Schöner, tiefer, stiller war Venedig vor zwei Jahren inmitten seiner Junihitze und seiner Leere. Damals klang die trübe Nachricht vom Mord an Rathenau herüber; dieses Mal der Tod der Duse, und gleich darauf in seiner schauderhaften Schrille das Ende Helfferichs. Wer hat den Tod mit einer Geige abgebildet? Wie verschieden moduliert er seine Weisen! Mit welcher Pracht umleuchtete und steigerte er weithin das Sterben der Duse. O heilige Kunst! –
Molières Tod
Es ist die Liebenswürdigkeit Molières, welche wir bei aller sonstigen und eingebürgerten Würdigung seines Genies übersehen. Geistige Verwandtschaften konstruieren sich ebenso bestimmt wie die Ausläufer und Nebenlinien eines Stammbaumes. Es gibt Familien hier wie dort.
Ich kann mir nicht helfen, aber ich sehe – ganz unswedenborgisch natürlich – ich sehe immer Pascal mit Hebbel und Brahms eingehängt daherkommen, und ich sehe, wie Molière und Mozart „mon cousin“ zueinander sagen und ein Lächeln an sich tragen wie Brüder; eines selben Hauses und von selbem Adel: zwei lichte Gestalten auf dunklem Grund.
Molières ausgelassene Augen haben sehr melancholische Wimpern. Es verhält sich ähnlich mit Mozarts vielgerühmter und doch so beschatteter Heiterkeit, seinem beiläufigen, aber grandiosen Ernst. Sie sind beide zu scharfblickend, um sich mit dem leichtsinnigen Rossini oder dem trotz chronisch unglücklichen Verliebtseins bei Gelegenheit so fidelen Schubert zu verzweigen. Molière und Mozart haben die ähnlichen Nerven, den ähnlichen geistigen Charme und jene charakteristischen Merkmale, welche nur den Lieblingen der Götter eigen sind: selbst der unheilbar erkrankte Molière, der, in der Sänfte getragen, seinen hohen Gönnerinnen Besuch abstattet, ist noch von Jugend umweht. Selbst der sterbende Molière ist unvorstellbar als ein Gealterter.
Sie haben eine ähnliche Haltung ihrer Zeit gegenüber, die ihnen teils eine bevorzugte Stellung einräumt und sie kajoliert, teils mit letzter Roheit ihre Vorurteile ihnen gegenüber aufrecht hält.
So trägt Mozart den berühmten Fußtritt jenes Grafen davon, an dessen Wappen er dann haftenblieb, und Molières Leiche wird einer Bestattung in geweihter Erde nicht für würdig erachtet.
Sollte man da nicht doch versucht sein, an einen Fortschritt zu glauben? Aber nichts beleuchtet ihn besser als die unbestreitbare Tatsache, daß in unserer Zeit Molière und Mozart auf ihre Felddiensttauglichkeit geprüft worden wären. – Wolfgang Amadäus Mozart im Schützengraben! Molière als Poilu! – Es ist also schon besser, nicht wahr, sie lebten im Dix-septième und Dix-huitième.
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DAS KLEINE PROPYLÄEN-BUCH