28. APRIL. Heute früh bin ich in einer Messe gewesen. Aber welche Messe! In einem sehr alten, dem See gegenüberliegenden und köstlichen Bau: Traumhafte Fresken, das übrige mit roten, langverjährten, rosagewordenen Damasten ausgeschlagen. So gut wie leer. Die Schellen, die der Ministrant in Bewegung setzt, erklingen abgetönt und sind gewiß aus Silber, Weihrauchwolken steigen vom Altar. Dunkel — nein nicht dunkel, von einer lichten Penombra wie eine bedeckte Vollmondnacht, ohne Orgel und Gesang, und dennoch brausend, unendlich groß, ja wie zum Firmament — (wie wurde mir?) weitete sich das stille und verlassene Haus und schwamm im All.

Endlich wieder eine schöne Kirche. Die in Bern hatte ich aufgeben müssen, denn so war die Messe wirklich nicht gemeint. Als ich aber jetzt durch die schwerbehangene Türe ins Freie trat, auf den noch leeren Platz und den besonnten Strand, wo die Platanen ihre eben erschlossenen Kronen so bräutlich dem Licht entgegenhielten, da schien dies alles, diese Natur mit den dekorativ vor und wieder zurücktretenden Wänden ihrer Berge und das gekräuselte, wie in sich selbst verliebt hinziehende Gewässer, selbst der Himmel, der darüber hing, schien nicht so weit wie der eben verlassene, leicht zu umspannende Bau mit den damastenen Wänden von verblaßtem Rot.

2. MAI. Die Pforte, die ins Weglose führt, wurde bisher nur im Vorübergehen angekreidet. Ziemt es sich doch nicht, es zu beschreiten. —

Diejenigen aber, welche solange über die Schiffbarmachung der Luft gegrübelt haben, sind nicht dieselben, welche sich auf Äroplane schwingen, sondern viele Jahrhunderte werfen ihre wilde Brandung zwischen sie. Und doch, und doch . . .

Wie in der nunmehr erkrankten Luft die Menschheit eine infizierte oder jedenfalls, auch ohne es zu merken, eine affizierte ist, wie vielleicht ein Pesthauch so allmählich unseren Planeten umschichtet, daß wir es nicht gewahrten, ebenso glaube ich, daß bei vielen unter uns der innere Sinn dem lautlos tumultarischen drängen und wogen (wo gäbe es Worte?) der so zahllos und so jäh entströmten Leben zugewandter ist, als sie es wissen. Da sind Akzente, da sind Lockrufe, die noch nicht ergingen . . . Da treiben wehe Schwingungen der Wonne von unaussprechlicher Pein, da greifen Klänge ans Herz, zerspringen und ermatten wieder, ohne zu ertönen, und da sind uns Zaubertränke hingehalten, als hätten wir geistige Lippen, sie zu genießen . . .

Es war nicht mehr Nacht, aber der Tag dämmerte noch nicht. Ich schlief nicht mehr und war noch nicht wach. Eine Gestalt, höchst eindrücklich in ihrer Schattenhaftigkeit, erfüllte die Atmosphäre bis an den Rand, als müsse diese wie ein zu voller Becher überfließen, das Zimmer sprengen oder sich entflammen. Und schon war das Unnennbare ungegenwärtig, und es wäre lächerlich unzureichend, wenn ich sagte, es hätte sich entfernt, so ganz außer jeder Beziehung stand es zu Zeit und Raum.

Was aber war inzwischen nochmals vor mir aufgeschimmert? Locken? — von einer Gelocktheit, die es nicht gab, von einer goldenen Blondheit, die nicht vorkommt, ein Licht, das ich nicht kannte, schärfer, und dabei nicht so grell wie das des Tages. Geisterhaft? Aber es war ja von einer schärferen, wärmeren, pulsierenderen Lebendigkeit gewesen, als wir sie kennen. Wir sind nicht lebendig genug, dachte ich bestürzt, und schlug die Augen auf. Draußen hatte sich ein Wind erhoben. Die Fenster sahen auf den Garten; der Himmel ganz blaß, aber im vollen Staat. Kleine Wolken als Vorreiter ausgesandt. Die Bahn war frei, die Vögel vollzählig, Brust heraus, in Positur und einzustimmen bereit. Höchste Spannung in den Bäumen: kommt sie schon? Blumengeflüster: ist sie schon da? — Es war alles wie am ersten Tag.

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3. MAI. Sicher haben die Menschen ihr Hofzeremoniell dem Sonnenaufgang abgelauscht. An sich gewiß eine hübsche Idee. Mit acht Jahren war ich im Kloster Page der schönen Gelmini, die an Epiphania mit dem Beinamen die Gerechte zur Königin ausgerufen wurde. Meine Haare wurden Tage hindurch im Hinblick der zu drehenden Locken mit gezuckertem Wasser gedrillt. Dem Hofnarren fielen sie aus der Schellenkappe tief ins Gesicht. Denn gelockt standen wir alle am Tage unseres Umzugs. Gelmini wurde zweimal gewählt und starb das Jahr darauf. Wie groß war mein Staunen, als ich später erfuhr, eine erwiesene Larve könne ihr Lebtag lang unter Zimbeln und Trompeten als „Majestät“ aufziehen. Und welches Gelächter erntete meine Entrüstung! Aber wie oft hat der verspottete recht! Jede Epoche hat ihren wahren Fürstenkonzern. Wir verkannten dies ganz: darum sind heute unsere goldenen Kutschen remisiert. Großherzogliche Hoflieferanten, Palast- und Schlüsseldamen, wo seid ihr? Terror der Wiener Komtessen, wo bist du? Kurz, kurz ist’s her.

Abends im Kursaal bei Musik geschrieben. A. H. Pax will in der „Friedenswarte“ eine tongetreue Übersetzung meines Protestes bringen, und da er zugleich einen Beitrag für das Maiheft wünscht, setze ich meinen Apparat in Bewegung. Es ist, als träten ungeheure Wasserwerke in Kraft, um einen Fingerhut voll zu kredenzen. Stirnrunzelnd sitze ich inmitten des Hin und Her von Eisschokolade und Tangotänzen, um einige Sätze über die elsässische Frage zu formulieren. Ich begann mit ein paar Anspielungen und zitierte mich aus einem Essay, den ich über die Markgräfin von Bayreuth geschrieben hatte: der Frau fehle es zwar nicht an literarischer Begabung, wohl aber an literarischer Perspektive, und für die Realität des geschriebenen Wortes wohne ihr auch nicht entfernt dasselbe scharfe Gefühl inne wie dem Mann. Heute sei hinzuzufügen, fuhr ich fort, ihr Interesse und ihr Verständnis für Presse- und Parteiwesen sei in der Regel gering, und auf jene allerletzten Endes so gedankenlose Parole: right or wrong my country, wäre die Frau nicht verfallen.