Nicht auf Festen schwebt es uns vor, deren Glanz das sanfte Feuer ihrer Schönheit so sehr erhöhte, und nicht in großen Städten, weder in Paris, dessen geistiges und künstlerisches Leben ihr so nahe ging, noch in London, wo sie gefeiert und bewundert wurde. Denn in ihr hatte Deutschland eine so liebenswürdige und seltene Vertreterin gefunden, daß die Sympathien, welche sie sich erwarb, durch die Ereignisse nur verstummten, aber nicht verloren gingen. Denn weit über die Gräben hin, welche die Nationen voneinander trennten, klang ein Echo der Trauer über die Kunde ihres Todes herüber.

Es mag ja sein, daß ihre großen Erfolge im Ausland ihr um so neidloser zugestanden wurden, als man sah, welch flüchtigen Gast sie krönten. Denn ehe man sich’s versah, lagen ihre viel bewunderten Kleider in Kisten wohlverpackt, und sie selbst stand am Perron, Sehnsucht im Auge, um nach ihrem geliebten Ohlstadt zurückzufahren. Sie erzählte noch im letzten Sommer ihres Lebens, sie habe mit Freudentränen um sich her geschaut, als sie den „Raunerhof“ zum ersten Male und zugleich als ihr Eigentum besichtigte.

So nah berührte sie der Ort.

Es waren pantheistische Anklänge in ihr, die man nicht überhören durfte, um sie zu kennen.

Denn so edler Natur war die zu weite Spannung ihres Wesens, die eine Lücke ließ zwischen dem Leben und ihr. Ein suchendes, verlorenes Etwas fand hier seine Brandung, und was Wunder, daß sich ihr Blick, allen Sicherungen zum Trotz, so häufig aus dem Alltag, wie aus einem zu engen Hause stahl.

Und kannte ihn doch kaum.

Seine immer neu sich bereitende Unsicherheit, böse und gefährlich wie die Gärungen der Gletscher, seine Verweigerungen, seine Öde erfuhr sie nicht. Ja, sie blieb von einer zu deutlichen Kenntnis dieser Welt bewahrt; ob sie es merkte oder nicht, ihr Kontakt mit ihr war immer umgeschaltet, ja sie war geschützt. Aber wir wissen heute, warum die so innig Umringte dennoch einsam und beschattet ging, als sei alles vergebens; was dies heimliche, innere Versagen und ihre unrobuste Art bedeutete. Denn wir wissen nicht, was sich in denjenigen bereitet, die inmitten ihrer Jugend von den Höhen des Lebens weg, einzeln und jäh zu den Toren des Todes hintreten und in seine Verlassenheit gehen. Keine letzte Verklärung, kein noch so sanftes Verlöschen nimmt einem solchen Los etwas von seiner Schwere.

Ach die besten Freundesherzen sind noch zu träge! Allzu leichten Sinnes nahmen wir das schöne Geschenk ihrer Gegenwart hin und bedachten die deutlichen Merkmale eines frühen Scheidens an ihr nicht. —

Wer hat nicht jene Flugzeuge gesehen, die als dünner Korb, nur durch Taue einem Riesenball verbunden, ganz ohne Geknatter vorüberschweben? Ein Windhauch streift die von ihm Getragenen. Je höher sie sich steigen sehen, desto langsamer dünkt ihnen sein Flug. Da zieht vielleicht eine Wolke vorüber, von einer schwarzen Kugel pfeilschnell durchzuckt und alsbald überflogen, die nichts anderes war, als der Schatten des Balles, der unbewegt und still wie eine Ampel in der Luft zu hängen schien.

Dies aber war bei stillem und oft schwer verträumtem Wesen das Tempo ihres inneren Werdens; mit so verzehrender Eile durchmaß sie ihre Bahn, und nur wer ganz zuletzt in ihrem Umkreis lebte, vermöchte auch das Letzte über sie zu sagen. Denn immer merkwürdiger und geschlossener wurde die Harmonie dieser, vom Dianenhaften so getragenen Gestalt. Nur tragischen Naturen aber ist es gegeben, sich zu erfüllen. Die Norm ringt sich vom Fragmentarischen nicht los.