Zweiter Teil.

Sie sah bezaubernd aus; ihre Achseln schienen der Ansatz zu Flügeln, und da sie sozusagen zwischen zwei Fingern hochzuheben war, nannten wir sie mit Fortunio das Zirkuspferdchen oder der Seidenaff. Wenn sie ernst zu sein wünschte, waren wir grausam genug, sie auszulachen, doch nicht, um sie zu verspotten, sondern weil ihr alles so gut stand. Ihr Gatte war San Cividale, der Longobarde, wir hatten uns angefreundet, und es wurde ein richtiger Anschluß.

Von den Ärzten ins Bad geschickt, depeschierte mir der Seidenaff aus Rheinfelden, und nie kam eine Einladung gerufener. Ich suchte einen Mieter für meine Zimmer und hatte ihn schnell. Bern war mir verleidet, ich hatte dort vieles zu vergessen, Geldsorgen besaß ich auch. Nur die Mozartaufführungen, welche unter Richard Straußens Leitung bevorstanden, wartete ich noch ab. Sein schöpferisches Erschöpfen eines Werkes ist sicherlich ein neues und interessantes Moment in der Kunst des Dirigierens. Einem Don Juan, der ein großer Erfolg war, folgte jedoch eine Zauberflöte, welche einige Kritik hervorrief; mich entzückte letztere weit mehr, so zwar, daß sie einem ersten Eindruck gleichkam. Strauß hatte eine Pamina mitgebracht, welche gesanglich und darstellerisch und durch eine merkwürdig schöne Erscheinung der Partie so wohl entsprach, daß Symbolik wie Illusion des Fabelreiches durchweg bestanden, bis der Vorhang vor dieser besseren und geordneteren Welt endgültig fiel. Was bedeuteten Regiestörungen (tags darauf hieß es, sie sei einem Engländer zu danken, der sich zu diesem Zweck als Maschinist für den Abend verdingte) vor dem unvergleichlich hohen Niveau dieser Vorstellung?

Am lautesten wurde am Schluß von jener Sorte Deutscher Beifall gespendet, welche ihren schimpflichen Spitznamen so recht aus dem vollen verdienten. Diese wandelnden Erreger des Deutschenhasses gingen mit dem deutlichen Gepräge von Leuten einher, welche zwar rechneten und berechneten, aber nicht mehr dachten, dafür seit einer Generation zuviel gegessen hatten. Sie waren die Regisseure und Leugner des großen Kindersterbens, das jetzt in ihrem Lande hinter den Kulissen um sich griff, und Scharen Deutscher, würdig dieses Namens und liebenswert, gingen um jener Boches willen zugrunde. Doppelt verrucht erschienen sie im Lichte der eben erfolgten herrlichen Darbietung. Ich ersticke! sagte ich zu Fortunio, denn ein Knäuel dieser wohlbestallten Patrioten schlenkerte vor uns über den Platz. Auch im Dunkeln sah man ihnen an, daß sie jetzt schmausen gingen.

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Rheinfelden.

21. JUNI. Mußte da dicht vor meinem Fenster hochgewölbt der Rhein vorüberrauschen? Eine Brücke mit Schilderhäuschen in der Mitte legt schon im Badischen an; freudlos, wie mit erblindeten Scheiben, sehen von dort die Häuser herüber.

Heiterer war der Park. Wir lagen in Korbstühlen und schwatzten. Doch Erinnerungen kamen nicht zur Ruhe. Aufgescheuchten Vögeln gleich schwirrten sie hierher und dorthin und kehrten zurück . . . Der Sommer war im Land. Das Schlößchen der schönen Marguerite, das selbst mitten im Kriege Zauberkreise zog, wartete unser, und die Schwalben nisteten längst im flachen Strohhut, der in der Halle von der Decke hing. Jetzt standen auch ihre Koffer gepackt; . . . es türmten sich wohlgefaltet ihre schönen Kleider . . . Die Unrast der Verbannten trieb mich aus dem Park ins Städtchen hinunter, wo von der viereckigen Plattform des Turmes aus die Störche ins Blaue steuerten. Was gab es schöneres wie ihren Flug? Klein erschien mir die Schweiz. Wie ein herrlicher, aber für mich nach allen Seiten hin verbarrikadierter Garten. Ich ging den Weg zurück, der ganz umwachsen unter Bäumen führt. Wer nicht wollte, brauchte weder Fluß noch Land zu sehen. Im Hotel aber lag eine Depesche für mich. Ich floh entsetzt auf mein Zimmer. Die Freundin war tot. Mochte das Schlößchen am Berg Tür und Tor sperrangelweit offen halten und warten, solange es stand, ins Leere starrte fortan sein breitschrötiges Türmchen. Sie zog die Straße nie mehr herauf, kutschierte nie mehr aufmerksamen Auges ihr Wägelchen in den Wald. Fort von Rheinfelden, dachte ich, nur fort!

Es traf sich, daß die Kur nahezu beendet war. Wir fuhren nach Wengen. Der Seidenaff durfte nicht steigen, ich kletterte drauflos. Hier waren alle Höhen zur Hand. Hinter der kleinen Scheidegg setzten sie von neuem ein. In weiten Senkungen kreiste ein Tal. Ich saß in einer Nische aus Fels und Gras, die Füße hingen ins Leere.

Plötzlich, wie auf einen geheimnisvollen Anruf, ein lauter Stoß, ein Gegenruf des Herzens. Denn es hat ja Arme, ich sagte es schon, und Flügel, schwerausgebreitete und leichte, es hat sein geheimnisvolles Dasein für sich allein. Vom Tode weiß es so wenig wie wir, nur dies hat es erkundet: daß, wenn er uns nicht austilgt, der Lebende dem Toten zu Anfang mehr sein kann, als dieser ihm. Dann wäre unser Eingedenken der Halt vielleicht, an dem er seine ersten Schritte geht, und unsere Trauer sein Gewand.