So wird sie denn, erzählte ich von ihr, und meinte mich, nur wenig von bisheriger Politik verstehen, dafür um so mehr von der kommenden. Denn es ist ganz gewiß falsch, zu behaupten, man dürfe Politik nicht mit dem Gefühl treiben. Wie veraltet die ohne Gefühl betriebene sogenannte Realpolitik im Grunde schon war, hätten die zuletzt auf dem Plan erschienenen jugoslawischen Völker sehr wohl erkannt, als sie einst jenen brüderlichen Balkanbund zu gründen beschlossen, welcher dann am Widerstand der europäischen Kabinette gescheitert war.
Es läge auch ein vollkommen richtiger Instinkt einer Versinnbildlichung der Nationen durch überlebensgroße Menschengestalten zugrunde: Marianne, John Bull, Michel, Onkel Sam . . . Von hieraus zieht sich deutlich ein Weg zur Einsicht, daß den Beziehungen zwischen hochstehenden Völkern genau dieselben Grundsätze unterliegen sollten wie zwischen hochstehenden Menschen. Statt sich zu überlisten und brutal zu übervorteilen, suchen sich diese im Gegenteil an Schonung, Großmut und Rücksicht gegenseitig zu überbieten. Der Wetteifer um den Rücksitz hat als Ergebnis, daß man sich darin teilt; statt einander zu berauben, hilft man einander aus. Man gesteht sein Unrecht und wird vernommen, statt verdammt. Wäre somit eine solche Politik nicht auch die praktischere?
Ich hätte mir vorstellen können, fuhr ich fort, daß auf einer solchen Grundlage hin ein Dialog zustande gekommen wäre zwischen Michel und der unversöhnlich von ihm abgewandten Marianne. Ich könnte mir wahrhaftigen Gottes vorstellen, daß er — nach Art der Liebhaber — zu ihren Füßen hingerissen, die elsässische Frage vor ihr zur Sprache brächte; ich könnte mir vorstellen, daß im Laufe dieses Dialogs endlich ein Wendepunkt sich ergäbe, von wo ab beteuert würde, was verneint worden war . . . und in dieser Tonart lange hin und wieder so beharrlich, bis die wunde Frage sich zwischen ihnen isolierte, auf einen höheren Plan gehoben, langsam über ihren Häuptern wie eine Morgengabe schillerte.
Aber den Realpolitikern dünkte die andere Alternative, der wir heute zusehen müssen, die gerissenere. Spätere Europäer werden sich freilich an den Kopf greifen; dann aber wird vermutlich das andere Schlagwort aufkommen vom Antagonismus der weißen und der gelben Rasse; und dann wird sich der Himmel verfinstern von den neuen Schrecknissen; und dann erst werden die Überlebenden nicht mehr bestreiten, daß die europäische Psyche durch Assimilierung der asiatischen die endliche Bereicherung, ja ihre letzte Vollendung erführe.
Nicht allein, daß die grauenvollen Erfahrungen, die geopferten Generationen, die vergeudeten Jahrzehnte, Jahrhunderte notwendig sind, um diese Welt zu Anschauungen zu bekehren, welche sich der einfachen Nachdenklichkeit aufdrängen, sondern all diese Kriege, und die gewesenen sind nur Vorstufen zu einem letzten Kampf, dessen Stunde zugleich mit der Stunde der Vergeltung schlagen wird für jene Elemente, welche von jeher die schlechte Sache in der Welt betrieben oder die gute verdorben haben. Die Leute also, schloß ich meinen Aufsatz, welche auf den ewigen Krieg schwören, mögen zufrieden mit mir sein; denn bevor jene Elemente (und es sind stets überall dieselben) nicht gekennzeichnet und untergeordnet werden, glaube auch ich an keinen dauernden Frieden.
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Um mich von der Anstrengung zu erholen, setzte ich zehn Franken und gewann zwei. Plötzlich taucht der Kriegsgewinnler vor mir auf und fragt, ob er mich nach Hause begleiten dürfe. Es war sehr spät, ja, er dürfe. Er begleitet mich also, ich aber leuchte ihm heim. Und siehe da, in dieser nächtlichen Weile scheinen ihm sehr andere Bilder vorzuschweben als die, mit welchen er noch gestern renommierte. „Es geht uns ja so lausedreckig,“ jammerte er, „warum verfolgt ihr das in den Brunnen gefallene Kind?“ „Also so steht es“, rief ich. Mein fertiger Aufsatz stimmte mich frech. „So steht es, und ihr blufft weiter mit Schwertfrieden und Grenzverbesserungen in Tod und Ruin hinein. Ich sehe schon, was für Argumente ihr schmiedet, falls es schief ausgeht mit eurem Verbrechen!“ Es läßt sich gar nicht sagen, wie weinerlich, wie persönlich gutmütig dieser eingepeitschte Alldeutsche sich herausstellte; wahrscheinlich der beste Gatte und Vater dabei, ein gewissenhafter Arbeitgeber vielleicht.
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Melide. Fortunio hat drei Elsässer getroffen. Im Schein der Windlichter schlage ich ihm die Karten, er dagegen liest mir aus der Hand. Die Edeljüdin hat ein rotes Tuch umgeschlagen, und wir sind vergnügt. Doch oh, die Nachtigall, die wir am Heimweg schlagen hören. Mein Herz hing sich an sie und drang in den Busch zu ihr. Ich hätte mich so gern nicht mehr von der Stelle gerührt.
Der Himmel blieb die ganze Zeit über so blau, daß sich die Wolken in meinem Gemüt angesichts soviel Sonne nicht behaupten konnten. Der erste bedeckte Tag war auch der unserer Abfahrt. Ich nahm den Frühzug mit Paxens und steckte meine Post gerade noch zu mir. Fürs erste galten dann meine Blicke nur dem schwindenden See und den schnell sich verstellenden Bergen.