„Nein, ich fasse mich nicht. Oh Fortunio!“ rief ich, „oh mein Traum!“
„Schreiben Sie ihm halt.“
Ich ließ sofort das Nötige herbeischaffen und schrieb zitternd vor Aufregung, was er mir diktierte. Dann brachen wir auf. Der gänzlich verstummte Abigail blieb an unserer Seite. „Die Gefahr ist natürlich,“ bemerkte Fortunio, „daß der Brief zu spät eintrifft.“
Dies sagte genug. Er wußte mehr. Meine Empörung, meine Wut steigerte sich mit jeder Sekunde. Je ungezügelter ich mich über den Charakter des bevorstehenden Blattes ausließ, desto reservierter wurde Fortunio. Je mehr ich sah, daß er sich ärgerte, desto mehr ärgerte ich mich über seinen Ärger. Der meine richtete sich besonders gegen Abigail, dessen Schweigen mir mißfiel. Nicht das Ungestüm, mit welchem ich auf den mir zugedachten Schlag reagierte, sondern die ausgemachte Tücke desselben schien mir das wesentliche, was unbedingt eine Parteinahme für mich verlangte. Auf eine solche ließ jedoch nichts in der, all die letzten Tage so überschwänglich gewesenen Haltung Abigails schließen.
Oben in meinen sorgfältig geschmückten, aber von Telramund behexten Räumen, in welchen ich noch nicht eine einzige frohe Stunde verlebt hatte, noch fernerhin erfahren würde, brach ich in helle Flammen der Verzweiflung aus. Dies also war das Resultat! Zu diesem Ende also hatte ich die Worte, zu welchen ich glaubte, mich entschließen zu müssen, so bang gewogen, so behorcht. War ich dafür bis an die äußerste Kante einer abschüssigen Stelle vorgetreten, so weit, als mein Fuß noch Boden unter sich fassen konnte, um hinterrücks diesen Stoß zu erhalten? Denn was für eine Übersetzung und zu welchem Zwecke sie fabriziert wurde, wußte ich genau. Am Arme Telramunds, dieses Verräters, sollte ich an die Öffentlichkeit. Ich hatte mich, es ist wahr, vom Anfang des Krieges an zur Opposition geschlagen. Aber sie galt seinen Anstiftern und deren verworfener Gefolgschaft. Das Volk selbst tat mir unabänderlich leid. In meiner, von kalten Wirbelwinden der Abneigung durchsackten und durchkreuzten, aber dabei tiefen Liebe zu Deutschland, lag das Band zwischen Fortunio und mir. Oft sprachen wir davon. Und dünkten uns allein. Gerade unsere gallische Seite setzte uns ja auf Grund unserer Abgerücktheit in Besitz des Spiegels, den die unvermischt Deutschen nicht führen. Ihr Nationalismus ist ja Import, ihr Fremdenhaß unecht, imitiert, immer bereit, wie Mörtel von ihnen abzufallen. Im übrigen ist die Gefahr derjenigen Deutschen, welche Selbstkritik üben, viel eher, daß sie erstarren. Wenn es kein französisches Wort für „Gemüt“ gibt, so gibt es noch weniger ein deutsches Wort für „affectueux“. Die Deutschen — und das ist es, was einem oft an ihnen erbarmt — sind nicht imstande, sich im geringsten zu hegen. Weil jede Nation seine so typischen Unholde hat, war Telramund, allen deutschen Germanophoben voran, gerade in dieser Germanophobie ein so typischer Boche. Jedenfalls durfte der Mann von Glück reden, daß sein und seiner Gesponsin Leben an diesem Abend nicht in meine Hand gegeben war. Statt dessen war es ihr Trick natürlich, welcher aufs beste gelingen mußte, und weit entfernt, daß die beiden verdienterweise und auf meine Order hin vor Sonnenaufgang baumelten, haftete meinem Frühstückstablett am Morgen dieses 14. April die erste Nummer der Telramundschen Zeitung an. Sie umfaßte vier Seiten. Alle Beiträge waren anonym. Nur mein fettgedruckter, im Reporterdeutsch übertragener Protest trug meinen Namen. Ich übergehe den Zorn, mit dem ich diese wüste Revolverprosa las, welche hier als meine eigene stand; wie vortrefflich war dabei ihre Wirkung auf mich selber berechnet! Denn die Feindschaft von Leuten wie Telramund ist wie mit tausend Augen auf uns gerichtet, mit tausend Fühlern in uns verbissen. Sie kennen ja die Ablenkung ins Reich der Ideen nicht! Sie spinnen keine eigenen Gedanken! Ich Törin hatte, wie über einen Witz, lustig darüber aufgelacht, daß Telramund meinen Protest als eine „Manoeuvre allemande“ bezeichnet hatte, ohne zu erwägen, daß er natürlich auf Mittel und Wege sinnen würde, dies zu bekräftigen. So galt es denn, mich gewaltsam über die Linie zu ziehen, die ich mir selbst gesteckt hatte. Dies ergab sich ohne weiteres durch den gehässigen Ton der Übersetzung. Das andere würde ich schon selber besorgen; denn daß ich reagieren, ja mich hinreißen lassen und ihm in die Hände arbeiten würde, wußte niemand so gut wie dieser ausgezeichnete Kenner meiner Person. Ja, es kam noch besser für ihn, als er wohl dachte.
Fortunio, den ich sofort benachrichtigte, ließ mir sagen, er könne mich erst gegen zwölf Uhr sehen. Dies war mir viel zu spät. Gleich, in einer Viertelstunde, bevor noch irgend jemand auf die Gasse trat, mußte meines Erachtens etwas geschehen. Wahn! überall Wahn! In der Redaktion des Bundes bestand ich darauf, daß meine Verwahrung sofort in der nächsten Nummer stehen müsse. Es wurde mir versprochen. Immer noch war es Morgen. Rückte denn heute die Zeit nicht vor? Alle Hauptstraßen meidend, kam ich im Sturmtempo zu Fortunio, ihm das fait accompli mitzuteilen.
Wenn es wahr ist, daß kein Sperling versehentlich vom Dache fällt, nun dann steht gewiß auch ein jeder unserer Tage unter einer bestimmten Konstellation, und mein Unstern feierte gerade seinen Mittag. Fortunia, die auf der Treppe stand, empfing mich mit einem unglücklich gewählten Wort. Schließlich war es ihr Haus, ich konnte sie nicht niederstoßen. An ihr vorbei, geradeswegs in Fortunios Arbeitszimmer, der die Mitteilung von meiner zu erscheinenden Notiz mit einer Kälte aufnahm, die mich unsagbar erbitterte. Hier bin ich fehl am Ort, dachte ich, und nahm eilends Abschied. Auf der Straße war es kalt. Ich sah mich um: sie war leer. „Ich bin verraten“, sagte ich laut. Ich hatte nur ein paar Schritte bis zum Haus, in dem ich wohnte. Die Hand vor den Augen haltend, als sei mir etwas hineingeflogen, eilte ich die Treppe hinauf und schloß mich ein.
15. APRIL. Telramund (immer anonym natürlich) veröffentlicht eine hämische Erwiderung auf die meinige. Meinen französischen Text und seine Übertragung würde die nächste Nummer seiner Zeitung zusammen abdrucken. Der Leser möge sich dann selbst ein Urteil über mich bilden. Ich sofort wie eine Windsbraut, auf Flügeln des Zorns, in die Redaktion mit einer „Schlußerklärung“. Auch diese wollte ich sofort eingerückt sehen.
Daraufhin vertiefte sich das Waldesschweigen um mich her. Fortunio war ohne ein Wort nach Lugano abgereist. Ich begriff es nicht. In meiner Unkenntnis alles dessen, was mit Partei- oder Presseinteressen zusammenhing, wollte mir ein Überblick der besonderen Situation nicht gelingen. Ein paar Dinge sah und erkannte ich mit unbeeinflußbarer Sicherheit, gleichsam durch ein Brennglas, mußte aber jede Einsicht mit einer Unzulänglichkeit überzahlen, jedes Überbieten mit einem Versagen. Wer mich für dumm erklärte, dem hatte ich von jeher meinen Segen gegeben. Es will keine Geographie in meinen Kopf; vergebens starre ich auf einen Globus; ein Morseapparat bleibt mir ein unergründliches Geheimnis; in scheuer Bewunderung starre ich während einer Panne auf die Mechanikerkünste des Chauffeurs, und so teilnahmslos ist gewiß kein Mensch, daß er, ohne mir beizustehen, zusehen könnte, wie ich meine Koffer packe. Durch Vorzüge, wie durch Mängel isoliert, muß ich mich selber auf mich nehmen wie ein Kreuz. Es kann geschehen, daß ich vom Blatt begleite auf eine Weise, die jeden Musiker empfinden läßt, welche Entbehrung es für mich ist, ohne Musik zu leben, und mir selbst wird zumute gewesen sein wie einem plötzlich freigelassenen Pferd, das über eine Ebene voll Sonnenlicht und Schatten fliegt. Nichts kommt seinem Rausche gleich. Von solchen Augenblicken wahren Lebens erwache ich zum Tode des Alltags wie ein Gefangener aus seinem Freiheitstraum. Gerade nach solchen seelischen Abenteuern aber wird es am leichtesten vorkommen, daß ich mit einer aufgeregten Hilflosigkeit, viel eher eines Dorftrottels, als meiner würdig, nach meinen vergessenen oder verirrten Habseligkeiten suche, und keiner der Musiker von vorhin würde mich wiedererkennen.
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