In den Weinbergen surrte das Licht, die goldenen Bienen waren eins mit ihm. Ob man lebte oder gestorben war oder eben geboren wurde, machte keinen Unterschied. Es war zu heiß. Den schönen Damen standen die Koffer gerüstet. Ihre neuesten Kostüme und Kleider, die seidenen Sweater und die Hüte und die Schuhe kannte man jetzt. Es war Zeit, in einem neuen Ort neu darin zu erstehen.
Für den 29. waren in Zürich Busonis Opern unter seiner Leitung angesagt. Dort sollte ich mit Fortunio zusammentreffen, und dann an den Thuner See mit ihm fahren. Aber statt seiner kam ein Brief, und meine Stirne umwölkte sich beim Anblick seiner Adresse: Es war ein Mißgriff und eine Illusion, daß er die Villa des geölten Nibelungen bezog. Kurz herausgesagt, wir beiden konnten einander nicht leiden. Ich grollte ihm nicht, weil er meine Haltung verurteilt und mir versichert hatte, wir seien immer noch zu anständig; sein plötzlicher Radikalismus, vielmehr die Art, wie er sich als unser Leithammel aufwarf, ärgerte mich. Denn er war keiner von den Unseren. Mit Lanze und Speer kam ich ins Spiezer Schloßhotel, ihn zu bekämpfen. Dort warteten A. H. Pax und seine unschätzbare Gattin seit einer Woche meiner. In der Halle stand ein Bechstein, und von Paxens tiefer Loggia aus hatte man den Blick nach Süden über die Alpen und den See. Bei ihnen waltete Überblick, Wissen und Nächstenliebe, dazu ein Aroma von Wiener Kaffee und Gemütlichkeit, die nicht zu überbieten waren.
Die Villa des Geölten lag unter den Tannen in der Tiefe, einen Kilometer entfernt und in wundervoller Lage. Ein kurzer Weg bog vom Gitter bis zum Hause, als wäre er unendlich, ein. Die veredelten Kirschbäume, die ihn beschatteten, bestahl ich, soviel ich konnte. Es verdroß Fortunio, doch ich erklärte, Kirschen nur vom Baume essen zu können, und riß im vorbeigehen immer welche herab. Es waren wirklich Kirschen für Hesperiden. Die unteren Zweige hingen schon leer.
Der geölte Nibelung gehörte dem Geschlecht derer an, die nicht nur geschäftskundig, sondern auch mit regen Sinnen für das Schöne begabt, zu überaus tüchtigen Faktoren berufen, dabei haarscharf an ihre Stelle zu verweisen, ja niederzuhalten sind. Unsachlich, ungedanklich, nur der Witterungen, aber keiner Erkenntnisse fähig, konnte er sich nach innerer Herkunft und Bestimmung höchstens zum Sklavenhalter, niemals zum Herren vermögen. Gütiger Regungen sehr wohl fähig, war der geölte Nibelung infolge seines unbändigen Ehrgeizes der glücklose Knecht, außerstande sich zu bescheiden. Über ihn wölbte sich der freie Himmel nicht unmittelbar, zwischen ihm und dem Äther, den Göttern und der Natur lastete eine trennende Kuppel. Fortunio aber, und wenn er tausendmal zerschellte, war ein Sohn des Lichts. An ihn klammerte sich der Geölte, von trüben Stacheln getrieben, und eiferte um die gleiche Stufe der Leiter mit ihm; von Eifersucht und Zuneigung gleicherweise gequält, suchte er — immer unbewußt — ihn an sich zu reißen oder ihn zu verderben. Seine Gattin liebte es, vierhändig zu spielen, ihr Anschlag war eine Pein, und ich stand sehr bald mit beiden übers Kreuz. So ging ich nicht mehr den kurzen Weg, der zwischen Gitter und Haus ins Unendliche lief, und sah von dieser Stelle aus nicht mehr den Niessen wie eine Riesenpyramide inmitten des fruchtbaren Tales stehen.
Der Himmel freilich kam hier nie zur Ruh, und die Gegend war mehr eine großartige, opernhafte Szenerie, denn eine Landschaft, das Licht ein Beleuchtungsapparat; statt der Spiegelungen hatte man Effekte. Das Schreckhorn leuchtete in der Verkürzung, der See war eine Arie.
„Komm, komme!“ schrieb der Seidenaff aus St. Moritz. „Wer weiß, was mit uns in einem Jahre geschieht.“ Und eines Morgens reiße ich aus, um den Sommer im Engadin zu beschließen.
Mein Weg führt über Bern, und ich mache bei Martin im Walde halt. Er ist schwer niedergedrückt. Das deutsche Verhängnis war für jeden, der außerhalb des Landes wohnte, unaufhaltsam. Ich schreibe eine Depesche unter seinem Diktat und renne damit zum bayrischen Gesandten. Dieser besteht darauf, Martin im Walde selber zu sprechen: ich also mit Windeseile zu ihm zurück und ihn so lange quälend, bis er mir folgt. Aber welch ein Interview! Alle heißen und kalten Wasserhähne sprühten um die Wette, daß es nur so pfiff.
Die Depesche hat er aber abgeschickt, mache ich auf dem Heimweg geltend.
Sie übermittelte jedoch diejenige Brause, die man sich auf Wochen noch verbat.
Fluchtartig verließ ich die Stadt der vergeblichen Zusammenkünfte.