Wie sie das zusammenbrachte, wurde ihr später selbst ein Rätsel: ihr Geist hatte damals eine jongleurartige Geschwindigkeit, als sei er transparenter und zugleich schärfer gewesen, lösbarer von ihr? – Sie wußte es nicht. Aber sie fand es „spannend“, sich selbst zu jagen, bis zu einer Wurzel, die sie nicht mehr war. – „Ich bin gefangen!“ dachte sie da wohl. „Auch nicht für eine Stunde kann ich jemals von mir fort, und wenn mir andere Menschen noch so sehr gefallen werden, kann ich sie nie sein!“
Aber einmal, als ihr diese geistige Rutschpartie besonders gut gelungen war, faßte sie ein Entsetzen, als hätte sie sich verloren, als hinge das Seil ihrer Identität in der Luft, als harrten ihrer Gespenster in den Tiefen, in die sie geraten war, – und mühsam, wie ein Ertrinkender, so rang sie seufzend zur Oberfläche ihres Bewußtseins zurück.
Ein Instinkt riet ihr jedoch, dies unheimliche Spiel zu lassen, und die Fähigkeit verlor sich auf diese Weise sehr rasch. Dafür fingen andere Probleme, deren Lösung sie keinen Augenblick gewachsen war, an, sie zu quälen.
Starb eine Klosterfrau und wurde es den Zöglingen freigestellt, sie auf der Bahre noch einmal zu sehen, so ließ Marie alles liegen und stehen und marschierte, zwei Schuhe hoch, allen voran. Dann starrte sie forschend in das fahle Gesicht, dem der Geist schon zu lange entschwunden war, und das ausdruckslos, ja sinnlos vor ihr lag. Und nichts schien ihr gerade auf das Klosterleben ein so trauriges Licht zu werfen als der Tod.
Aber es kamen immer mehr Dinge, die ihr mißfielen.
Eines Sonntags fand sie in einem Bilderbuch eine Palmengruppe abgebildet, einen sprungbereiten Tiger und ein Mädchen, das mit tödlich entsetzter Miene sich vor ihm zu verbergen suchte, aber vergebens, denn er hatte sie schon fast erreicht und mußte sie unfehlbar zerreißen.
Empört und außer sich, rannte Marie im Zimmer umher. Sie blickte zu den gemalten Inschriften auf, die an den Wänden hingen, und die ihr so gut gefielen: „Siehe, so sehr hat Gott die Welt geliebt ...“ „Er aber liebt die Seinen bis in den Tod ...“ „Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr gehört ...“ Über ihren Schrank breitete ein Pelikan seine Flügel aus mit einem ähnlichen gefühlvollen Spruch. Wie reimte sich dies? – Und sie verbiß sich von neuem in das schreckliche Bild. – Wie konnte Gott dies ertragen, wenn wir sein Ebenbild waren?
Ein anderes Mal hatte die Feuerglocke wegen eines in der Nähe brennenden Anwesens wohl eine Stunde hindurch geläutet. Endlich kam fliegenden Schrittes eine Klosterfrau den Gang heraufgeeilt und sagte: „Gottlob, Kinder, es ist kein Menschenleben zugrunde gegangen, nur sechzehn Kühe sind verbrannt.“
In der Nacht sah Marie die Tiere heulend durch die Flammen jagen und fuhr erschrocken aus ihren Träumen empor. Sie schlief nahe am Fenster, und der Wildbach rauschte mit düsterem Schwalle, ewig stöhnend, schwarze Klagen herauf. Was war dies für eine Welt, in der die Kinder ihre Eltern begruben, und der Herr der Schöpfung zur Beute eines niedrigen Tieres entehrt werden durfte? Schöne Menschen, die sie kannte oder gesehen hatte, und die schwerlich je in Kollision mit einem Tiger oder einer Boa constrictor kommen würden, schwebten ihr vor Augen. Allein gewisse Möglichkeiten genügten, um da ihren Weltschmerz zu einem unerhörten Fortissimo zu steigern. Es gab ja kein Entrinnen aus einer solchen Welt, keinen Tod, keine Bewußtlosigkeit mehr für unsere unsterblichen Seelen! „Oh, wie ist das?“ dachte sie erschrocken. „Ich kann Gott nicht lieben!“
Am nächsten Morgen waren Geschenke für sie angekommen, und sie bezeigte eine solche Gier, sie alsbald in Empfang zu nehmen, daß die Oberin sie zurechtwies: „Du genußsüchtiges Kind“, sagte sie streng. Marie hörte dies Wort zum erstenmal und vernahm es mit Interesse. In der Tat: Warum haßte sie nichts so sehr auf der Welt als den Schmerz? Warum ging sie stets mit abgewandtem Gesicht den unteren Gang entlang, wo die Apostel der Reihe nach in schlecht gemalten Bildern hingen, mit Kreuz, Nägeln und Stricken, all den furchtbaren Zutaten ihres Sterbens? Warum erfaßte sie jede Freude mit so peinvoller Hast und entbehrte sie mit solcher Heftigkeit? Und warum waren selbst ihre schwärzesten Stimmungen so seicht wie Wolken, die ein leichter Windstoß wieder zerreißt?