Hier mag stehen, was ich zwei Jahre später schrieb:

Busoni.

Ich hörte Busoni zum ersten Male vor zwei Jahren in Bern. Er sah mit einem Blick weit hinausgerückter Vereinsamung, den man an diesem Gesicht sofort begriff, gleichsam zu sich selber auf und fing an zu spielen.

Das gibt es also noch, dachte ich nach einer Weile. Da geht man mühselig seinen Weg, und plötzlich dies — dies plötzliche Angelangtsein, diesen Schauer der Ruh, diese unvermutete Herberge.

Bei Busonis Spiel, so herrlich es ist, will ich jedoch nur kurz verweilen. Er ist wohl deshalb der größte Pianist, weil er implizite einer ist, weil unter der Zauberformel, welche seine Finger darüber sprechen, die Metamorphose eines an sich zweifelhaften Instrumentes sich ergibt.

Wir kennen so manche vorzügliche Pianisten. Aber wie wenige machten uns das Klavier vergessen! Da ist Holz, sage ich, da sind Pedale, ein schöner Anschlag vielleicht und ein großes Können dazu. Aber für den Hörer nicht eben sehr nachhaltig: Klavier. Besinnt euch. Ist es anders?

Eher ließ noch das orchestrale Klavier Illusionen zu; ich habe große Dirigenten gehört, die es zu einem prachtvollen Notbehelf gestalteten. Von solchen Vorspiegelungen jedoch kann bei Busoni nicht die Rede sein. Dazu ist er zu sehr Kenner des Instrumentes, belauschte er es in allen Fibern zu genau. Etwas ganz anderes ist hier am Werk: Mozart hatte sich eine verzauberte Flöte ausgedacht: hier nun wurde tatsächlich das „Piano enchanté“ zur Wirklichkeit. Wir brauchen dabei nur an seinen Vortrag, der an sich kaum noch erträglichen Pianofortekompositionen Liszts zu erinnern, dieses riesenhaften und vermoderten Rosenbuketts mit verschossener Bandschleife . . . statt dessen wird eine ganze Epoche, die des zweiten Kaiserreichs, vor uns lebendig: Pracht, Tand und Duft, Fächerspiel, lächelnde Augen, Krinoline, Vergessenheit; alles retrospektiv gesehen, mit magischer Schärfe aufgerufen. Daher auch die ernste Maske im Hintergrund.

Schließlich, wenn alles gesagt ist, bleibt von einem Menschen immer nur das Neue. Die Geschichte unseres Geistes sind weitergegebene Signale. Aber nicht immer das zuletzt Gegebene wird von dem Kommenden aufgegriffen. Die Schrift ist kraus. Und die, welche an ihr schreiben, haben vor allem ihr geistiges Elternpaar, ihre geistige Familie und ihre geistige Sippe. Falls wir eine neue Zeit zusammenbringen, wird auch eine neue Heraldik mit ihr aufkommen. Gar merkwürdige Erzhäuser, Dynastien und ihre Nebenlinien werden sich da herausstellen. Und kaum einen Stammbaum dürfte es heute geben, der weiter verzweigt und interessanter zu erforschen wäre, wie der des so universalen Busoni. Keine Vaterschaft, die ihm an der Wiege gesungen wurde, sondern die sich vielmehr vor ihm verbarg, ihm vielmehr auferlegte, sie zu entdecken.

Viele Jahre hindurch ist es in seinen Werken wie ein umsichblicken, ein plötzliches horchen, sichunterbrechen und stillestehen. Konzessionen kennt er nicht. Was das unvorbereitete Ohr noch grau, abstrus, bizarr anmutet, sind die Schatten des Weges, auf dem er sich entfernt. Seine Zeitgenossen verlieren ihn aus dem Gesicht. Mit dem embarras de richesse, welchen Berlioz, Liszt und Wagner in das Orchester hineingetragen haben, ließ sich ja noch lange wirtschaften. Richard Strauß buchtete das von den Vätern Erworbene noch weiter aus, erstand noch die oder jene Pagode hinzu, und zum Beweis, daß er ein Allerweltskönner sei, schuf er in seiner „Ariadne“ eine antike Seite — ich brauche sie nicht zu nennen — von ewigem Wert.

Auch bei dem feinen, wenn auch kurzatmigen Debussy horchten wir auf. Einige noch unvernommene Töne schlugen da an, wie in Farbe getaucht, morbid, verzückt, nur scheinbar dekadent, nicht dekadenter, sagte ich schon, als ein Mondreflex auf einem verrosteten Gitter. Jedoch viel zu sagen hatte er nicht; auch er fragte sich nicht, wie es weitergehen sollte, und er verstummte schnell.