Oh Eurydike!
Am nächsten Morgen, es war ein Sonntag, nahm ich das Schiff. Als es in Ouchy anlegte, zog mit einem Male Fortunio an Bord. Wir waren beide nicht wenig erstaunt. Ihn aber schien die Bläue des Tages und das in Verzückung zurücktretende Ufer von sich selbst fortgerissen zu haben, und es war ersichtlich, daß er träumte. Das Leben hielt er dann für schön, besann sich des Augenblickes und der Weltgeschichte, wie auch seines eigenen Erwachens nicht, sondern, ganz Echo, war er gefangen von ein paar Weisen, welche manchen Tages die Natur anhebt, und den verwandelt, der sie hört.
„Lassen Sie sich das Neueste erzählen“, stieß ich ihn an und gab mit allen Details die Mine zum besten, von der ich in Genf hätte auffliegen sollen. Wie ergiebig Graf Carry dabei mit „belegt“ worden war, kam erst später ans Tageslicht. Mit der Warnung an meine Schweizer Freunde nämlich, sich vor einer deutschen Agentin wie mir etwas in acht zu nehmen, erging gleichzeitig eine Meldung an deutsche Instanzen in Bern, Graf Carry wisse so wenig die Würde seines Amtes zu wahren, daß er sich nicht scheue, mit einer französischen Agentin wie mir öffentlich herumzuziehen. Aus dem Mittagessen wurde der Pikanterie halber ein trautes Souper.
„Diese Zeit“, sagte ich zu Fortunio, „hat den Untermenschen doch wirklich den Maibaum ihrer Existenzen gebracht, und es gehört mit zu den läuternden Wirkungen des Krieges, daß ihn die Krapülen überleben. Denn wenn eine, statt als sein Helfershelfer reklamiert zu werden, in die fatale Lage gerät, selbst an den Heldentod glauben zu müssen, so ist das doch ein ganz seltenes Pech.“
Fortunio fuhr mit dem Abendzug nach Bern zurück, und ich blieb in Clarens.
Um Ostern wollte ich Romain Rolland besuchen und sagte mich in Villeneuve an. Allein es war jener Karfreitagmorgen, an welchem eine oberste Heeresleitung, wie um seiner zu höhnen, die Kanonade von Paris nicht unterbrach, eine Kirche während des Kultes einstürzte und die Anwesenden unter sich begrub. Daß mein angekündeter Besuch auf das hin unterblieb, verstand sich von selbst. Für mein Gefühl war dieser Karfreitagsvolltreffer das schwarze Aß, das sich Deutschland selber ausgeworfen hatte. Eine solche Absage an die tragende Idee des Christentums war zu zynisch, um nicht ominös zu sein. Sie war — man verstehe mich recht — wüstester Protestantismus. Luther galt mir nur deshalb als einer der Ahnherren des Krieges, weil sein auftreten das Übergewicht des nördlichen über das westliche und südliche Deutschland anbahnte, und ein kahles, unkünstlerisches, unmusisches und humorloses Element in den Pulsen der Deutschen entsprang: Phantasielosigkeit und Unmusik. Wagt es vielleicht einer, Sebastian Bach einen Protestanten zu nennen? Der Protestantismus stak damals in seinen ersten Anfängen, noch belebt von der Wärme des Stammes, von dem er sich losriß: protestierender Katholizismus. Der wirklich ausgewachsene konsistorialrätliche Protestantismus gedieh erst in den letzten Dezennien zu der vollen Reife und dem gleichzeitigen Marasmus. Die fürchterlichen Lutherschen Kirchen, das toteste an Architektur, was in der Welt zu sehen ist, sind Geist von seinem Geiste. Alle unfrohe Geschmacklosigkeit, den Mangel an Grazie und Liebenswürdigkeit, das Reformkostüm, die Jägerwäsche danken wir ihm. Undenkbar, daß von München aus die Reichsbriefmarke, als die häßlichste der Welt, hinausgeflattert wäre. Nein! fürwahr, diese Germania stieg so recht als die fille ainée der protestantischen Kirche. Sie brachte den unheilbaren Riß, über den keine äußerliche Geeintheit hinweghalf. Denn ihr verdanken wir das verständnislose abrücken von der lateinischen und abendländischen Welt, das ein südliches, fränkisches und westliches Deutschland nie herbeigeführt hätte.
Statt des café du Nord wurde jetzt der Kursaal von Montreux meine Schreibstube. Den Nachmittag beschloß ich mit Vorliebe im kleinen Saal des Konservatoriums, wo ich mit einem russischen Cellisten musizierte. Aber A. H. Pax wollte wieder einen Beitrag. Es gibt heute nur ein Thema, schrieb ich ihm:
Und wir hätten alles von der Methode jener glücklichen Spekulanten zu lernen, welche sich offenkundig als die weitaus schärfsten Psychologen erwiesen, indem sie irgendein Präparat, eine Zahntinktur oder ein Extrakt dadurch zu allgemeinster Geltung verhelfen, daß sie deren Bezeichnungen in grellen Riesenbuchstaben an Mauern, Säulen und Schlöten anschlagen, sich gleichsam an die Fersen des Vorübergehenden heften, selbst auf Bergeshöhen sich zwischen ihn und die Aussicht schieben, ja von Felswänden herab ihm unerwartet Odol! Haarlin! oder Bovril! entgegenschreien.
Wäre heute nicht die Beachtung gewisser Zustände mit einer ebensolchen vorbildlichen Hartnäckigkeit zu erzwingen? Durch ein ungeheures Preisausschreiben etwa, das an alle Maler, der ältesten wie der neuesten Schule, erginge, um auf Bildern und Plakaten, mit beliebigem Raumverbrauch, die Wirklichkeit zu illustrieren, allen Brücken und Wegen entlang sie immerzu neu einer Allgemeinheit zu veranschaulichen, deren geistigen Stumpfsinn nur jene Menschenkenner von Spekulanten voll ergründeten. Daß es keine intellektuelle Notwehr gibt, und daß wir lieber untergehen als daß wir dächten, hielten wir ja nicht für möglich, bevor wir es erlebten. Wie hätte sonst über unsere Köpfe hinweg jene Phalanx der Niedrigen zustande kommen können, die sich heute mit so bewundernswerter Regie über alle Grenzen hin in die Hände arbeiten? Auf uns, die sie gewähren lassen, fällt der Fluch dieser Zeit zurück. Nicht auf die schlechten, deren Tun im Einklang steht mit ihrem Wollen; auf uns, nicht auf die Knechte, welche sich zu unseren Herren machten, sondern auf uns, die wir uns von ihnen knechten ließen. Sollte der Tag hereinbrechen, an dem es zu spät sein wird für unser zusammengehen, so werden wir, die guten Willens sind, als die Schuldigen stehen, weil uns der Mut unseres besseren Wissens gebrach, dem Genius des Krieges die Siegermaske von der gedankenlosen Stirn zu reißen. Ah! wir bedachten nicht den tiefen Sinn jener Sage, welche den Drachentöter die Sprache der Vögel verstehen ließ, als er vom Blut des erlegten Ungeheuers genoß!
Es waren stille Tage. Der Sommer reifte wie eine Frucht. Schon rissen Gewitter den Himmel auf und schlugen die Wellen bis zu den herabhängenden Blüten am Ufer. Und die Nächte verströmten betäubend und lau. Es war ein Wandeln wie im Traum, bedrückend und begeisternd zugleich. Meine Unterredung mit dem Grafen Carry datierte vom 5. Mai. Schon am 17. depeschierte er mir, die Pässe für Frau v. L . . . . und ihre fünf Kinder seien gewährt.