Es war für die Verstorbene ein Gedenkbuch geplant, und ich hatte versprochen, mich daran zu beteiligen.
Mag es noch so mannigfache Welten geben, sicherlich gebietet über alle eine einzige Natur, ein allmähliches Sprießen, eine Reife, von trüben Himmeln die sie aufzuhalten scheinen nur gezeitigt. Vor allen Dingen aber jenes letzte und sehr tragische Zurückbleiben des Erreichten hinter dem Gewollten. Wie ein letzter Same, der sich wieder in die Erde senkt, um einer nächsten Ernte zu gedeihen.
Ich schrieb auf meinem hohen Sitz angesichts des kelchartigen Tales mit den sanftanschwellenden Rändern. Die Sonne war gestiegen. Wie ein zieres Band umschlang ein Pfad den ganzen Berg und lockte mich unwiderstehlich in die Höhe. So kam ich zu einem kleinen Gasthaus und stapfte dann auf die Spitze des „Männlichen“ hinauf. Dort fing sich der Wind und wehte kreuz und quer; dann aber stürzte ein Steig, schmal wie ein Strich, so pfeilartig hinab, daß man, von einem Taumel erfaßt, zu rennen anfing und zu fliegen verlangte. Von dem Tempo erfaßt, das von hier oben gesehen, die Jungfrau entfaltete, die mit mächtiger Schulter die ganze Kette der Alpen mit sich riß. Unglaublich schnell griffen jetzt die Schatten in dem verströmenden Gold dieses Tages um sich; schon profilierte sich diese oder jene Bergeskante zu einem grotesken, dort zu einem erhabenen Riesenhaupt, schlafend, offenen Mundes zurückgeworfen, oder wie entseelt mit beschneiten, eingesunkenen Schläfen zur Seite gekehrt, die Luft darüber wie ein unendliches Gewölbe.
Auch manche Felsenburg tat jetzt entbrannte Zacken auf; kurz, eine andere Welt als die des Tages stand schon gerüstet. Plötzlich hielten mich zwischen zwei scharf vorspringenden Felsen zahllose Schafe auf, die mächtig wie ein Volk auf halber Höhe den Berg belagerten. Mit ihnen zog eine Anzahl Widder, die innehielten, als sie mich kommen sahen, und mich aufmerksam, wenn auch stolz, betrachteten. Nirgends ein Hirt zu sehen, als wären sie die Führer. Ihre geschneckten Hörner abwartend mir zugekehrt, versperrten sie den Weg. Um weiterzukommen, mußte ich halb quer hindurch, halb mit der Herde laufen. Eine überwältigende Ruhe, ja ein Glück ging von ihr aus, daß man, am liebsten auf vieren gestellt, eins mit ihr geworden wäre.
Der Weg nahm gar kein Ende. Meine Schuhe gingen in Stücke. Meine Füße waren zerschunden. Schwer hinkend erreichte ich endlich das schon a giorno beleuchtete Wengen. Aus der Halle des Hotels trat der Seidenaff im Tuchbrokat von silberigem Weiß, hoch mit Zobel verbrämt. Doch der Jugend kommt alles zugute; kostbare Gewänder unterstreichen sie nur. Die leichte Gestalt wird durch den schweren Staat gehoben, nicht gedrückt. Lang und gewichtig hing die Perlenschnur herab. Das Haar war braun. Gerade seinem weichen Schimmer schmeichelte die Härte des diamantenen Reifs. In Treibhäusern wird heute die gefüllte, immer gefülltere Nelke gezogen. Mit solchen gefüllten Nelkenaugen, gut und klug, doch fern dem Ziele, blickte der Seidenaff.
Tags darauf fuhren wir zu Tale, San Cividale, dem Longobarden entgegen. Fortunios schrieben aus Beatenberg, wo ich mich denn herumtriebe, und fürs erste blieb ich jetzt in Interlaken, um meinen Nachruf zu beenden. Da mir keine Seele des Ortes bekannt war, verbrachte ich meine Tage ohne zu sprechen, und schon lebte ich eingesponnen und wie unter Glas, als die Lektüre eines Zeitungsartikels mich ganz aus der Stimmung riß. Es war ein Aufruf von Andreas Latzko, der wesentlich aus Vorwürfen, und zwar sehr berechtigten Vorwürfen an die Frauen bestand. Nun haben diese ja im Kriege versagt und die härtesten Dinge zu hören verdient, doch nur ihnen selbst kann es zustehen, sie zu äußern, dem Manne heute mit keinem Wort. Ihre Unzulänglichkeiten sind sein Werk, von ihm gezüchtet und beabsichtigt, selbst sein Überdruß an ihr war als Triumphgasse für seine Eitelkeit gedacht, was er vollends ihre Ungleichheit nannte, war seine Politik. Wie stark seine Krone zerzaust ist, ahnen beide noch nicht. Die „Penalty of the war“, von der soviel die Rede ist, wird noch eine ganz andere sein, als man im allgemeinen glaubt. Die Frau wird ihre Chance haben. Mag der Mann noch auf Jahrhunderte das Überragende leisten, ihr Aufstieg wird sich unaufhaltsam als eine Folgeerscheinung seines Bankrotts vollziehen. Bilder schwebten mir vor . . . . war sie nicht schon im Begriff, mit jedem Jahrgang schöner, individueller zu werden? Erhob sich ihre Gestalt nicht freier, knabenhafter, mehr auf sich selbst gestellt, von Jahr zu Jahr?
Schlimmstenfalls konnte ihr Regime zu keinem ärgeren Chaos führen, als das, welches wir unter der ausschließlichen Führerschaft der Männer und ihrer Gesetzbücher erleben. Oh diese Gesetzbücher! Sie forderten, daß man vom Tag eines Krieges an nurmehr mit seinem Vater verwandt sei.
In meiner Aufregung, meiner Bedrücktheit, lief ich in der Mittagshitze den Brienzer See entlang, bis zur Erschöpfung. Und mit einem Male wurde mir das Karthäuserschweigen viel zu viel; da zudem schwere Regentage einsetzten, brach ich auf und fuhr nach Beatenberg.
Beatenberg.
AUGUST. Ich wohnte eine halbe Stunde von Fortunios entfernt, und mein Hotel stand zu Anfang der breiten Straße, die über tausend Meter hoch ganz eben dahinläuft, den großen Rat der Gletscher stets im Angesicht. Wie zu einer Riesenpolonäse aufgestellt, schienen sie, je nach der Beleuchtung, zurückzutreten oder loszuschreiten bereit. Nur der Regen sprengte den Bund. Dann verschwand jeder einzeln in seinem Zelt und wußte nichts mehr vom andern. Wusch sich aber nachts der Himmel wieder rein, so hielt beim Morgengrauen die Jungfrau entgeistert Cercle, als harre sie nur des Zauberrufes, um der Sonne bei ihrem ersten Strahl ekstatisch entgegenzutanzen. Leider kam auch hier die Arbeit nicht in Fluß; das sehr geräuschvolle Haus bot keine Möglichkeit, sich abzusondern. Unmittelbar daran grenzte der Wald und führte sogleich sehr steil ins Weglose hinab. Und hier nun entdeckte ich eines Morgens, ganz hinter Tannen versteckt und der Tiefe zugewandt, ein kleines, verlassenes Blockhaus. Ich rannte ins Hotel zurück, forschte nach dem Schlüssel und erlangte ihn. So gehörte das Chalet mir, da ich es beziehen durfte. Den Schlüssel ans Herz gedrückt, eilte ich zurück. Im Raum des Erdgeschosses verbrachte ich nun meine Tage. Die Läden blieben herabgelassen. Nur durch die Türe, die ins Freie führte, drang das Licht; auch die Bäume hielten es auf. Nur Tannen, Wald und Moos und keine Aussicht außer sie. Hier hatte man vor den ewigen Gletschern Ruh. Und keinen Laut als den der Vögel.