Genie ist nicht nur Fleiß (neben vielem anderen), sondern auch ein heroischer Ernst. Vielleicht ist Busoni nicht der einzige, welcher erkannte, daß die Musik in die wild überwuchernde Flora der Neuromantik nicht mehr tiefer hineinführte. Aber man kutschierte fatalistisch in derselben Richtung, demselben Kreise weiter, denn das Problem schien unlöslich. Nur nicht für Busoni. Es reizte gerade den Schöpfer in ihm.
Anfangs waren es nur Anregungen, welche er bot. Turandot; immer stärkere Anregungen, wie das Licht eines wachsenden Tages, in seiner Schrift „Zur Ästhetik der Musik“, in „Arlechino“; in seinen immer erstaunlichen Klavierkompositionen, welche dem Klavier — dem einstigen Spinett — so neue Dinge entlocken: Klangeinlagen, Klangunterlagen, eingebaute, eingetönte Perspektiven (wenn ich so sagen darf!) grüßen da aus unvermuteten Tiefen, wie grünleuchtende Seen. Auch rein äußerlich genommen, verfährt Busoni als Schöpfer mit ihm; auch auf den rein äußeren Ausbau dieses Instruments (immer ist ja der Entdecker in ihm rege!) drängen seine Kompositionen hin.
Scheint dies vielleicht von mäßigem Belang?
Welche Stunden äußerster Betrübnis muß das Genie durchleben! Wie müssen ihn da die Zweifel überwältigen, ob die ewig geschäftige und ewig unachtsame Welt das Geschenk denn auch entgegennehmen wird, welches ihr zu bereiten er sein Leben widmet!
Während sie von nichts anderem widerhallte, als ihrem sinnlosen Waffengedröhn, hielt Busoni sein schweres Ziel im Auge, drang er immer weiter vor, nahm er die Kurve, legte er die Schraube an. In seiner Isolation fand er die schöpferische Kraft, das Tor zu sprengen, und die in ihrem Riesenapparat festgefahrene, ja welkende Musik für eine neue Jugend flügge zu machen. Es wurden uns bis jetzt nur Bruchstücke seines „Faust“ bekanntgegeben, aber sie künden ihn ganz. Die reine Linienführung, die tempelhaften Umrisse einer neuen Klassizität, sanft gerundet, erheben sich wieder! Ein „Faust“ um so faustischer nur durch die neuen Streiflichter, die auf ihn fallen: die holde Blässe in der Feierlichkeit, ein in der Welt noch nicht dagewesener Adel des Klanges das Sfumato in der Trauer, Leonardisches, Latinismen . . .
Wenn ich sage, daß mit diesem seinem und zugleich so sehr unserem „Faust“ das Erbe Mozarts angetreten wurde, befürchte ich kein Dementi von der Zukunft.
Darf ich (so nebenbei) in Erinnerung bringen, daß Bettina Brentano über Beethoven, daß Julie de Lespinasse über Gluck zu beider Lebzeiten das Entscheidendste sagten?
Und wenn ich mich heute so gedrängt fühle, auf die Wichtigkeit Busonis immer wieder aufmerksam zu machen, so möchte ich hinzufügen, daß es in der Kunst sowohl wie in der Politik so etwas gibt wie ein „zu spät“. Auch hier sind die Gelegenheiten dahin, die man verpaßte — auch den Herren Klavierbauern rufe ich dies heute zu.
Busoni hat ja seinen Lohn sicher nicht dahin. Auf der von ihm freigelegten Bahn geht es weiter, und der Dank der Kommenden erwartet ihn. Aber sollen wir heute, wo die Kronen zu Dutzenden auf das Pflaster rollten, sie im Staube verkommen lassen und wie im alten Regime die wahren Könige nicht ausrufen und nicht unterscheiden?