Am Tage nach seinem „Niemals“ kam Abigail mit einer stoßbereiten Miene, wie ein Widder zu mir. Zur Annahme einer schroffen Haltung Kühlmanns war ich jedoch um so weniger berechtigt, als mein frühestes Buch Aufsätze, welche auf seinen Rat den französischen Titel „L’âme aux deux patries“ führten, die Behauptung aufrechthielt (denn mit der Feder war ich von jeher sehr dreist), die Annektion Elsaß-Lothringens sei ein Fehler, den Bismarck, wenn er noch lebte, kein zweites Mal begehen würde: er hätte ein anderes Äquivalent dafür ersonnen. Dies Büchlein, das im übrigen ganz unter den Tisch fiel, fand nur durch ihn eine so kräftige Verbreitung, daß sich der Verdacht regte, er sei dessen Verfasser.
Auch zu jener Unterredung mit Zimmermann im Januar 1917, die einzig der Notwendigkeit einer Diskussion des elsaß-lothringischen Problems galt, hatte er mir verholfen, und im Nebenzimmer eine Unterhaltung geführt, damit wir ungestört blieben. Auch waren mir die Worte erinnerlich, welche er im Jahre 1915 diesbezüglich fallen ließ, zu einer Zeit, wo die Aussichten für Deutschland noch günstig erschienen. Sein „Niemals“, konnte ich daher nur als einen Brocken ansehen, den man Kläffern vorwirft, um sie von sich abzuhalten und weitergehen zu können: ein nach innen und in die Kulissen, nicht nach außen gerichtetes Wort.
OKTOBER. Statt der drei kleinen hatte ich jetzt ein einziges großes, fast saalartiges Zimmer nach Norden, auf die Lauben hinaus. Schmuck, ja zierlich stand hier der Flügel im Raum. Die Wände hatten lichte Täfelungen, und der indische Schal mit dem weißen Feld fiel von der Decke bis zum Boden und schien eine Türe. Der Toilettentisch blitzte im Schatten auf: sein Hauptschmuck waren jetzt zwei silberne Renaissanceleuchter, vom Seidenaffen beschert.
Über das Zimmer selbst ist weiter nichts zu bemerken, als daß eine Reihe von Unterredungen dort stattfanden, die alle zu nichts führten. Ein Wort über meine politische Wirksamkeit. Wir wollen sie so nennen. Eine ganze Weile brachte ich gewiß alle Spionagen und Gegenspionagen zur Verzweiflung. Scheinbar für eine jede ein kinderleichter Fang, war das Verwirrende gewiß, daß ich gleichzeitig in Diensten sämtlicher Regierungen zu stehen den Anschein haben mußte. Wenn jemand keine Parteien kannte, so war ich es. Außer Japan, China, Rußland und Marokko durften nur noch Schweden, Norwegen und Dänemark sich rühmen, daß keiner ihrer Staatsangehörigen bei mir gewesen sei. Mein Zimmer war so recht die Halle der vergeblichen Zusammenkünfte, und wenn ich auch keine einzige vom Zaune brach, schob ich doch auch keiner einzigen den Riegel vor, selbst als mir kein Zweifel über ihre Vergeblichkeiten blieb. Der „Friede“, ein Wort, das mich im Schlaf elektrisierte, war wie das große Los oder wie das Leben eines aufgegebenen Kranken immer eine Möglichkeit. Und ob ich auch anfing, dem Kopfschütteln Fortunios beizustimmen, stürzte ich doch, wie Kundry im ersten Akt, bei jeder Veranlassung nach dem Heilkraut davon, das keine Linderung mehr bringen konnte. So setzte ich mich in Bewegung, so braute ich mit Todesverachtung meine Tees, ob mich auch schon ein wahres Grauen vor all den Nieten faßte, die sich zu Bergen vor meinem Tische häuften . . . Den dümmsten und ungeschicktesten Leuten schenkte ich dennoch Gehör. Vielleicht war gerade dieser Narr der reine Tor, vielleicht hatte ich doch recht.
Meine Verständnislosigkeit für Natur und Beschaffenheit dieses Krieges ging ja so weit, daß ich vom ersten Tage seines Bestehens an von Monat zu Monat überzeugt war, länger als sechs Wochen könne er nicht mehr dauern. Immer schien mir alles sein nahes Ende zu künden. Als zum ersten Male von zahlreichen Gefangenen die Rede war, dachte ich: jetzt ist bald Schluß. Als Ruhleben entstand, dachte ich: jetzt wird man verhandeln. Wer ließe seine eigenen Leute so im Stich? Obwohl ich, was die Schlechtigkeit des einzelnen anging, einen so radikalen Standpunkt vertrat und immer darauf aufmerksam machte, daß die Larven triumphierten und der Edle geopfert würde, ja, daß es stets ein besonderer Glücksfall sei, wenn er nicht unterliege, so hatte ich den so naheliegenden Schluß von der Familie zum Staat (und was ist sie anders, wenn nicht die Welt und Geschichte im kleinen?) merkwürdigerweise noch immer nicht gemacht. Immer noch wähnend, es ginge um den Frieden, da es ja gar nicht ihn, sondern Sieg und Niederlage galt, glaubte ich, durch meine Absicht und durch meine Gesinnung alle endlich zu überzeugen und für mich zu gewinnen, bis ich mit Entsetzen merkte, daß gerade meine Naivität Bedenken erweckte. Wie hätte auch Aramis, da es mir keineswegs an Menschenkenntnis gebrach, eine so große Weltunkenntnis bei mir vermutet? Und daß ich unter Kapitalismus immer noch einige Bankiers verstand? Vielmehr war es natürlich, daß eine Gesellschaft, welche den Krieg als eine Institution begriff, an meiner Friedensmanie Ärgernis nahm. Ich hielt mich für besser als sie, während ich vor allen Dingen unwissender war. Und diese Unwissenheit stellte zu meiner Soloarie den verdrießlichen Baß.
Dennoch war, als mir endlich ein Licht über die Welt und zugleich über mich selbst aufging, die erste Folge die Furcht. Ging ich spät die Lauben entlang, so faßte mich Schrecken, wenn nur die Umrisse eines Mannes oder nur sein Schatten hinter einer Säule sichtbar wurde. Da war ja eines jener unerklärlichen und gefährlichen Wesen, die es so eingerichtet hatten, daß ihresgleichen heute vielfach auf einem Beine durch die Lande hopsten.
Meine Tätigkeit, die sich vor jeder Offensive verdoppelt hatte, war nur mehr mechanisch. Die letzte Zusammenkunft, die sich in meinem Zimmer begab, fand mit Professor H. statt. Er berief sich auf wichtige Eröffnungen auf Grund amerikanischer Aufträge, die er zu machen habe. Es erfolgte noch einmal ein Depeschenwechsel mit den Restbeständen dessen, was man noch deutsche Regierung nannte, und was längst unter den Hufen der Militärkavalla zertreten lag.
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In diesem über alle Maßen traurigen Winter strich ich eines Abends müde durch die Lauben, als Abigail an mir vorüberschoß. Busoni spielt heute Abend! rief er mir zu. Nun lief auch ich und kam noch gerade recht, bevor er eine Orchesterfantasie von Weber zu spielen anfing. Und siehe da, man lebte, war seiner Ketten ledig und richtete sich auf.
Von nun an befaßte ich mich stark mit seinen Kompositionen und fuhr nach Zürich, wenn dort ein neues Werk von ihm zur Aufführung gelangte. Eine bequeme Gabe ist es ja nicht, den Wert eines überragenden Typs zu erkennen; sie legt Verpflichtungen auf; es ist nicht, als ginge sein Wohl und Wehe uns nichts an.