerk durchdrang, fing Marie in einem Paroxysmus von Langeweile in ihrem Zimmer stürmisch zu weinen an. Das Leben war so reich, so mannigfach und schön! Es gingen auf der Welt so typische, reizende Menschen einher! Ach! warum lebte sie von ihnen getrennt! Wer war für des Lebens Genüsse königlicher geartet? Mochte sie zeitlebens entbehren, bis in alle Fibern blieb sie verwöhnt.
Und obwohl nur mehr drei Tage ihres Bleibens waren, schien ihr gerade der heutige nicht mehr erträglich. Rasch zu Honoria tretend: „Ich kann heute keine gelben Bäume sehen und fahre nach Frankfurt,“ sagte sie lachend und drückte ihr den Arm. Sie sah noch Honoriens überraschten, aber so freundlichen Blick, dann stürmte sie die Treppe hinab und zur Bahn, der Schreibmaschine und Homburg davon!
Wie ein Füllen, das sich auf freiem Rasen tummelt, so behaglich war es Marie am selben Nachmittag auf der bewegten, im lieblichsten Lichte getauchten Zeil. Die üppigen Töchter der Stadt, die mit ihren Müttern erwartungsvoll einherzogen, die eiligen Geschäftsleute, die Müßigen und die Lebensfrohen, die gemeinen, die aufgeputzten, oder die sympathischen Leute, alle schufen ihr Kurzweil, und wie ein Kind in Bilderbücher, war sie ganz in den Anblick der vielen Spaziergänger versunken; überall von dem Zauberkreis eines selben Lebens gebannt, ruhte, sich selber verlierend, ihre gehaltlose Seele, die dem Mann ohne Schatten glich, von der Einsamkeit aus.
Sie hatte die Stadt der Kreuz und Quere nach durchstreift, an Brücken, stillen Plätzen und verlorenen Straßen geweilt, und schon erblaßte der Himmel. Gänzlich ihrer Stimmung hingegeben, war ihr Bewußtsein wie umflort, von der Atmosphäre des alten und des neuen Frankfurt durchdrungen, und von der sterbenslauen Luft, in der ein Klang lag ewiger Ermattung, von ewiger Vergänglichkeit.