Die Zeiten waren derart, daß der Ortswechsel selbst einer so unwichtigen Person wie mir nicht unvermerkt blieb. Dinge aber, die mich vor kurzem in Aufruhr versetzt hätten, machten mir nicht das geringste. An der Telephonkabine war eines Morgens der Türgriff ausgekurbelt und wurde nicht wieder instand gesetzt. Dicht bei verbrachte ein dicker Herr seine Tage und rauchte Zigarren, indem er unverfroren horchte.
Indessen wurde ich von Herrn L — P. . . . dem Vater der im deportationsfähigen Alter stehenden Kinder aufs neue bestürmt. Seiner Frau blieben die Pässe verweigert. Ich schrieb jetzt auf gut Glück dem Grafen Carry, er möge mich über den Sonntag besuchen. Und richtig stand er da. Es war strahlendes Wetter, wir streunten über die Kais und aßen zusammen. An seine natürliche Güte hatte ich nie vergebens appelliert, und schließlich bildete sein Propagandawerk eine Art von Rettungsstation. An ihm klebte kein Blut. Da mir aber seine Beziehungen zur obersten Heeresleitung bekannt waren, log ich jetzt über die politische Zweckmäßigkeit einer Paßverleihung an die Familie L . . P . . . einiges Blaue vom Himmel. Wir setzten uns ins Freie. Erstaunliche Magnolien prangten schon in voller Blüte; an eine Tanne, grünblau, weiten Hauptes wie eine Pinie, und immerzu umschwirrt, preßte sich ein glückliches Vogelhaus. Carrys Augen hingen voll Entzücken daran.
„Da geht mein schlimmster Feind“, sagte er plötzlich. Klein, mit niederträchtiger Visage, kam hinter den Magnolien ein Landsmann von uns hervor. Von übelster Vergangenheit, dabei Träger eines großen Namens, für den Nachrichtendienst also wie geboren, lauerte er dem Frieden um so emsiger auf, als die Dauer des Krieges mit dem Interim seiner Rehabilitierung zusammenfiel.
„Natürlich haßt er Sie“, sagte ich zerstreut. „Was erwarten Sie sonst?“
Abends — der Graf war schon abgereist — kreuzte ich mich nochmals, über die Brücke zu den Schwänen gehend, mit der hochgeborenen Krapüle, die mit einem Basiliskenblick an mir vorüberging. Tags darauf — ich dachte gerade an das blauzerfließende Grün der Tanne und an den großen Blumenbaum, der in dieser Sonnenhelle wohl noch heller erblüht war, als ich ans Telephon gerufen wurde. Vor der Zelle saß trägen Auges der mir zugeteilte Herr mit der Nachmittagszigarre im Mund. Heute aber sollte er auf seine Kosten kommen. Denn im höchst aufgeregten Ton forderte mich eine Genfer Dame zu sofortiger Aussprache auf. Ihr Haus sei mir offengestanden, sie habe mir ihr Vertrauen geschenkt, und nun müsse sie hören, daß ich es mißbrauchte.
Ich machte mich ziemlich gemächlich auf den Weg zu ihrem Hause. Seit jenem Tage, als sich Bern für mich zur Krypta schloß, war mir erst bewußt, daß ich mit nichten ein verkannter oder verlassener, sondern einer der wenigen innerlich wirklich beschützten und durchschauten Menschen gewesen war.
Wie oft hatte — weit vorgreifend, ach! — mein Ohr das melodische Lachen zu hören geglaubt, wenn ich dereinst alles erzählen würde, alle Zwickmühlen und alle Abenteuer, in die ich geraten war.
Ein ganzer, ein wirklich unvergeßlicher Mensch, dachte ich, von Trauer niedergedrückt, ist nirgends zu Ende. Unerschöpft und ganz unausgespielt sinkt er zu Grabe. Abgerissen, doch nicht abgesponnen, ist der Faden eines solchen Lebens.
Wenn aber Kinder des Lichtes zusammentreffen, ist das schon ein Glück des Himmels. In dem hin und her ihrer Blicke und ihres erkennens liegt das Vorgefühl ihrer Macht. Zu uns komme ihr Reich.
Mit der Genfer Dame war ich schnell im reinen. Wir spielten beiderseits mit offenen Karten. Die hochgeborene Krapüle hatte verbreiten lassen, die deutsche Propaganda arbeite nunmehr mit so raffinierten Mitteln, daß sie kompromittierte Personen, wie mich, zu Werkzeugen mache. Den Beweis hielte er in der Hand. (Es war mein Frühstück mit dem Grafen Carry.) Natürlich war seine Behauptung wohl geeignet, mich in Genf unmöglich zu machen. Er hatte sich nur insofern verrechnet, als meine dortigen Freunde sich unverweilt mit mir ins Vertrauen setzten. Dieser Zwischenfall war also beigelegt.