Desgleichen die Luft, als ich nach der Sitzung unter die Lauben trat. Sollte man sich es wirklich antun, sie hinabzugehen? War nicht vielmehr die Erde, dieser schwarze und zertretene Schnee, sich in ihm einzubetten mit zugekehrtem Gesicht, die einzige und unendliche Lockung? Die wehe Fackel des Gedächtnisses zu löschen, so zu verlöschen, als sei man nie gewesen, dieses war der Himmel. Oh wer war das? Wer war die Kreatur, die diesen ganzen Tag hindurch alle Gesten des Lebens so staccato verrichtete, an den Speisen dieselbe entsetzliche und befremdende Miene wahrnahm, wie an den Pinzetten auf dem Tablett des Zahnarztes, und wohin sie sich auch wandte, die Flucht ergriff; als wäre sie die aus Hoffmanns Erzählung entronnene Olympia — die Lauben hinab, die Treppen hinauf — in ihr Zimmer zurücklief — und sich umzog! — Einen blauen Hut aufsetzte, einen blauen! — und einen blauen Schleier davorband, und in das betäubte Antlitz starrte, dem er so ungewöhnlich stand — und einen Besuch abstattete — an einem Ofen lehnte, an ein Fenster trat, und durch seine, vom leichten Druck getrübte Scheiben sah, den die Wärme des Zimmers hervorrief. Es saß einer da, der erzählte, doch nur die Türe nahm sie wahr, durch welche sie wieder entrinnen und ins Freie gelangen konnte . . .

Dort fing es an zu dunkeln. Es nahm auch dieser Tag ein Ende.

Nur auf dem freien Platz und über der Brücke war es noch hell. Rauh, grell und öde brütete ein durchnäßter Wintertag. Ungemildert fing ihn der „Gurten“ auf: eine dunkle, ansehnliche Masse, und dennoch niedrig stellte sich ihm oh, so traumlos entgegen! Tropfnaß alle Dächer, die Bäume ein wirres und aufgelöstes Haar.

Das Uhrwerk war abgelaufen, und sie stand nun endlich still, wie überwachsen von ihrer Not. Ein Martergriffel umriß für sie die ganze Stadt, die sich im Widerscheine eines Sterbetages zur Krypta schloß, das Siegel seiner Qual für immer aufgebrannt. So fiel ein Tor.

Beim ersten Laternenschein prallte sie zurück. Jedes Licht war eine Tücke. Kein Dunkel war tief und ununterbrochen genug. Und riefen ihre Wände nicht nach ihr? Zu ihnen nahm sie ihre Zuflucht, schloß ihre Türe und überließ sich der Erschöpfung. In ihren Kleidern wie auf einem Sarkophag, ohne sich zu rühren, ausgestreckt, lag sie in den Armen und am Herzen dieser Nacht.

Siehe — was tauchte da wieder vor ihr auf? — Sturmentlassen, mit verhängten Zügeln, wie einem geisterhaften Stalle zugekehrt, das entfärbte, fahlgewordene Roß, dessen Botendienst geschehen war.

Zum ersten Male entsann sie sich da auch des andern Bildes, das sich zwischen einer Kunde und ihrer Ankündigung gnädig und wie eine Gnade stellte.

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Und nun, oh Leser, fasse meine Hand, daß ich von dir selber gehalten, durch Dornen und Gestrüpp, Ziel, Sinn und Ende dieses Buches erreiche. Verlasse auf immer mit mir das Zimmer der vergeblichen Zusammenkünfte und folge mir nach Genf. Ferne dem traumlosen Berg, über der malerischen Stadt des nüchternen Lichtes, durch die Turmspitze versinnbildlicht, welche den Unterbau des Münsters niederdrückt, und seine Schönheit immerzu und immerzu verneint.

Selbst bei der schärfsten Bise leuchtete die Luft in Genf so abgetönt. Dort hauste ich nun, in einem unheizbaren Studentenstübchen im fünften Stock des hotel de Russie. Ein kleiner Balkon überhing die stets von Schwänen überzogene Insel Rousseau. Meine Taschen waren in diesen Tagen der Brotkarten mit Krumen wohlgefüllt, und mit heimlicher Befriedigung warf ich ihnen die rargewordene Speise zu. Nicht vergeblich glitten sie mir da immer sogleich, doch ohne jede unziemliche Eile entgegen. Ich sah ihnen oft lange zu. Sie standen in der Tierwelt so abseits; fast ein wenig abgerückt von der Natur. Bald würden sie zwischen ihren stolz aufgerichteten Flügeln ihre Jungen wie in einer geschlossenen Krone durchs Blaue tragen. Vielleicht gab ihnen ihre Ungefährdetheit die Muße, um den Tod zu wissen.