Verdrießlich genug ist es ja vielfach mit seiner Anhängerschaft bestellt. Wie an den Reichen die Profiteure, so drängen sich an den Schaffenden die Parasiten des Geistes heran. Und vielleicht, wer weiß, ist ihm in mancher Feierstunde, die ohne Anregung verlief, der Chor seiner Widersacher minder fatal wie der seiner Anbeter.

Von dem Unmut des alten und stark zensurierten Wagner, von einem verzweifelten Versuch sogar, den, öden Sockel auszureißen, auf dem er sich wie ein Götze gestellt sah, drang nur durch Zufall etwas in die Außenwelt. Während seine Umgebung den ungeheuren Überdruß der nachwagnerischen Ära bereiten half, ließ er selbst seine Werke weit und ungeduldig hinter sich zurück. Lange ehe seinem Lohengrin die grausige Popularität beschieden war, hatte er „mit Ekel in die Partitur gestarrt“[2]. Später eilte er schnell mit dem Nachtzug davon, wenn eine Stadt, die er bereiste, ihm zu Ehren eine seiner Opern ansetzte. Er hatte den schönen und naiven, wenn auch natürlich vergeblichen Wunsch geäußert, seinen „Ring“ ein einziges Mal auf einer eigens errichteten Bühne in höchster Vollendung zur Aufführung zu bringen, um sodann Bretter und Partitur auf immer zusammenzuschlagen[3].

Wer ein einziges Mal Friedrichs, den unvergleichlichen Darsteller des Alberich, während seiner kurzen Laufbahn vernommen hat, der vergißt nie die unheimliche Wirkung seines plötzlichen Vortretens, als er, hart vor der Rampe, mit seinem dunklen und prachtvollen Organ den Fluchgesang erhob. Sich selbst, die ganze Welt fühlte man da bedroht, und wer die Alberiche, wer die Nibelungen sind, und welche Bewandtnis es hienieden mit ihnen hat, wurde einem in unmißverständlichster Weise gelehrt.

Was aber kann so nichtssagend gemacht werden wie das Bedeutsame?

Gerade von groß angelegter Musik gilt das Wort: „La musique doit toujours nous surprendre.“ Laßt Dezennien des Schweigens und der Vergessenheit den „Ring“ begraben, damit sich von neuem offenbaren könne, welcher Vorhang da zurückschlug vor einer bis auf den Grund durchschauten Welt . . .

Erst die Züge des späten, weltberühmten und gefeierten Wagner zeigen den trüben, resignierten und abgewandten Schein, als dünke ihm jetzt erst, da alles erreicht war, alles vergebens. Mime und Cie. rächten sich, indem sie ihn ableierten. Als Kassenstücke ausgebeutet, wurde das Wagnersche Werk zum Unding, zur Säge, zur Obstruktion . . .

„Schafft neues!“ war sein immerwährender Ruf; dafür wurde à la Wagner weiter komponiert.

Sehr wagnerisch bewegt und sehr unwagnerianisch (denn was könnte es unwagnerischeres geben als den Wagnerianer?) ging ich eines Abends, von Busonis Hause kommend, durch die nächtlichen Straßen Zürichs, wo einst Wagner gerungen hat und heute Busoni ringt, und wo beide ein Asyl gefunden hatten. Mit letzter Gewißheit wußte ich da, daß der viel mißbrauchte Meister, der sich gerade über den so weit von ihm abliegenden Mozart so begeistert äußerte, heute gerade an dem selbstherrlichen Busoni und dessen von ihm sich entfernenden Wegen sein tiefstes Gefallen fände. Weit über das Leben hin tragen sich ja die wichtigsten Gegensätze aus. Denn sachte nur beliebt es den Göttern. Einen nach dem andern nur lassen sie zu Worte kommen. Ihr Neid duldet nicht das gleichzeitige Auftreten zweier allzu interessanter Fechter. Eher hielten sie ihnen eine Binde vor die Augen, als zu gestatten, daß sie ihre Klingen kreuzten.

Höchst merkwürdig aber ist es, daß die Persönlichkeit nie wichtiger gewesen ist, als jetzt in dieser Zeit der Massenschicksale der Hungers und der Kohlennöte. Nicht nur alle Spreu sehen wir heute inmitten der Äquinoktien aufwirbeln, auch manche Gesetztafel zerschlägt aufs neue. Der Heilige des Tages sucht nicht mehr die Wüste, sondern tritt mitten unter die Menschen und fällt unter ihren Streichen, nicht weil er die Abkehr predigt von der Welt, sondern um seiner Beglückungstheorien willen.

Aber nicht lange mehr wird der Auserwählte als ein Dulder gehen. Entweder sehen wir ihn bald als eine verlorengegangene Spezies ganz um die Ecke gebracht, oder sein Reich wird kommen. Es ist eine Täuschung, zu glauben, daß eine Welt, deren Schlechtigkeit und Gewalttätigkeit sich derart nach oben kehrte, so bleiben könnte, wie sie ist.