Oh Marguerite! Daß meine Worte sich aufrichten dürften wie Säulen, und daß sie sich zusammenschlössen dir eine Stätte zu bilden des Innehaltens und der Rast, wo du — staunend vielleicht, doch ohne Gram — zurückblicktest auf dein Leben; oh daß es zwischen seinen Ufern an dir vorüberzöge und dein sinnendes Auge so darauf verweilte, wie einst in deinem Garten auf das Getürme der Wolken im verglühenden Tag.
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SEPTEMBER. Meine Zimmer waren zum Glück bis in den Oktober hinein vermietet, und ich trieb mich bald hier, bald dort herum, bald in Zürich, bald in Luzern, in Montreux oder Genf, nur nicht in Bern.
Die Ära Kühlmann war ein Grund mehr, es zu meiden. Man erinnerte sich prompt, daß ich in London in seinem Hause verkehrt hatte, und meine Stellung gestaltete sich noch um ein Stückchen schiefer. Ich hatte jetzt zu schreiben wie ein Minister, und es regnete Briefe. Sie betrafen zumeist Todesurteile, Deportationen, versprengte französische oder belgische Kinder. Dabei hielten jetzt die Zensuren meine Korrespondenz scharf im Auge; die harmloseste Post aus Deutschland erreichte mich erst in vier, Expreßbriefe erst in sechs Wochen. Um an Kühlmann zu schreiben, mußte ich schon seinetwegen den Umweg über die Gesandtschaft wählen. Meist wandte ich mich an Schreckenburg oder an den Grafen Carry. Zu Anfang ging’s. Zwei junge Belgierinnen hatten ihren eigenen Landsleuten Warnungen zukommen lassen; dafür sollte die eine erschossen werden. Kühlmann erreichte ziemlich rasch eine Rückgängigmachung des Urteils. Auch eine kranke Dame aus Cambrai brachte er noch über die Grenze. Als ich aber wegen der Familie des Professors von L.-P. bestürmt wurde, die Frau und fünf Kinder, (der älteste Sohn im deportationsfähigen Alter[1]), in die Schweiz zu retten, schickte mir Kühlmann ohne Kommentar den Zettel, auf welchem die hohe Militärbehörde eine Bewilligung seines Gesuches kurz und bündig verweigerte. Auch ohne dies — acht Tage nach seiner Ernennung — wußte ich ihn verloren.
Ich muß hier bis in den Londoner Sommer 1913 zurückgreifen, und zwar bis zu dem Abend meiner Abreise nach Irland. Kühlmann war damals jener Pläne stolz und froh, welche ein Jahr später in der von ihm inspirierten Broschüre „Weltpolitik ohne Krieg“ ihren Ausdruck fanden. Ich erinnere mich jenes Besuches noch sehr genau; die Teemaschine sang, wir besahen einige Bilder, und dann fuhr mein Zug, der um Mitternacht die Küste erreichte. Alle Kabinen des Schiffes jedoch waren besetzt, und ich hatte vergessen, eine zu reservieren. So blieb nur der große Schiffsalon, wo ein freundlicher Steward mir in den tiefen Ecken des die Wände entlanglaufenden Sofas ein herrliches Lager bereitete. Der Länge nach ausgestreckt, hatte ich auf diese Weise eine Riesenkabine für mich allein und konnte mich vor Freude gar nicht beruhigen. In meine lange Lederschaukel tief hineingebettet wie in eine Muschel, hoch hinauf und hinunter schwingend mit dem nächtlichen, heftig bewegten irischen Meer als Wiege. Wie sang, wie rauschte es mich zur Ruh! Wie segnete ich den Steward und meine eigene Vergeßlichkeit. Hin und wieder waren mir die Götter doch hold.
Doch weh, ach wie schlug ihre Gunst in die grausamste Ungnade um! Oh des zerrissenen Schiffes, das schon aufgehört hatte zu sein! In ein Rettungsboot gestoßen, auf eine Planke geworfen und nichts anderes als den Tod von den eben so gepriesenen Wellen zu gewärtigen, wühlten sie sich zu Felsen auf, hart und unbarmherzig mich zu begraben. Vor mir ruderte Kühlmann wie besinnungslos, und seine Anstrengungen angesichts eines solchen Orkanes dünkten mir lächerlich. Aber ich ruderte ja selbst mechanisch aufs Geratewohl, und dann stürzten die schwarzen Berge über das Boot.
Wieder rauschte das Meer im eintönigen Sang, über mir war schon erkennbar in der ergrauten Nacht die Decke des Schiffes, und ich lag wie zuvor in der ledernen Muschel gewiegt. Aber für kein anderes Lied als für das finstere Echo meines Traums hatte ich ein Ohr. Alle Freude war tot. Ich warf die Decken fort und saß zusammengekauert, schlaflos, verwüstet, uralt.
Durch den Krieg glaubte ich meinen Traum erfüllt. Die Ernennung Kühlmanns hatte mich zuerst gefreut. Er hatte von Jugend auf mit allen Kräften dem Krieg entgegengearbeitet, und ich hoffte, es würde ihm gelingen, sein Ende herbeizuführen.
Aber er waltete noch keine acht Tage seines Amtes — ich war in Wengen und lag in der Sonne — als im Halbschlaf das Bild eines hohen Gerüstes sich aufdrängte, ähnlich dem Eiffelturm, und auf der Spitze Kühlmann, aber schon im Begriffe kopfüber abzustürzen, so zwar, daß er sich in der Luft zu drei Malen überschlug.
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