An den Kreis ihrer engsten Freunde wende ich mich, sie, die zu ihr standen wie die Strahlen der Sternblume, deren Name sie trug; denn so hingen sie ihr an, und so faßt sie nunmehr die gemeinsame Klage zusammen. Wie beneidenswert sind sie gewesen! —

Nicht, als seien sie sich dessen zu spät bewußt. Hier trifft sie kein Vorwurf. Vielmehr hegten sie ihr Wissen um das Werden dieser bedeutsamen und seltenen Gestalt, die von ihrem schönen und guten Wesen so viel weniger genießen durfte, als der gleichsam von ihr ausgestrahlte Kreis, dem sie es zuwandte. Denn wieviel Sonne war in ihr verwoben, und wie beschattet ging sie doch! Unter der rhythmischen und unzerstörbaren Ruhe ihrer Bewegungen welch unaufhaltsames Vorwärtsschreiten! Wer hat sie je hastig gesehen? Und doch welch ahnungsvolle Eile, sich zu erfüllen!

Geistigen Dingen zugewandte Menschen finden sich gewiß nicht selten; der Maler und Musiker, auch der Liebhaber der Künste sind viele. Aber wie wenige gibt es, die auf das Schöne selbst Anziehungskraft besitzen, so daß es wie auf mystischen Ruderschlägen ihrer Atmosphäre zugeführt, immer mehr Natur und Element bei ihnen wird, und tatsächlich eine Art von Wechselwirkung sich ergibt.

So aber war das Schöne — wie ein Meister an seinem Marmor — bei ihr am Werk. So umhing es ihre Erscheinung, so meißelte es an ihren Zügen und hob sie zu letzter Vollkommenheit der Linien und des Ausdrucks. Unsere Herzen sind wund von der Erinnerung ihrer Hände, so schwebend, einsam und gesammelt, verklungen, auch sie mit der weiten Melodie ihres Seins.

Den wahren Hintergrund zu ihrem Bilde aber stellt einzig jene offene und merkwürdige Gegend, in der sie sich so heimisch fühlte, weil sie ihr glich. Dort, wo ihr kleiner Landsitz hart an der dunkeln Bergwand lehnte, von Mauern lang umfriedet, vor dem Tor die hohe Linde schon den Bergfluß überhing, und sein Gestein, und schon wie vor den Almen leere Bergwiesen ansteigen, auf welchen die Kühe bis hin zu den nahen Wäldern weiden; und diese sind wenig begangen, schwer verträumt und düster fast, weil hier sogleich das Hochgebirge seinen feierlichen Zug beginnt.

Doch öffnete man das Tor zum Hause, ach! Wie rauschte es da von den kunstvollen Brunnen und den Fontänen, in welcher Fülle zogen sich die Blumenreihen hochaufgerichtet durch den Garten hin! Und die Ebene ist’s, nach welcher dieser steile Garten niederfällt, und schaut: auf halber Höhe, wie zur Freude hingemalt, der Kirchturm von Murnau, links die ersten Berge, ansehnlich, aber noch vereinzelt, sanft umrissene Präludien des Gebirges. Nach Osten aber, wo sich anstatt der Mauer die lange Wandelbahn und hölzerne Gartenzimmer nachsommerlich hindehnen, wölbt sich als Abschluß der finstere Berg.

Hier waltete sie im lichten Kleide inmitten ihrer Blumen, wenn in der Ferne ein goldener Sonnenstaub den Tag begrub, oder sie sah wartend nach dem Mond, der so plötzlich hinter dem schwarzen Grat aufging und dann sogleich alle Grotten und Beete übergoß, und nur die finstere Bergwand noch finsterer beließ. Und auf erhöhtem Stande der Apfelbaum, wie sie ihn zeichnete, mit den Windlaternen bunt über dem Tische wehend!

Hier fühlte sie sich heimisch, hier drang das Lachen ihrer Kinder immer bis zu ihr, und die Schwalben zogen durch die Fenster unermüdlich ein und aus. Und drinnen der Tisch vor den breiten Scheiben, ach Freunde: vor dem sie saß — niemals müßig —, lesend oder malend, oder eine jener kunstvollen Arbeiten zur Hand, mit welchen dieses Haus geschmückt ist, dessen Bau, dessen edle Räume wie für sie erdacht, durch ihre eigene Anmut etwas so Zauberhaftes wurden, daß sie durch ihren Tod für uns verschüttet liegen. Die Türen, ach, durch die sie trat.

Doch jenseits der Vorberge, in einer versteinerten Welt, ganz klein und auf unwahrscheinlicher Höhe steht die Jagdhütte, an deren winzigen Fenstern sie die rot- und weißgewürfelten Gardinchen hing; sie liebte das Frohe. Ganz dem Schauen hingegeben, lief sie dort die Kanten der Berge entlang, denn das einzig Verweilende an ihr, von allem Persönlichen unmittelbar Losgelöste war ihr Auge. Bald lockten sie die Höhen, bald die Weite und das Moor, oder sie stellte dort ihren Malstuhl auf, wo der kleine, von der Abendsonne warm getönte Fluß so rasch den gemiedenen und immer trauernden Hügel umfließt.

Diese reichhaltige Landschaft, die sich wie ein Fächer dem Auge entfaltet und verschließt, glich ihr so ganz, daß für uns, die sie dort sahen, ihr Bild wie eingetragen bleibt in diese Gegend.