Als ich wieder in die Allee einbog, welche von ihrem Hause bis hart an die Straße führte, drangen durch ein offengebliebenes Fenster die Worte: „Je suis bien contente de le lui avoir dit“ laut und vernehmlich ins Freie; Mir aber saß jetzt ein ödes Gefühl im Magen, ein Ekel, das würgen einer allzu krampfhaft unterdrückten Bitterkeit. Ein Durst zugleich; das lechzen des Trinkers, der nach dem Becher vergeht; es mußte etwas, das Palliativ, die Betäubung mußte her. Es war das alte Laster, hui! Und lag sie nicht dicht bei, die avenue de Florissant? wußte ich nicht, zufällig, daß sie dort wohnte, sie, die den Schlüssel zu den geheimen Toren hielt, die ich begehrte? Heute noch, nein, sogleich mußte ich hin.
Und schon betrat ich unangemeldet die großen Räume, in welchen die malerische Französin zwischen ausgehobenen Türen nach allen Seiten hin den Ausblick über Gärten und Büsche genoß. Es war eine ganze Welt von Bäumen in ihrem ersten Grün. Mademoiselle S., eine Pariserin der ernsten und wenig bekannten Art, trug einen orangefarbenen Foulard um ihren Kopf gewunden und gestand ihre Kopfschmerzen, aber nicht ihr Befremden über meinen Besuch. Wir hatten uns ein einziges Mal während des Krieges flüchtig kennengelernt, und nun lagerte ich, jedem Argwohn zuvorkommend, indem ich ihn einfach niedertrat, auf einem Diwan ihres Salons, den verwirrenden Frühlingszauber ihres Parkes vor Augen.
„Sie sind im Besitze der Adresse eines Mediums,“ sagte ich, „die ich suche.“ Und sie erhob sich, an ihnen Schreibtisch zu treten; eine hohe und dunkle Gestalt, weder so schön, noch so jung vielleicht, als sie an diesem Abend schien, den blassen und melancholischen Kopf vom seidenen Turban eng umschlossen, und all die Wipfel, die in den Rosenhimmel ragten, als Hintergrund. Sie reichte mir die Adresse, und wir sprachen von allgemeinen Dingen.
„Es muß heute doch ein eigener Segen auf allen Schlechtigkeiten ruhen,“ sagte ich, „da, was immer man Gutes und Hilfreiches unternehmen möchte, sofort in Mißlingen und Gestank aufgeht.“
„Wie könnte es anders sein?“ gab sie zurück, „das Geschwür ist noch lange nicht reif. Vorerst muß alles ihm allein zugute kommen.“
„Es gibt aber Geschwüre en permanence“, meinte ich. Doch sie schüttelte den Kopf, unbeirrbar in ihrem Glauben an eine bessere Zukunft.
Es herrschte zwischen uns die kurzbefristete Vertraulichkeit zweier Reisegefährten eines nächtlichen Zuges. Nichts ist so unverbindlich wie ihr Auseinandergehen.
Denn schon war ich wieder unterwegs, einer andern Himmelsrichtung, einem Genf, das ich nicht kannte, zugewandt, nicht wissend, daß es auch seine anonymen Viertel hatte, die scheinbar nicht zu ihm gehörten, sondern in ihrer Bedrücktheit ganz allgemein die Straßen einer größeren Stadt darstellen. Zwischen solchen Häuserreihen war ich jetzt auf der Suche, fand die Nummer, stieg vier Treppen hoch und läutete und wartete. Eine im Dunkel undefinierbare Gestalt öffnete endlich langsam die Türe.
„Wollen Sie mich melden?“ sagte ich, ohne meinen Namen anzugeben. Sie rührte sich nicht. „Wollen Sie mich melden?“ wiederholte ich. Sie schwieg. Sie war es selbst. Stumm standen wir einander gegenüber. Unsere Blicke belauerten, betasteten sich. So tauschen wohl in einer Höhle des Lasters zwei Eingeweihte zögernd ihre Erkennungszeichen: es waren die verschleppten Schatten unserer Augen und ihr matter und verlöschter Schein. Und wie loderte schon die Luft! Oh welch ein Wellengang! Welcher Sturm inmitten der Stille, die zwischen uns entstand. Ich folgte der Gestalt, die vor mir zurückwich. Sie trat, als hätte ich sie gestoßen, in die Umrahmung einer Türe, die hinter ihr nachgab, und taumelnd trat ich ein.
Dem glücklich Liebenden gleich streifte ich in jener Nacht, hingerissen, berauscht, von tröstlichen Schauern durchrieselt, die Kais entlang. Wie Antäus die Erde, hatte so mein Fuß die belebende Leere berührt? — War’s ein geistiger Aderlaß gewesen? War’s der letzten Hingabe entsetzliche Betäubung oder die eleusische Flut? Und wird sie einmal einer nennen dürfen, die einmaligen Gefilde ohne Wiederkehr und Verbieter des Wortes, die ein Blick zu ihnen ein Wenden des Kopfes nur, zu ewiger Ungewesenheit entstürzen läßt . . . .